18 Stunden nach dem ersten Notruf gab Feuerwehrkommandant David Vocat in Crans-Montana RTS ein Live-Interview. Gefragt nach seiner Rolle in der Rettungskette, beschrieb Vocat, dass er sich auch ein wenig als Vater seiner Leute empfinde und die ganzen Rettungsteams alles versucht hätten, gerade den jungen Opfern irgendwie zu helfen. Dann brach der erfahrene Rettungsprofi in Tränen aus.
Dieses Interview macht deutlich, unter welch grossem, auch emotionalem Druck Feuerwehr, Sanität und alle anderen Rettungskräfte bei dieser Brandkatastrophe stehen. Die Verarbeitung des Erlebten wird alle, auch die Rettungskräfte, noch lange beschäftigen.
Die Katastrophe zeigt aber auch, dass Rettungskräfte im Einsatz immer auch einem hohen psychischen Belastungsrisiko ausgeliefert sind. «Wie stark ein Einsatz eine Retterin, einen Retter im Nachhinein psychisch belastet, hängt nicht von der Grösse des Ereignisses ab», sagt Notfallpsychologe Urs Braun, Präsident des Vereins Notfallpsychologie Schweiz.
Persönlicher Bezug als Belastungsfaktor
Entscheidender seien zwei Punkte: Handlungsfähigkeit in der Notfallsituation und Bezüge zum eigenen Umfeld in der Notlage.
«Angenommen, ich bin Vater einer Tochter und sehe nun bei einem Rettungseinsatz ein Kind im gleichen Alter schwer verletzt vor mir. Das kann unkontrolliert starke emotionale Reaktionen auslösen», sagt Urs Braun. «Auch nach dem Einsatz kann dies zur Belastung werden.»
Das gleiche gilt, wenn Rettungskräfte nicht handeln können. «Solange die Abläufe funktionieren, können Rettungskräfte in ihren trainierten Rollen bleiben. Doch schon ein vermeintlich kleiner Fehler kann dazu führen, dass sie nicht mehr handeln können. Solche Momente der Ohnmacht wirken unter Umständen psychisch ebenfalls noch lange nach.»
«Keine Emotionen? Das wäre ein Alarmzeichen»
Remo Degani arbeitet seit mehr als zehn Jahren als Disponent in der Notrufzentrale in St. Gallen und nimmt dort die Notrufe entgegen. Vorher war er gut 20 Jahre als Rettungssanitäter im Einsatz. «Gewisse Einsätze vergisst man ein Leben lang nicht», sagt Degani. So ist beim Vater von fünf Kindern ein tödlicher Velounfall eines Kindes unauslöschlich im Gedächtnis.
«Es ist einerseits der Tod eines Kindes, andererseits aber auch der Moment des Gesprächs mit den Angehörigen: Beides kann sehr belastend sein», so Degani. Allerdings wäre es für ihn auch komisch, wenn er in solchen Momenten keine Emotionen hätte. «Das wäre für mich ein Alarmzeichen.»
Über Gefühle reden
Remo Degani ist aber nicht nur in der Rettungssanität aktiv. Er gehört in seinem Korps auch zur sogenannten Peer-Gruppe. Peers sind Sanitäterinnen und Sanitäter mit Zusatzausbildungen, die Berufskolleginnen und -kollegen nach den Einsätzen für Gespräche zur Verfügung stehen.
«Wenn jemand merkt, dass ein Einsatz belastet, sind wir hier.» Kameradschaftliche Hilfe statt therapeutische Distanz, sagt Remo Degani.
Für die Verarbeitung sei es wichtig, offen über Gefühle zu reden, meint Degani. Das bestätigt Traumapsychologe Urs Braun. In der Verarbeitung nach dem Einsatz müssten die Beteiligten lernen, das Ereignis als abnormal zu bewerten, nicht die eigenen Emotionen. Peers wie Remo Degani können dabei unterstützen.