«Der Weg entsteht, indem er gegangen wird» – das ist einer der vielen Sinnsprüche des chinesischen Gelehrten Zhuangzi, der vor rund 2400 Jahren daoistische Texte weiterentwickelt hat. Das Buch «Zhuangzi besser verstehen» zeigt, wie hilfreich die Lehren des Dao – zu Deutsch «der grosse Weg» – auch heute noch sein können und macht dessen Lehre in bildhaften Geschichten greifbar.
Die 2500 Jahre alte chinesische Lebensphilosophie des Daoismus geht der Legende nach auf den Gelehrten Laotse zurück. Sie lehrt uns Genügsamkeit, Gelassenheit und Zufriedenheit.
Wie das gelingen kann, versucht der Deutsche Philosophie-Didaktiker und Autor Michael Wittschier deutlich zu machen. Er hat ein Buch über den chinesischen Philosophen Zhuangzi geschrieben, der rund hundert Jahre nach Laotse lebte und die Prinzipien des «Dao» in lebhaften Geschichten weiterentwickelte.
Der Schmetterlingstraum
Etwa die Geschichte über den Schmetterlingstraum, in dem Zhuangzi träumt, er wäre ein Schmetterling. Nur um sich beim Aufwachen die Frage zu stellen, ob nicht der Schmetterling in diesem Moment träume, Zhuangzi zu sein.
Diese Geschichte steht sinnbildlich für zwei wichtige Prinzipien im Daoismus:
- Alle Lebewesen sind gleich viel wert.
- Alles ist im Wandel.
«Alles, was wir sehen – ob es Naturphänomene wie Ebbe und Flut sind oder unsere eigene Atmung – ist ein ständiger Wandel», sagt Michael Wittschier. Für die Daoisten gebe es überall immer nur diesen Wandel.
Nicht-tun
Ein solcher Blick auf die Welt führe automatisch zu mehr Gelassenheit, so Wittschier, der der Leserschaft diesbezüglich ein paar nützliche Werkzeuge an die Hand gibt. Etwa das daoistische Prinzip des «Nicht-Tuns». Dieses besagt, dass man nicht zu sehr gegen das natürliche Wirkprinzip des Dao vorgehen sollte.
Wittschier erläutert das an einer kurzen Geschichte von Zhuangzi: «Ein Bauer wollte unbedingt den Pflanzen beim Wachsen helfen und ist abends aufs Feld und hat an den Pflanzen gezogen. Ja, was passiert? Sie sind alle verdorrt. Das ‹Nicht-tun› heisst eben, ich kümmere mich um die Pflanzen aber ich lasse das ‹Dao› in Ruhe seine Arbeit machen.»
«Sorgloses Umherstreifen»
In einer anderen Geschichte geht es um das daoistische Ideal, sich nutzlos zu machen. Denn ein nutzloser Baum, der krumm gewachsen sei, werde von den Holzfällern am ehesten verschont, im Unterschied zu den grossgewachsenen, nützlichen Baumstämmen.
Es stellt sich die Frage, wie praktikabel eine solche Haltung ist, gerade in der heutigen Welt voller Missstände. Wie kann man daoistisch leben und trotzdem ein politischer Mensch sein? Für Michael Wittschier ist das absolut vereinbar: «Natürlich sollen und müssen wir handeln und auch einschreiten und uns auch zu Wort melden, wenn wir sehen, dass es Menschen gibt, die andere misshandeln oder für ihre Zwecke instrumentalisieren oder gar töten. Es gibt eine ganze Bandbreite an Möglichkeiten, dies mit dem daoistischen Denken zu vereinbaren.»
Ein sehr einfaches daoistisches Werkzeug zu mehr Gelassenheit liegt Michael Wittschier besonders am Herzen. Das «sorglose Umherstreifen», wie es Zhuangzi nennt. Einfach mal aus dem Haus gehen, loslaufen und schauen wo es einen hintreibt. Auch das ist «Dao».