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Ein Mann in Schwarz steht am linken Bildrand und schaut in sein Handy, im Hintergrund Felder, von denen Rauch hochsteigt.
Legende: Rund 7000 junge Tunesier sind seit 2011 in den Dschihad nach Syrien gezogen. Nun kehren viele von ihnen ins Land zurück. Keystone
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Gesellschaft & Religion Ehemalige Dschihadisten wollen nur noch eins: vergessen, was war

Zwei junge Tunesier zogen in den Dschihad. Der eine schaffte die Rückkehr aus eigener Kraft, der andere konnte sich nur dank einer grossen Medienkampagne vom IS loslösen. Beide hatten sich auf den Kampf für eine gute, gerechte Sache eingestellt. Stattdessen trafen sie Zerstörung, Blut und Leichen.

Er nennt sich Abu Hamza al-Tunsi. Er war 29, als er wenige Monate nach Ausbruch der tunesischen Revolution nach Libyen zog, um dort Arbeit zu suchen. Zwar wurde er nicht fündig, aber er traf auf einen netten Herrn aus den Golfstaaten, der viel Verständnis für seine Situation zeigte und ihm schon bald einen Vorschlag machte: nach Syrien zu gehen und für eine gute Sache zu kämpfen.

Schon bald zog Abu Hamza al-tunsi in den Dschihad. Der Vorbereitungskurs, die Reise, die Ausrüstung: alles finanziert. Dazu kam noch eine Art Sold, die der junge, mittellose Mann bestens gebrauchen konnte. Ausserdem hatte er seit langen Jahren Sympathien für die Islamisten gehabt. Nun war die Gelegenheit da zu handeln, einer guten Sache zum Durchbruch zu verhelfen.

Von Alpträumen verflogt

So jedenfalls erzählt Abu Hamza al-Tunsi, was ihm vor mehr als vier Jahren geschehen ist. Seinen wirklichen Namen will der Mann, den wir in einem Dorf im tunesischen Hinterland treffen, nicht nennen. Denn er ist im Frühjahr 2014 desertiert, über Libyen an die tunesische Grenze geflüchtet und von dort mithilfe eines Schleppers heimlich eingereist. Nun versteckt er sich in seinem Dorf. Alpträume verfolgen ihn und er kann nur noch mit starken Medikamenten schlafen. Seine Eltern wissen nicht, dass er in Syrien war und führen seine Verletzungen auf einen Überfall in Libyen zurück.

Leichen, Blut, zerfetzte Körper

Was Abu Hamza al-Tunsi über seine Zeit als Kämpfer berichtet, ist grauenhaft. Jeden Tag Leichen, Blut, zerfetzte Körper, Schreie von sterbenden oder schwerverletzten Menschen. Ein eigenmächtig aufgezogenes Scharia-Gericht, das Leute für angebliche Delikte zum Tod verurteilt. Kämpfer zerstören Moscheen, weil sie im Innern Waffenlager vermuten, sie töten unschuldige Zivilisten, die um ihr Leben flehen, vergewaltigen Frauen.

Abu Hamza al-Tunsi versucht zu verdrängen, was er jeweils am Tag gesehen und erlebt hat. Er beginnt, immer mehr zu zweifeln. Schliesslich entscheidet er sich für die Flucht. Heute möchte er sein Jihad-Abenteuer am liebsten vergessen machen. Doch es gelingt ihm nicht.

Ein beleibter Mann mit schwarzem, kurzem Haar und markanten dunklen Augsbrauen.
Legende: Mohamed Iqbal Ben Rejeb half seinem Bruder, sich aus den Fängen des IS zu lösen. Beat Stauffer

Für einen Selbstmordanschlag vorbereitet

Eine andere Erfahrung machte ein junger Mann mit Behinderung Anfang 20. Er wurde ebenfalls von der IS-Terrormiliz rekrutiert und reiste via Libyen nach Syrien. Heute ist er wieder in Tunis, will aber keinen Kontakt zu Medien. Dafür spricht sein Bruder. Der 28-jährige Telecomingenieur Mohamed Iqbel Ben Rejeb erzählt, wie sein Bruder für einen Selbstmordanschlag vorbereitet wurde. Erst in letzter Minute und dank einer grossen Medienkampagne gelang es, ihn aus den Fängen des IS zu befreien. Nun hat er sein Studium wieder aufgenommen und will mit dem Dschihad nichts mehr zu tun haben.

Mohamed Iqbel Ben Rejeb hat sich nach dieser dramatischen Erfahrung entschlossen, einen Verein zu gründen. Dieser will jungen, reuigen Dschihadisten helfen, den Weg zurück in ein «normales» Leben zu finden. Ausserdem will er Eltern unterstützen, deren Söhne für den Dschihad angeworben wurden. Die Organisation heisst RATTA, die Abkürzung für «Rescue Association of Tunisians Trapped Abroad» – und auf die wartet noch viel Arbeit. Denn einige tausend junge Tunesier kämpfen weiterhin auf der Seite des IS in Syrien und im Irak.

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7 Kommentare

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  • Kommentar von Beat Reuteler , Bützberg
    Ich finde dass diese Berichterstattung extrem einseitig ist. Es ist nicht davon auszugehen dass alle Dschihad - Reisende so reuig zurückkommen. Dann kommt noch dazu dass es fast unmöglich ist diese von den gefährlichen Typen zu unterscheiden.
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  • Kommentar von Kurt Fähndrich , La Heutte
    Sie gehen freiwillig um zu Morden, dann sollen sie auch dort bleiben. Sollten sie dennoch zurück kommen, müssen sie vor Gericht gestellt werden und nach der Verbüssung der Strafe sofort ausschafen.
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  • Kommentar von D. Unedan , Münchenstein
    Das ist recht gut dargestellt: Aber es spielt gar keine Rolle für welche Armee die unterwegs sind: Denn auch amerikanische, britische und andere Soldaten glauben an den Einsatz für die Gute Sache wenn sie in den Krieg ziehen und stellen fest: Dass sie als psychisches Frack zurückkehren falls sie überleben. Und auch in der Schweiz würde es nicht anders sein, wenn die Schweizer Armee im Kriegsfall die Schweiz zu verteidigen versuchen würde!
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    1. Antwort von Charles Dupond , Vivis
      Derweil in fast ganz Europa die Wehrpflicht abgeschafft oder fuer Friedenszeiten ausgesetzt ist, verheizt die "beste Armee der Welt" weiterhin Wehrpflichtige zu koerperlichen, seelischen oder geistigen Krueppeln oder gar auch Toten. Mit geheim gehaltenen Opferzahlen und jaehrlich 200 000 000 Franken fuer die Militaerversicherung auf dem Puckel des Steuerzahlers....