200 Jahre Velo Das Velo, eine Liebesgeschichte

Das Velo wird 200 Jahre alt – und es erlebt gerade eine zweite Geburt. Weil es die Umwelt schont. Und weil man dem Velo in der Stadt wieder mehr Raum geben will.

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Bildlegende: Im Herzen ist das Velo längst angekommen, aber in den Köpfen der Stadtplaner noch nicht. Keystone

Am 12. Juni 1817 sah man in der Stadt Mannheim einen Herrn auf einem seltsamen zweirädrigen Gefährt vorbeifahren. Er rollte von seinem Wohnhaus bis zum Schwetzinger Relaishaus im heutigen Stadtteil Rheinau.

Der Tag, an dem Freiherr Carl von Drais mit seiner «Draisine» diese erste Ausfahrt unternahm, gilt als der Geburtstag des Fahrrads.

Eine nicht gesicherte Theorie besagt: Die «Draisine» wurde erfunden, weil damals das Klima verrückt spielte. Zwei Jahre zuvor war auf Indonesien der Vulkan Tambora ausgebrochen. Seine Asche verursachte einen Temperatursturz weltweit.

Der Geburtstag des Fahrrads: Carl von Drais auf seiner «Draisine». Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Der Geburtstag des Fahrrads: Carl von Drais auf seiner «Draisine». Keystone

Die «Draisine» sollte die Pferde ersetzen, die damals dahinstarben – das Velo soll das erste Vehikel sein, das aus einer Umweltkrise heraus erfunden wurde.

Zukunft auf zwei Rädern

Heute braucht es keine Theorie, um diese Aussage zu bestätigen. Denn das Velo ist das beste Vehikel, um ganz viele Umweltprobleme unserer Zeit zu lösen.

Zum Beispiel Kopenhagen: Immer mehr Städte richten ihre Verkehrspolitik wie Dänemarks Hauptstadt aufs Fahrrad aus – mit Veloautobahnen, grüner Welle fürs Fahrrad und neuerdings auch mit einer guten Anbindung der Innenstädte an Vororte und ans Umland.

Allein in Europa wurden 2015 über 20 Millionen Fahrräder verkauft – in der Schweiz waren es letztes Jahr 324’000 Stück. In der Schweiz werden pro Jahr durchschnittlich 264 Kilometer mit dem Velo zurückgelegt – ein Bruchteil der mit dem Auto gefahrenen Kilometer.

Die Leichtigkeit des Seins

Das Velo ist ein technisches Wunder, weil es so einfach ist. Ein Rahmen, zwei Räder, ein Gelenk, eine Kette, zwei Pedale, ein Sattel, fertig. So wenig Technik auch, die kaputt gehen kann. Und es braucht zum Fahren nur eine Fertigkeit, die auch im Leben nützlich ist: Sinn fürs Gleichgewicht.

Eine Veloautobahn. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Immer mehr Städte richten ihre Verkehrspolitik aufs Fahrrad aus – mit Veloautobahnen. Keystone

Dennoch: Es gibt heute Liebhaber, die aus dem Velo einen Kult gemacht haben, wie der Veloliebhaber André Schwyn, der seine Rennmodelle bis in die allerletzte Schraube auseinandernimmt. Oder all jene Velobauer, die in ihren Shops exklusive Fixies anbieten.

Velo ist Lifestyle, aber Velo ist auch ein Wirtschaftsfaktor. Bei der Schweizer Firma MTB Cycletech etwa achtet man sehr genau auf die Entwicklung des Marktes.

Der Trend geht klar in Richtung Elektrovelo. Jedes vierte verkaufte Velo in der Schweiz hat einen Motor – Tendenz steigend. Mit der Folge, dass Velos auf den Strassen vielleicht bald einmal nicht mehr wie die Fussgänger dem «Langsamverkehr» zugerechnet werden.

Bewegung, aber wie

Ohne Bewegung, kein Fortkommen: Daran hat sich nichts geändert. Aber manche mögen's bewegter als andere. Die Downhiller vor allem, die extremen Mountainbiker, die mit ihren Fullies waghalsige Parcours absolvieren.

Das Downhillen war lange Zeit eine Männerdomäne – neuerdings stossen auch Frauen in dieses Segment vor. «Ladybiken» ist in, ganz generell. Das Velo als Sportgerät ist nicht mehr eine Männerdomäne. Auch die Veloclubs haben das erkannt.

Überhaupt die Frage der Geschlechter: Lange Zeit stand das Velofahren bei Frauen unter dem Verdacht der Unzucht, wegen der besonderen Form des Sattels.

Der Onanieverdacht, wie das Gudrun Maierhof und Katinka Schröder in ihrem Buch «Sie radeln wie ein Mann, Madame» aufzeigen, war aber vor allem eines: der Versuch, die Frauen vom Velofahren fernzuhalten.

Denn früh schon war das Velo für Frauen vor allem eines gewesen: eine Möglichkeit der eigenständigen Fortbewegung, günstig, unabhängig, ein Ausdruck einer Emanzipation.

Raum schaffen

Kein anderes Vehikel braucht so wenig Platz wie ein Velo. Deshalb wurde es bei der Städteplanung lange auch dorthin gedacht, wo man es normalerweise hinstellt – an den Rand.

Doch Velofahrerinnen und Velofahrer erobern sich den Raum zurück: mit Aktionen, mit Protesten, manchmal auch mit individuellem Ungehorsam, da und dort auch mit Volksinitiativen.

Sie fordern sichere Velowege, sichere Kreuzungen, eigene Spuren, gesicherte Parkiermöglichkeiten. Kurz: Sie erobern sich den Stadtraum zurück.

Wollen sichere Velowege und eigene Spuren: Velofahrer an einer Demonstration. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Wollen sichere Velowege und eigene Spuren: Velofahrer an einer Demonstration. Keystone

Und die Verkehrsplaner erkennen, so sagt es der Direktor des Dänischen Fahrradbundes, Klaus Bondam, dass Velofahrerinnen und Velofahrer vor allem eines brauchen: etwas Anerkennung. Die Anerkennung, dass es sie gibt. Dass sie Platz brauchen. Dass sie vorankommen wollen. Mit einer grünen Welle, auf eigener Spur.

Im Herzen, so viel ist sicher, ist das Velo längst angekommen, aber in den Köpfen der Stadtplaner noch nicht.