Eine junge Südafrikanerin schreibt gegen die Regierung an

Die erste Generation, die nach Ende der Apartheid in Südafrika zur Welt kam, ist wütend – auf die privilegierten Weissen, aber auch auf die eigene Regierung. Im Buch «Born Free» erzählt die dunkelhäutige Studentin Malaika Wa Azasie ihre eigene Geschichte und kritisiert die herrschenden Zustände.

Dunkelhäutige Kinder stehen auf einer Schaukel und schwingen hin und her. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Nelson Mandelas Regenbogennation ist nicht mehr als ein Mythos, glaubt die südafrikanische Autorin Malaika Wa Azania. Rotpunktverlag

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Zur Person

Eine afrikanische Frau mit schulterlangen Dreadlocks.

Rotpunktverlag

Malaika Wa Azania, mit eigentlichem Namen Malaika Lesego Samora Mahlatsi, wurde 1991 in Meadowlands, Soweto, geboren. Heute lebt sie in Grahamstown, wo sie an der Universität Geowissenschaften studiert. Malaika ist Generalsekretärin der African Youth Coalition und Botschafterin der Afrikanischen Jugendcharta.

«Seit ich ein kleines Mädchen war, aufgewachsen in den staubigen Strassen von Meadowlands, wollte ich einen Brief an den Afrikanischen Nationalkongress, den ANC, schreiben, um ihm für seine Rolle im Befreiungskampf Dank auszusprechen. Aber ich wollte auch gerne einige Probleme ansprechen, die mit Dank nichts zu tun haben. (...) Der einzige Grund, warum ich den Brief bisher noch nicht geschrieben habe, war die Wut, die mich jedes Mal überkam, wenn ich versuchte, meine Gedanken auf Papier zu bannen.»

So beginnt das Buch «Born Free – Mein Leben im Südafrika nach der Apartheid» von Malaika Wa Azania. Sie kam 1991 in Soweto zur Welt. Es war die Zeit der grossen Hoffnung in Südafrika. Nelson Mandela durfte nach 27 Jahren das Gefängnis verlassen. Die Schwarzen in Südafrika waren endlich frei.

Die weisse Schule und der tote Hund

Malaika Wa Azania wuchs in ärmlichen Verhältnissen auf. Trotzdem konnte sie auf eine «Model C»-Schule, die während der Apartheid den Weissen vorbehalten war. Ein Privileg, aber auch ein Schock für die Elfjährige: «Der erste Monat in meiner neuen Schule war ein einziger Alptraum.» Malaika war ein sehr dunkelhäutiges Kind, trug Dreadlocks und sprach nicht besonders gut Englisch. Sie fühlte sich als Fremdkörper, verstand die Welt der Weissen nicht.

Als die Lehrerin eines Tages weinend erzählte, ihr Hund sei überfahren worden, wurde sie von den weissen Schülerinnen getröstet. Malaika jedoch brach in lautes Gelächter aus. «Es kam mir so albern vor, dass eine Frau, die normalerweise immer so gefasst war wie Miss M., in Tränen ausbrach, weil ein Tier gestorben war. In Soweto starben Hunde andauernd, aber ich hatte noch nie jemanden um einen weinen sehen.»

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Buchhinweis

Malaika Wa Azania: «Born free – Mein Leben im Südafrika nach der Apartheid». Rotpunktverlag, 2016.

Kritik ist verpönt

Mit solchen Anekdoten veranschaulicht Malaika Wa Azania in ihrem Buch den steinigen Weg, den ein intelligentes schwarzes Mädchen aus einer Township in Südafrika noch heute nehmen muss. Sie kritisiert das südafrikanische Bildungssystem, das Schüler hervorbringt, die nach dem Abschluss im Dienst eines ungerechten Systems stehen, anstatt dieses zu ändern. Doch Kritik am ANC ist an den Schulen verpönt und Nelson Mandela wird wie ein Heiliger verehrt.

Ferienlektüre mit Zwischentönen

«Born Free – Mein Leben im Südafrika nach der Apartheid» erzählt die persönliche und zugleich sehr politische Geschichte der Studentin Malaika Wa Azania. Mit ihren Augen bewegen wir uns durch ein noch immer von Rassismus geprägtes Südafrika. Die Wunden, die Kolonialismus und Apartheid hinterliessen, heilen viel langsamer, als es sich die «Born Frees» wünschen. Die tägliche Konfrontation mit «dem hässlichen Gesicht der Überlegenheitshaltung der Weissen», trieb nicht nur Malaika in die Black-Consciousness-Bewegung.

Die Demonstrationen und Proteste in den Strassen Südafrikas häufen sich wieder. So gesehen ist Malaika Wa Azanias Brief in Buchform eine höchst aktuelle Gesellschaftsanalyse eines Landes, das viele von uns hauptsächlich als hübsche Feriendestination kennen. Die Lektüre von «Born Free – Mein Leben im Südafrika nach der Apartheid» dürfte manchem Leser die Augen öffnen und aufzeigen, womit viele Südafrikaner im täglichen Leben noch immer zu kämpfen haben.

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