Beim Räumen des Estrichs stösst die pensionierte Deutschlehrerin Dorothee Kohler auf Schachteln mit Dokumenten ihres Vaters. Diese hat sie nach seinem Tod zu sich genommen, um sie später einmal durchzusehen. Weil sie umzieht, beschliesst sie, das Material zu sichten. Dabei macht sie eine Entdeckung.
Familiennarrativ zertrümmert
In den Unterlagen erfährt sie, dass ihr Vater nicht nur eine Schwester namens Nelly hatte, sondern auch eine zweite Schwester namens Martha. Von ihr aber hat Dorothee Kohler noch nie gehört.
«Das war tatsächlich ein emotionaler Moment, der das Narrativ über meine Familie zertrümmert hat. Das hat mich in eine Art Schwindelzustand versetzt. Ich habe sofort beschlossen, der Sache nachzugehen», sagt Kohler rückblickend.
Acht Jahre auf vier Seiten
Dorothee Kohler recherchierte die Lebensgeschichte ihrer Tante. Es war ein kurzes Leben. Martha kam am 17. Mai 1894 zur Welt und starb mit 24 Jahren im Asyl in Wil. Das findet die Autorin im Staatsarchiv des Kantons St. Gallen in der Psychiatrie-Akte von Martha heraus. «Acht Jahre hat Martha in dieser Institution verbracht – protokolliert auf lediglich vier Seiten.»
Auf diesen vier Seiten erfährt Kohler, was die psychiatrische Klinik zu Martha festhielt: «Bildungsunfähig, pathologisch sehr aufgeregt, versorgungsbedürftig, nicht normal, hochgradig aufgeregt. Was sie spricht, ist kaum zu verstehen. Sehr unruhig und störend, lärmend, gereizt, laut, unfügsam», steht es da.
Martha sei wohl kognitiv beeinträchtigt gewesen, so die Autorin. Sie komme in den Akten kaum selbst zu Wort. «Man erfährt eigentlich mehr, wie die Ärzte und Pflegenden sie beobachten und was sie mit ihr machen», sagt Dorothee Kohler.
«Martha muss brav sein»
Martha sollte zunächst mit Arbeit geheilt werden. Das Asyl galt über die Schweiz hinaus als Vorreiterin der Arbeitstherapie. Doch Martha weigert sich zu arbeiten. Daher greift das Klinikpersonal zu einer drastischen Massnahme. Sie setzt die junge Frau ins sogenannte Deckelbad.
In einer exemplarischen Szene ihres Buchs beschreibt die Autorin in kurzen und präzisen Sätzen die Situation – und verlässt angesichts dieser Zwangsmassnahme die Position einer distanzierten Chronistin:
«Immer wieder drängt sich mir dieses Bild auf, wie Martha in der Wanne liegt. Der Holzdeckel schliesst sich eng um ihren Hals, darüber ihr kleiner Kopf, ihre vor Angst geweiteten Augen. Nachts schrecke ich aus dem Schlaf, aufgeweckt vom eigenen schrillen Schrei.»
Zu dieser Passage im Buch sagt Dorothee Kohler: «Für Martha muss das traumatisch gewesen sein. Sie hat den einen Satz. Es ist der einzige Originalsatz von ihr, den ich kenne. ‹Martha muss brav sein, sie muss nicht ins Wasser›.»
Ewige Unruhe
Obwohl es damals Kritik am Deckelbad gab, hielt das Asyl in Wil bis in die 1930er-Jahre daran fest – länger als andere Kliniken. Doch das Deckelbad half Martha nicht, ebenso wenig wie ein weiterer ärztlicher Versuch, ihre störende Unruhe zu beseitigen – durch die operative Entfernung der Eierstöcke.
Martha wurde danach noch aufgebrachter und riss sich die Verbände vom Bauch. Sie wehrte sich, aber die junge Frau blieb im Asyl verwahrt und starb dort im Alter von 24 Jahren an der Spanischen Grippe.