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Wie LGBTIAQ+-freundlich sind die Künste?
Aus Kontext vom 06.04.2021.
abspielen. Laufzeit 53:18 Minuten.
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Diversität in der Kultur Queerness im Kulturbetrieb ist nicht normal

Auf der Strasse sind queere Menschen eine Selbstverständlichkeit. Was erleben sie im künstlerischen Alltag?

Im Februar setzten sich unter dem Hashtag ActOut und mit einem grossen Bericht im Magazin der «Süddeutschen Zeitung» 185 queere Schauspielerinnen und Schauspieler für Offenheit und Akzeptanz namentlich in der Film- und Fernsehbranche ein.

Sie nahmen damit Bezug auf eine Aktion aus dem Jahr 1978, als im deutschen Magazin «Stern» unter dem Titel «Wir sind schwul» an die 700 Männer sich outeten und kurze persönliche Statements veröffentlichten. Das ist mehr als 40 Jahre her.

Was bedeutet queer?

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Der Begriff steht für alle Gender-Identitäten, die sich nicht der Heteronormativität und der Mann-Frau-Binarität unterordnen. Wobei sich der Begriff eben gerade dadurch auszeichnet, dass er Identitäten nicht scharf abgrenzt, sondern dass er offen für diverse Bedeutungen ist. Dadurch kann er sichtbar machen, wie Machtverhältnisse Identitäten hervorbringen.

Wer darf mitmachen?

Noch heute raten Agenturen vielen queeren Künstler*innen von einem öffentlichen Coming-out ab, um ihrer Karriere nicht zu schaden. Einem queeren Schauspieler, so das Vorurteil, nehme man den feurigen Frauenliebhaber nicht mehr ab. Wenn heterosexuelle Schauspieler hingegen queere Figuren spielen, werden sie gern für ihren «Mut» gelobt.

Es geht also um Doppelmoral und um Teilhabe. Die grundsätzliche Frage lautet: Wer darf mitmachen? Wer hat die Machtposition und verteilt die Rollen, und da zeigt sich jetzt eben ein Kampf um Zugehörigkeit.

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Aus dem Archiv: Wie queer ist die Welt?
Aus Kulturplatz vom 23.10.2019.
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Und zwar um Zugehörigkeit nicht nur, wenn es um eine spezifisch queere Expertise geht, positiv gesagt, oder negativ gesagt darum, dass man das queere Klischee ausstellen will. Denn häufig werden queere Menschen auf ein Zerrbild reduziert, das die Vielfalt der Lebensentwürfe bei weitem nicht abbildet.

Der Nachwuchs ist progressiver

Die Künste hinken dem sozialen Alltag hinterher. Am kämpferischen Horizont steht das Ideal einer Teilhabe, bei der die Queerness als Identitätsmerkmal überhaupt nicht mehr im Vordergrund steht.

Von diesem Ideal, dass queere Figuren nicht mehr allein über ihre Queerness identifiziert werden, ist der Kunstbetrieb noch weit entfernt. Aber in den Kunsthochschulen, in Arbeiten des künstlerischen Nachwuchses sieht es schon anders aus. Hier manifestiert sich queere (und andere) Diversität gelegentlich mit Empowerment und mit einer Selbstverständlichkeit, wie sie in den heutigen Strukturen noch nicht vorstellbar ist.

Queere Tipps – Film

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Legende: Netflix-Serie «Pose». Netflix
  • Jan Gassmann: «Off Beat» (2011) – Sensibler Spielfilm im Dok-Stil des damals erst 26-jährigen Schweizer Regisseurs Jan Gassmann über einen Rapper, der seine Homosexualität verheimlicht. Trailer
  • Céline Sciamma: «Portrait de la jeune fille en feu» (2019) – Leidenschaftliches, sinnlich inszeniertes Liebesdrama zwischen zwei Frauen im 18. Jahrhundert. Trailer
  • Netflix-Serie «Pose» (2018) – Von der Kult-Doku «Paris Is Burning» inspirierte Serie über die Ballroom-Szene im New York der 1980er-Jahre und deren Mitglieder: Schwarze Transfrauen. Die Themen Aids, Transphobie und Einsamkeit stehen Freundschaft, Liebe und Lebensfreude gegenüber. Trailer

Queere Tipps – Schauspiel

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Legende: Szene aus «This Is Me*». ROBERTO CONCIATORI
  • Boris Nikitin: «Hamlet» – Der Performer Julian Meding und der Regisseur Boris Nikitin entwickeln anhand Shakespeare und weit über Shakespeare hinaus eine faszinierende queere Selbstbefragung. Mehr Infos
  • fleischlin/meser: «This Is Me*» – Was genau soll das sein, «das Normale»? Die Performerinnen Beatrice Fleischlin und Anja Meser bringen Gender und Identitäten zum Flimmern. Mehr Infos
  • Falk Richter: «Small Town Boy» – Der zeitgenössische Klassiker zum queeren Empowerment. Mehr Infos

Queere Tipps – Musiktheater

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Legende: Szene aus «Andersens Erzählungen». Sandra Then

  • Jherek Bischoff, Jan Dvořák: «Andersens Erzählungen» (Theater Basel, 2019) – Nicht Fisch, nicht Vogel, nicht Mensch, nicht Tier – queerer geht es nicht. Regisseur Philipp Stölzl lässt Realität und Fiktion in dieser Geschichte über den Dichter Hans-Christian Andersen in einem wahrhaft märchenhaften Kosmos aufgehen. Trailer
  • Andrea Scartazzini/Thomas Jonigk: «Edward II» (Deutsche Oper Berlin, 2017) – Scartazzinis düsteres Musiktheater hat mit völliger Selbstverständlichkeit eine schwule Persönlichkeit als Titelfigur. Mit Erfolg. Die Produktion ist mittlerweile sogar als CD erhältlich. Trailer
  • Claudio Monteverdi: «L’Orfeo», «Il ritorno d’Ulisse in patria», «L’Incoronazione di Poppea» (Komische Oper Berlin, 2012) – Der Einstand von Barrie Kosky als regieführendem Intendanten der Berliner Komischen Oper kombinierte das Schrille des Revuetheaters mit der Buntheit von Monteverdis drei Opern. Älteste Musik trifft auf Berliner Gegenwart. Operation gelungen! Trailer

Sendung: Radio SRF 2 Kultur, Kontext, 6.4.2021

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11 Kommentare

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  • Kommentar von Shane O'Neill  (Diddleydoo)
    Der Ursprung des wortes "Queer" bedeutet abseits der Norm. Sonderbar. Anders.

    Eine Aussage "Queer ist nicht normal" ist somit komplett redundant. Wenn's "normal" wäre, wäre es nicht mehr "Queer".

    Der Trend, sich als "Queer" zu identifizieren hiess, man akzeptiert es anders als der Norm zu sein, was auch völlig legitim ist.
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  • Kommentar von Denise Casagrande  (begulide)
    Hat die Menschheit keine realen, existenziellen Probleme, welche zu lösen lebensnotwendig wäre....?
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    1. Antwort von Thrum Amstalden  (Thrumugnyr)
      Das Suizidrisiko von LGBT-Personen ist vier- bis siebenmal grösser, als normal. Das ist schon ziemlich lebensnotwendig bzw. existenziell. Mal davon abgesehen, dass mehr Empathie, Verständnis und Akzeptanz in einer Gesellschaft nie etwas schlechtes sind.
    2. Antwort von Shane O'Neill  (Diddleydoo)
      @Thrum AMstalden

      Sie selber sagen "grösser, als normal" also sehen Sie LGBT auch nicht als normal.

      Aber der Titel will behaupten, Queer (Was eigentlich "anders" heisst) soll normal werden. Es ist doch absurd.

      Anstatt das Wort "Normal" zu verwenden, hätte man "akzeptiert" oder "Wilkommen" verwenden können. "Normal" hat eben bereits statistische Bedeutung.
  • Kommentar von Petra Hinterried  (PH7)
    es scheint in (Musik)theater- und Filmbranchen ein Problem zu geben. Gut, dass das angesprochen wird. Aber Kunst hat noch viel mehr Facetten, als dieser Bericht glauben läss. Das gilt übrigens auch für queerness...
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