Eine katholische Schwester kämpft für Akzeptanz von Muslimen

Die katholische Schwester Colette Hamza ist Beauftragte des Bischofs für Islamfragen in Marseille. Ihre Aufgabe ist es, zu einem besseren Zusammenleben zwischen Christen und Muslimen beizutragen und über den Islam zu informieren.
Seit den Attentaten in Paris ist ihre Arbeit besonders gefragt.

Schwester Colette Hamza. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Setzt sich für ein besseres Zusammenleben zwischen Christen und Muslimen in Marseille ein: Schwester Colette Hamza. CHRETIENSMEDITERRANEE.COM

«Ich möchte eine Brücke bauen zwischen zwei Kulturen und vor allem zwischen zwei Religionen», erklärt die 58-jährige Schwester Colette Hamza, bevor sie den Gemeinderaum der katholischen Kirche von Valbarelle betritt. Dort warten bereits an die 40 Frauen und Männer, um mehr über die Religion ihrer muslimischen Nachbarn zu erfahren, die in den angrenzenden Sozialsiedlungen wohnen. Es sind Franzosen meist nordafrikanischen Ursprungs, die in den 1960er-Jahren nach Marseille eingewandert sind. Die Gemeinde hat viele Fragen zu ihren religiösen Traditionen wie der Kleiderordnung, der Auslegung des Korans oder der Ausbildung der Imame.

Die gewöhnlich gekleidete Schwester mit den kurzen, weissen Locken und der modernen Hornbrille betont als erstes, dass es wichtig sei, zu verstehen, wie der andere erlebe. Auch um Verallgemeinerungen zu vermeiden, zwischen dem, was man im Fernsehen sehe und der Realität vor Ort. Colette Hamza stellt bei ihrer Arbeit eine grosse Angst vor dem Islam fest und das nicht nur auf der Seite der Christen und Atheisten: «Viele Muslime haben heute ebenfalls Angst vor einem bestimmten Islam und vor dem Blick, der auf sie geworfen wird».

Interview mit Schwester Colette Hamza

2:34 min, aus Kultur kompakt vom 24.02.2015

Seit sieben Jahren im Einsatz als Islambeauftragte

Colette Hamza weiss, wovon sie spricht. Als Islambeauftragte der katholischen Kirche tauscht sie sich seit sieben Jahren regelmässig mit Muslimen aus und beobachtet, wie das Zusammenleben im Alltag zwischen Christen und Muslimen klappt. Dazu geht sie in Schulen und Vereine, leitet Gesprächsgruppen und informiert über den Islam auf Seminaren und Konferenzen.

Für ihre Aufgabe braucht sie viel Einfühlungsvermögen. Sie muss gut zuhören, analysieren und bei heiklen Anliegen geschickt vermitteln, wenn zum Beispiel eine jugendliche Christin auf einmal zum Islam konvertieren möchte.

Als Tochter eines muslimischen Algeriers und einer katholischen Mutter fühlt sie sich zu dieser Aufgabe berufen. 20 Jahre lang unterrichtete sie Geschichte und Geographie. 1993 begann sie neben ihrer Arbeit Theologie und später Islam zu studieren, um sich heute im Namen der katholischen Kirche für einen Dialog mit Muslimen einzusetzen.

Der Islam – mehr als eine Religion

An diesem Abend in Valbarelle sieht man der katholischen Schwester an, dass sie ihre Arbeit aus Überzeugung und Leidenschaft macht. Offen und geduldig reagiert sie auf kritische Fragen und aufgeregte Wortmeldungen aus der Gemeinde, als es zum Beispiel um die Verschleierung muslimischer Frauen geht.

Reportage: Unterwegs mit Schwester Hamza

4:00 min, aus Kultur kompakt vom 24.02.2015

Colette Hamza erklärt der Gemeinde, dass der Islam nicht nur eine Religion sei, sondern auch eine Kultur und eine Art zu Leben und das führe manchmal zu Komplikationen. Als Beispiel nennt sie die Marseiller Jugendlichen aus Einwandererfamilien. Die hätten besonders mit Identitätskonflikten zu kämpfen. «Viele Muslime sitzen zwischen zwei Stühlen und werden sowohl in ihrem Herkunftsland als auch in Frankreich als Einwanderer bezeichnet. Wenn man ihnen dann vorwirft, dass sie keine richtigen Franzosen sind, weil sie sich zu wenig integrieren, dann sagen sie: Dann bin ich also Muslim, dann ist das meine Identität».

Dialog als Mittel gegen Fundamentalismus

Zum Schluss verteilt die Schwester eine 24-seitige, engbedruckte Zusammenfassung über die Geschichte des Propheten Mohammed mit Erklärungen zum muslimischen Glauben und Auszügen aus dem Koran. Denn im Informieren, Aufklären und Austausch liegt für die 58-Jährige der Schlüssel zu einem besseren Zusammenleben der verschiedenen Kulturen und Religionen in Frankreich.

Sendung: Radio SRF 2 Kultur, Kultur kompakt, 23.2.2015, 17.10 Uhr.