Geschichte der Grenzen Ein Land der begrenzten Möglichkeiten

Von eingezäunten Tieren bis zu Trumps Zaun zu Mexiko: Die USA haben eine lange Geschichte der Ein- und Ausgrenzung. Sie begann mit der Erfindung des Stacheldrahts.

Ein Junge steht vor einem Zaun. Am Zaun hängt eine USA-Flagge. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Grenzenlose Freiheit? Nur ein Traum. In den USA haben Grenzen einen festen Platz – auch in den Köpfen. Getty Images

Das Wichtigste in Kürze

  • Die Geschichte der Grenzziehung in den USA begann mit der Erfindung des Stacheldrahts: Er erlaubte den Cowboys, ihr Vieh im Zaum zu halten.
  • Das Aufkommen des Stacheldrahts bedeutete weniger Lebensraum für die indianischen Stämme.
  • Grenzen spürte später auch die schwarze Bevölkerung – nach dem «National Housing Act» von 1934 durften schwarze Menschen nur in bestimmten Stadtteilen wohnen.
  • Die Mentalität der Aus-, Ein- und Abgrenzung ist bis heute in den USA spürbar.

Als die Vereinigten Staaten gegründet waren, erstreckten sie sich östlich des Mississippi. Westlich davon war weites, offenes Land. Für Auswanderer aus dem engen Europa waren das unendliche Weiten.

Bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts lebten westlich des Mississippi gerade mal 700'000 Menschen. Lange Zeit wurde dieses Gebiet auf den Landkarten als Wüste dargestellt. Es war aber ein Meer aus Gras.

Ein weites Land für wilde Cowboys

Der Westen war «Cowboy Land». Nichts konnte sie und ihre gewaltigen Herden aufhalten, wie Joanne Liu, Autorin des Buches «Barbed Wire», erklärt: «Es gab dieses ungeschriebene Gesetz des weiten Landes. Es besagte, dass Cowboys das Vieh auf jedes Weideland und zu jeder Wasserstelle bringen konnten.»

Cowboy treiben ihre Herde ein. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Unglaubliche Weiten für das Vieh: Cowboys treiben ihre Herden ein (ca. 1860). Getty Images

Doch damit war bald Schluss. Einer der Gründe war der anhaltende Konflikt mit den Ureinwohnern, die weite Teile des Landes westlich des Mississippi kontrollierten. In den 1850er-Jahren eskalierte die Situation. In den 1860er- und 1870er-Jahren kam es zur offenen Konfrontation.

Ein Zaun musste her

Genau zu der Zeit gab es eine heftige Debatte in den Vereinigten Staaten, wie man eine Lösung für die wirtschaftliche Nutzung der Ebenen im Westen finden konnte. Die hiess Einzäunung.

Ein Zaun musste her, um die Landwirtschaft vor wilden Tieren und den umherziehenden Viehherden zu schützen. Die Materialien in den Westen zu transportieren war zu teuer, der Versuch mit Heckenanpflanzungen eine Begrenzung der Ländereien zu erreichen, dauerte zu lange.

Schliesslich hatte Joseph Glidden die richtige Idee und meldete 1873 sein Patent für den Stacheldraht an. Damit revolutionierte er die industriell-landwirtschaftliche Wirtschaft zum Ende des 19. Jahrhunderts. Der Stacheldraht machte ihn zu einem der reichsten Männer der USA.

Ein Cowboy und seine Herde. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Wildes Leben im Westen: Der Stacheldraht half, das Vieh im Zaum zu halten (Foto von ca. 1902). Wikimedia

Weniger Lebensraum für die indianischen Stämme

Der Stacheldraht oder auch «Devil’s Rope», das Teufelsseil genannt, hatte nicht nur buchstäblich einschneidende Wirkung für die Cowboys und die traditionellen Besitzer der Viehherden.

Er hatte auch tiefgreifende Auswirkungen auf das Leben der indianischen Stämme im Westen der USA. Ihr Lebensraum wurde mehr und mehr verringert. «Die Verbreitung des Stacheldrahts war der Nagel im Sarg der Indianer», meint Joanne Liu.

Ungeachtet ihrer brutalen Folgen war die Erfolgsgeschichte des Stacheldrahts nicht aufzuhalten. Sie veränderte die Landschaft und die Lebensweise in Nordamerika – ein historischer Prozess, der sich auch auf die amerikanische Psyche auswirkte: auf die Mentalität, die eigene Lebenswelt zu ordnen, die privaten Lebensräume abzugrenzen.

Grenzen zwischen Schwarz und Weiss

Anthony Iton von der California Endowment hat sich intensiv mit dem Phänomen des «Redlining» beschäftigt, einer imaginären Stacheldrahtziehung in den amerikanischen Städten und Gemeinden.

Die Regierung in Washington hatte dabei durch den sogenannten «National Housing Act» von 1934 Nachbarschaften in A, B, C und D unterteilt. A war eine rein weisse Nachbarschaft, erstrebenswert für die Mittelklasse. Schon eine farbige Familie in der Gegend drückte den Grad von A auf B.

Ein Schild mit der Aufschrift «We want white tenants in our white community» Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Klare Botschaft: Schwarze durften hier nicht wohnen (Detroit, Michigan, 1942). Getty Images

Grenzen in den Köpfen

Das hatte dramatische Folgen. Denn abgesehen davon, dass die A-Strassen nur ausschliesslich von Weissen bewohnt werden sollten, wurden die Stadtteile unterhalb von A gezielt benachteiligt und zurückgelassen, erklärt Anthony Iton:

«‹Redlining› war wohl die am meisten durchgeführte Praxis in den Vereinigten Staaten. Afroamerikaner wurden somit in Stadtteile gedrängt, in denen es schwieriger war, Hypotheken zu bekommen, Versicherungen zu kriegen, wo weniger geschäftliche Investitionen getätigt wurden.»

Der Stacheldraht ist nicht wegzukriegen

Bis in die 1970er-Jahre noch blieb diese Form der urbanen Diskriminierung gängige Praxis. Mit Folgen bis heute.

Sheila Savannah vom Prevention Institute meint: «Es ist wie Stacheldraht. Die historische Bedeutung ist noch gegenwärtig. Das ‹Redlining› hat einen dauerhaften Stacheldraht gebildet, den man nur entfernen kann, wenn man ihn bewusst entfernen will.»

150 Jahre nach dem Eroberungszug des Stacheldrahtes sind die USA ein Land, das durchzogen ist von einem Geflecht an Grenzen. Der Mythos des weiten Westens besteht nach wie vor. Doch er ist nicht mehr als das: ein Mythos.

Sendung: Radio SRF 2 Kultur, Kontext, 8.8.2017, 09:02 Uhr

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