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Legende: Audio Historiker Brendan Simms betrachtet die Ereignisse aus der Vogelperspektive abspielen. Laufzeit 04:03 Minuten.
04:03 min, aus Kultur-Aktualität vom 25.03.2019.
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Die Briten und Europa Ein nüchterner Blick auf das endlose Gezänk

Im Buch «Die Briten und Europa» schaut der Historiker Brendan Simms auf den Brexit – mit überraschender Perspektive.

Manchmal klingt Brendan Simms in seinem Buch «Die Briten und Europa» wie ein Historiker, der aus der Zukunft auf die aktuellen Ereignisse zurückblickt: «Die Brexit-Abstimmung löste im Vereinigten Königreich und anfangs auch im übrigen Europa eine Krise aus», schreibt er.

Alte geopolitische Muster seien wieder hervorgetreten. Und weiter: «Nicht nur der Friedensprozess Nordirland stand auf dem Spiel, sondern auch die Souveränität und Sicherheit des Vereinigten Königreichs.»

Legende: Video Grossmachtallüren – Ein Historiker reklamiert den Sonderfall abspielen. Laufzeit 04:05 Minuten.
Aus Kulturplatz vom 20.03.2019.

Es ist ein einfacher, und doch wirkungsvoller Kunstgriff, den der irische Historiker am Schluss seines Buchs anwendet: Er historisiert die Brexit-Wirren der Gegenwart und schildert sie mit der nüchternen Distanz des Imperfekts. Das alleine hat etwas Wohltuendes in diesen aufgeregten Zeiten.

Insel versus Festland

Der Geschichtsprofessor aus Cambridge interessiert sich für die grossen Linien. Auf knapp 400 Seiten erzählt er, wie sich das Verhältnis zwischen der britischen Insel und Kontinentaleuropa seit dem Mittelalter entwickelt hat.

Eine Illustration: Zwei Bullen mit je einer Europa - bzw. Britannien-Fahne auf dem Rücken stossen sich die Köpfe ein.
Legende: Der hitzigen Debatte setzt Brendan Simms mit «Die Briten und Europa» ein nüchternes Buch entgegen. Getty Images / Marcus Butt

Es ist die Geschichte einer fast schon obsessiven Langzeitbeziehung: Zwei, die sich im Grunde stets fremd waren, und doch nie voneinander losgekommen sind.

Der Wille zur Abgrenzung

Aus dieser Langzeitbeobachtung ergibt sich eine überraschende Perspektive. Der Brexit erscheint so nicht als Unfall der Geschichte, eher als Ende eines Intermezzos. Denn dass sich Grossbritannien überhaupt so stark in ein Gebilde wie die EU einbinden liess, ist historisch gesehen erstaunlich.

Der Wille zur Abgrenzung und das Gefühl der Bedrohung sind historische Konstanten, die Simms in seinem Buch anschaulich herausarbeitet.

Buchhinweis

Brendan Simms: «Die Briten und Europa. Tausend Jahre Konflikt und Kooperation», 2019, Deutsche Verlagsanstalt.

«Historisch gesehen war die Bedrohung bis Ende des Kalten Krieges da», sagt Simms. «Ich glaube, dass die Befürworter des Brexits diese Bedrohung aufgebauscht haben. Andererseits hat das Verhalten der Europäischen Union über die letzten zwei Jahre diesem Gedanken Auftrieb gegeben.»

Die EU hält Brendan Simms für ein Fehlkonstrukt. Im Buch beschreibt er sie als «moderne Form des alten Heiligen Römischen Reiches» – aufdringlich, aber glücklos, weil kein echtes staatliches Gebilde.

Ein Abschied wäre kein Unglück

Man müsse sie reformieren, meint Simms, und zwar nach dem Vorbild der Union zwischen England und Schottland im 18. Jahrhundert. Damals wurde die Macht entschieden an einem Ort zentralisiert. «Am britischen Wesen soll Europa genesen», sagt Simms.

Das aber heisst für ihn auch: Ein Abschied aus der EU in ihrer gegenwärtigen Form wäre für Grossbritannien kein Unglück. Entsprechend optimistisch zeigt er sich mit Blick auf eine Post-Brexit-Ära.

Wie der Brexit historisch zu bewerten sei, lasse sich frühestens in einigen Jahrzehnten beurteilen, meint Simms. «Wenn der Brexit rückgängig gemacht wird, dann wird man sagen: Das war alles nur eine Rebellion. Geschaffen teils von Ignoranten, teils von einmischenden auswärtigen Staaten wie Russland», erklärt er.

«Gelingt der Brexit, wird man sagen: Das musste so sein», so Simms. «Denn die britische Geschichte war fundamental anders als die des Festlands in Europa, und man ist einfach zum Ursprung zurückgekehrt.»

Er könne das aber nicht mit Bestimmtheit sagen, schliesslich könne er ja nicht in die Zukunft schauen. Ein Historiker der Zukunft ist Brendan Simms nicht – auch wenn sein Buch manchmal danach klingt.

3 Kommentare

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  • Kommentar von Lars Benvenido (Swisslars)
    Was sehr schlimm ist in dieser Geschichte; weder England noch die EU haben begriffen, dass sie sich mit diesen unnötigen "Grabenkämpfen" ihr eigenes Grab schaufeln. Europa nimmt sich viel zu wichtig. Es gibt immer mehr wirtschaftliche Grossnationen die sich natürlich freuen wenn sich Europa selber zerlegt. Die Schweiz gehört auch dazu. Nur wir haben den Vorteil, dass wir ziemlich flexibel und klein sind. Somit könnten wir mit einem blauen Auge davon kommen.
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  • Kommentar von F. W. Stark (FiWo)
    Ob die Briten nun die EU verlassen oder nicht - beides ist keine Katastrophe. Das Leben wird weitergehen, die mächtige globalisierte Wirtschaft wird sich nicht lange von der Politik bremsen lassen und neue Wege finden.
    Europa ist ein Haufen konkurrierender Nationen und Modelle. Das ist wertvoll und lebenswert. Eine europäische Identität, nationalistisch wie die USA, Russland oder China, wird es wohl nie geben. Egal, es geht auch anders.
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    1. Antwort von Delmar Lose (Globetrotter)
      Was soll daran "wertvoll und lebenswert" sein? Konkurenzkampf ist das übel unserer Zeit und führt zu all dem Elend in unserer Welt inklusive der ausbäutung und zerstörung unseres Lebensraumes der Natur! Schon unglaublich wie viele Menschen indoktriniert sind zu einem Masse das ganz blausible Fakten zu verschwinden scheinen....
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