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«Eine Hymne an das Leben» Gisèle Pelicot publiziert ihre Memoiren – und trotzt dem Grauen

Vergewaltigungsopfer Gisèle Pelicot hat ihre Memoiren veröffentlicht – auf 22 Sprachen. Ihre Leidensgeschichte ist unsäglich. Ihre Lebensgeschichte ist die einer Frau, die den Glauben an das Gute wohl nie verlieren wird.

Das Buch beginnt am Frühstückstisch. Wie immer bereitet ihn Gisèle Pelicot liebevoll am Vortag vor. Der kommende Tag wird ihr Leben erschüttern.

Es ist der 2. November 2020: Die pensionierte Frau sitzt auf dem Polizeiposten, wird mit Fotos einer regungslosen Frau in Reizwäsche konfrontiert, die vergewaltigt wird. Sie soll das sein? Unmöglich: «Im Geiste brüllte ich nein, nein, das bin ich nicht. Das ist er nicht«, schreibt sie. Ihr Mann, «der feine Kerl», Mino, wie sie ihn liebevoll nannte, ist nun ein Täter.

Alle Welt sollte auf die 51 Vergewaltiger schauen. Sie müssen zu Kreuze kriechen. Ich nicht.
Autor: Gisèle Pelicot in «Eine Hymne an das Leben»

Die Scham muss die Seite wechseln

Unfassbar, unsäglich: der Fall Gisèle Pelicot schockierte die Welt. Fast zehn Jahre sedierte und vergewaltigte Dominique Pelicot seine Frau. Und er liess sie von anderen Männern vergewaltigen, nahm sie dabei auf.

Man lebt nur einmal. Wenn ich alles löschte, wäre ich tot – und das schon seit langem.
Autor: Gisèle Pelicot in «Eine Hymne an das Leben»

Der Prozess, ein Ereignis, auch weil er mit einem Paukenschlag begann: Gisèle Pelicot bestand darauf, die Verhandlung zu öffnen. «Alle Welt sollte auf die 51 Vergewaltiger schauen. Sie müssen zu Kreuze kriechen. Ich nicht», schreibt sie im Buch.

Ein «Scheissleben»? 

Worte wählt Pelicot achtsam, auch während des Prozesses. Selten wendet sie sich an die Medien. Ihr Ton: sanft und stark. Dieser Ton findet sich im Buch wieder, das sie zusammen mit der Journalistin Judith Perrignon geschrieben hat. Nur die Leichtigkeit, die Lebenslust kommt dazu. Nicht zufällig heisst das Buch «Eine Hymne an das Leben».

Die Liebe ist meine mächtigste Rüstung.
Autor: Gisèle Pelicot in «Eine Hymne an das Leben»

Hier erzählt eine Frau ihre Geschichte. Das «Scheissleben», das ihr ihre Tochter attestiert, will sie nicht akzeptieren. Sie will nicht bloss eine Leidensgeschichte erzählen, sondern die ihres Lebens. Auch – ja vor allem – schöne Erinnerungen sollen bleiben: «Man lebt nur einmal. Wenn ich alles löschte, wäre ich tot – und das schon seit langem.» Zeilen, die sich einbrennen.

Wer ist sie wirklich?

Naiv ist das nicht. Natürlich handelt das Buch vom Grauen, das sie überwältigte, vom Zerbrechen einer Familie, vom Wiederaufbau ihrer Selbst. Aber Pelicot will auch zeigen, wer sie war, bevor sie zum Opfer wurde: ein Mädchen, das ihre Mutter früh an Krebs verlor. Von der sie das Lächeln erbte, das sie durch ihr Leben trug.

Ältere Frau mit rotem Haar vor dunklem Hintergrund.
Legende: Sie ging durch die Hölle – doch ihr unsägliches Leid ist nur ein Teil dessen, was sie als Mensch ausmacht. Getty Images/Ava Du Parc

Eine Tochter, die ihren Vater verehrte. Eine Frau, die immer für sich selbst einstand und sich um andere sorgte. Sogar für ihren Mann, als er hinter Gittern sass: «Es wurde bald Winter. Womöglich würde er frieren.» Sie packte ihm warme Sachen. Dem, der sie eiskalt hinterging.

Habt keine Angst, das Wort zu ergreifen.
Autor: Gisèle Pelicot im ersten TV-Interview auf France 5

Unverständlich vielleicht für die Leserin, selbstverständlich in ihren Augen. Er war schliesslich ihr Mann. Die Menschlichkeit, die sie dem «Monster von Mazan», wie der Boulevard ihn betitelte, entgegenbringt, berührt.

Schweigt nicht!

In ihrem ersten TV-Interview zum Buch fragte sie der Moderator, wie es ihr gehe: «Besser», antwortete sie. Das Schreiben habe ihr erlaubt, klarer zu sehen. Und sie wandte sich an andere Opfer: «Habt keine Angst, das Wort zu ergreifen.» Bevormunden will sie keinen, nur bestärken.

Auch die Liebe, was vielleicht erstaunen mag, hat Gisèle Pelicot, die sich kurz vor Prozessbeginn 2024 von ihrem Ex-Mann scheiden liess, wieder gefunden: in ihrem neuen Partner Jean-Loup. «Die Liebe ist meine mächtigste Rüstung», schreibt sie. Es ist die Liebe zu den Menschen, die sie durchs Leben trägt. Die Lebensfreude. Trotz allem.

Buchhinweis

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Gisèle Pelicot, Judith Perrignon: «Eine Hymne an das Leben. Die Scham muss die Seite wechseln». Piper, 2026.

Radio SRF 2 Kultur, Kultur-Aktualität, 17.2.2026, 8:06 Uhr

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