Zum Inhalt springen

Header

Audio
Anthropologe und Anarchist: David Graeber ist tot
Aus Kultur-Aktualität vom 04.09.2020.
abspielen. Laufzeit 03:25 Minuten.
Inhalt

David Graeber gestorben Bullshit-Jobs waren sein Metier

Keiner machte sich witziger lustig über den Irrsinn unserer Arbeitswelt als der Anthropologe David Graeber. Nachruf auf einen Vordenker.

Ein Buchhalter schreibt jeden Monat Reportings, die er einem grösseren Verteiler zukommen lässt. Einmal fehlt ihm die Zeit, um diese Berichte zu schreiben. Keine Reaktion der Adressaten. Er lässt es also weiterhin bleiben. Nach Monaten meldet sich einer der Adressaten: Wo denn das Reporting bleibe?

Der Buchhalter fragt zurück: «Was machst du jeweils damit?» Antwort: «Ich lege es ab.» Das ist ein Beispiel für eine der sinnlosen Aufgaben, wie sie David Graeber in seinem Weltbeseller «Bullshit-Jobs: Vom wahren Sinn der Arbeit» beschrieb.

Graebers Grundaussage: Die Hälfte aller Jobs in der westlichen Wirtschaft seien «Bullshit-Jobs», also sinnlose, nutzlose Beschäftigungen, die weder den Mitarbeitenden noch den Unternehmen etwas bringen.

Der Bürokratie den Kampf angesagt

In der «Sternstunde Philosophie» erklärte er 2016 , dass die Einschätzung, ob eine Arbeit ein Bullshit-Job sei, auf der Ansicht der Mitarbeitenden selbst beruhe.

«Die meisten Firmenanwälte finden, wenn sie verschwinden würden, wäre die Welt nicht schlechter», sagte Graeber. Oder: «Telemarketing-Abteilungen haben Firmen nur, weil andere es auch haben.»

Video
Aus dem Archiv: David Graeber: Wir bürokratisieren uns zu Tode
Aus Sternstunde Philosophie vom 01.05.2016.
abspielen

Die meisten Bullshit-Jobs fänden sich aber in der Firmenbürokratie: Mittlere Manager, die Meetings organisieren und Reports schreiben.

Andere Leute wiederum organisieren Meetings, um diese Reports zu lesen, und es wird gewetteifert, wer über mehr Mitarbeiter verfügt, so Graeber. «Niemand von denen tut wirklich etwas!»

Es begann beim Smalltalk

Sich mit diesen leeren Tätigkeiten zu befassen, darauf hätten ihn Partys gebracht, sagt David Graeber. Gefragt, was sie täten, hätten ihm viele Leute geantwortet: «Oh, nichts Wichtiges, ich gehe einfach ins Büro.»

«Das passierte so häufig. Ich fragte mich: ‹Wie viele Leute gehen jeden Tag zur Arbeit und denken, ihr Job ist nutzlos?› Dem Chef gegenüber oder öffentlich würden sie das natürlich nie zugeben», so Graeber.

Er wollte, dass die Leute ihm von ihren sinnlosen Jobs erzählen. «Wie kann man würdevoll arbeiten, wenn man den ganzen Tag nichts Rechtes zu tun hat? Und das ein ganzes Leben lang?».

Das war die zentrale Frage für David Graeber, der aus einer Arbeiterfamilie stammte. Die sogenannt gewöhnlichen Leute standen für ihn im Fokus.

Video
Aus dem Archiv: David Graeber – Warum uns Schulden versklaven
Aus Sternstunde Philosophie vom 13.10.2013.
abspielen

Je relevanter der Job, desto schlechter der Lohn

Der Professor der London School of Economics stellte auch fest, «dass eine Arbeit umso schlechter bezahlt wird, je offensichtlicher sie anderen Menschen nützt».

Beim Pflegepersonal und Müllarbeitern werde gespart, während die «Bullshit-Jobs» aufgeplustert und aufgestockt würden: Firmenanwälte, Lobbyisten, Public-Relations-Personal, Unternehmensberater, Consultants, Broker.

Sie sässen stundenlang in Besprechungen, in denen es nicht um Wichtiges, sondern einzig um den Stellenwert eines Managers in der Firma gehe. Reine Bürokratie.

Immerhin könnten die Millionen von «Bullshit-Jobbern» ihre Familien ernähren. Doch sinnlose Arbeit zu verrichten, führe zu moralischem und seelischem Elend.

37 Prozent der Arbeitnehmenden in Grossbritannien und den Niederlanden gaben übrigens in einer Umfrage, Link öffnet in einem neuen Fenster an, nicht recht zu wissen, worin ihre Arbeit besteht und im Job unglücklich zu sein.

Auf diese Irrwege des Wirtschaftssystems hingewiesen zu haben, ist das bleibende Verdienst von David Graeber. Er ist am Mittwoch mit 59 Jahren in einem Spital in Venedig gestorben.

Sendung: Radio SRF 2 Kultur, Kultur Aktualität, 4.09.2020, 17:20 Uhr

Meistgelesene Artikel

Nach links scrollen Nach rechts scrollen

10 Kommentare

Navigation aufklappen Navigation zuklappen

Sie sind angemeldet als Who ? (whoareyou) (abmelden)

Wir haben Ihren Kommentar erhalten und werden ihn nach Prüfung freischalten.

Einen Kommentar schreiben

verfügbar sind noch 500 Zeichen

Mit dem Absenden dieses Kommentars stimme ich der Netiquette von srf.ch zu.

Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.

  • Kommentar von Urs Ziegler  (Urs Ziegler)
    Sorry, aber David Graeber war weder der Erste noch der Einzige, der sich zum "Bürokratie" Gedanken gemacht hat. Das Thema ist mindestens seit Max Weber bekannt. Ein ganzer Zweig der Betriebswirtschaft beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit diesem Thema mit Hunderten von Publikationen. Und, das lustigste ist, dass die Bürokratie heute computerisiert wird. Heute wird der erwähnte Report automatisch per Mail verschickt und dort ebenso automatisch und sinnlos ins Mailarchiv abgelegt.
    Antworten anwählen um auf den Kommentar zu antworten
    1. Antwort von Emil Huber  (Deuter)
      Nicht nur aufgeblasene Bürokratie gehört zu den Bullshit Jobs.
      Sondern auch alle Arbeit, welche nicht zur Wertschöpfung und der Erfüllung von Bedürfnissen der Gesellschaft dient.
      Dazu gehört auch die affenartige Gier nach ständig neuem.
      Immer kürzere Lebenszyklen von Gebrauchsgütern, wenn nicht gar geplante Obsoleszenz. Dabei geht es dort bei Licht besehen nur um die Erhaltung von Arbeitsplätzen. Womöglich noch verbunden mit viel künstlichem Stress bis zum BurnOut. Arbeit zum Selbstzweck?
  • Kommentar von Stefan Olarte  (Oikaner)
    Ich habe mir gerade sein neuestes Buch: "On Kings" runtergeladen.

    Seine Stimme hätten wir in den nächsten zwanzig Jahren noch gebraucht...

    @
    Antworten anwählen um auf den Kommentar zu antworten
    1. Antwort von Emil Huber  (Deuter)
      So ist es. Leider scheinen die Personen, welche die Menschheit wirklich weiterbringen könnten, immer weniger zu werden.
      Nach dem Tod von Bernard Lietaer welcher gesagt hat: "Mit einem Geldsystem aus der Steinzeit wird man weder das Problem des Klimawandels, noch das der Arbeitslosigkeit lösen. Auch nicht das der gesellschaftlichen Überalterung oder der Rentensicherung." ist nun auch Graeber verstorben.
  • Kommentar von David Brunner  (db)
    Tja Herr Zehnder, was würden Sie schätzen, wie viele Bullshitjobbers arbeiten ungefähr bei SRF?
    Antworten anwählen um auf den Kommentar zu antworten