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Opfer von Zwangsmassnahmen Verdingt und weggesperrt: Warum die Aufarbeitung so lange dauert

Vor 40 Jahren bat der Bundesrat zum ersten Mal um Entschuldigung. Die Aufarbeitung der fürsorgerischen Zwangsmassnahmen ist noch heute nicht abgeschlossen.

Theresa Rohr schaut auf ein Foto. Es zeigt sie selbst als Zweijährige. «Was kann ein Kind dafür, dass so etwas passiert?», fragt sie. «Der Missbrauch, all das. Das tut mir noch immer weh», sagt die heute 80-Jährige.

Ältere Frau vor einer Ausstellungswand.
Legende: Theresa Rohr wurde als Kind verdingt und fremdplatziert, später wurde sie zwangsweise mit Medikamenten behandelt in einer Psychiatrie. Keystone/Urs Flüeler

Sie ist eine von mehreren hunderttausend Personen, die in der Schweiz sogenannte fürsorgerische Zwangsmassnahmen erleiden mussten: Verding- und Heimkinder, Fahrende oder Menschen, die unter Zwang in geschlossene Anstalten eingewiesen wurden.

Gruppe von Kindern sitzt auf dem Boden, im Hintergrund steht eine Frau mit Fahrrad.
Legende: Fahrende in Zürich 1958: Das «Hilfswerk Kinder der Landstrasse» entriss den nicht sesshaften Familien ihre Kinder, um sie zu einer sesshaften Lebensweise zu zwingen. Keystone/Str

Bereits 1986 bat der damalige Bundespräsident Alphons Egli mit den Fahrenden einen Teil der Betroffenen um Entschuldigung.

Bis der Staat jedoch alle Opfer fürsorgerischer Zwangsmassnahmen ansprach, vergingen noch fast 30 Jahre. Die Aufarbeitung dieses dunklen Kapitels der Schweizer Sozialgeschichte dauert lange – und bis heute an.

Warum geht es so lange?

Eine gute Aufarbeitung brauche Zeit, sagt Susanne Kuster, sie ist stellvertretende Leiterin des Bundesamtes für Justiz. «Zuerst war es notwendig, dass die Gesellschaft hinschaut und erkennt, was passiert ist.»

Person betrachtet grosses Schwarzweissfoto eines Kindes mit Eimer.
Legende: Verding- und Heimkinder wurden zur Arbeit gezwungen, viele erlebten Gewalt und Missbrauch. Im Bild eine Ausstellung zum Thema im Landesmuseum Zürich. Keystone/ANDREAS BECKER

Dies habe nur funktioniert, weil Betroffene wie Theresa Rohr den Mut hatten, ihre Stimme zu erheben. Vor gut 20 Jahren begann sie zusammen mit anderen, ihre Geschichten voller staatlicher Willkür und Gewalt öffentlich zu machen. «Ich schäme mich heute nicht mehr», sagt sie.

Durch diese ersten Berichte verloren auch andere Betroffene ihre Scham und erkannten das Unrecht, das sie erfahren hatten. Sie trauten sich ebenfalls, über ihre schwierige Vergangenheit als Verding- oder Heimkind zu sprechen.

Das Thema erhielt zunehmend Aufmerksamkeit in den Medien und in der Politik. 2013 schliesslich bat Simonetta Sommaruga im Namen der Landesregierung alle Betroffenen von fürsorgerischen Zwangsmassnahmen um Entschuldigung.

Breite Aufarbeitung seit 2017

Die Entschuldigung machte den Weg frei für einen Solidaritätsbeitrag des Bundes, den Betroffene seit 2017 beantragen können.

Im gleichen Zug beschloss das Parlament auch eine breite wissenschaftliche Aufarbeitung. Inzwischen gibt es schweizweit mehrere Ausstellungen, die das Thema für alle zugänglich machen wollen.

Frau in modernem Raum mit Kopfhörern und Stühlen.
Legende: Die Geschichten von Betroffenen fürsorgerischer Zwangsmassnahmen werden heute in Museen vermittelt, so in der Wanderausstellung «Versorgt. Verdingt. Vergessen?». Gabriel Design

Wieder gutmachen lasse sich das Leid nicht, sagt Susanne Kuster, insofern sei auch die Aufarbeitung nie abgeschlossen. Aber sie sei wichtig, um für die Zukunft zu lernen. «Damit wir Menschen nicht ausgrenzen und so behandeln, wie es die Opfer fürsorgerischer Zwangsmassnahmen erleiden mussten.»

Und auch für viele Betroffene selbst hat der Weg erst begonnen. Das Bundesamt für Justiz bekomme noch heute fast täglich Gesuche für die Auszahlung des Solidaritätsbeitrags, sagt Susanne Kuster. «Zum Teil trauen sich die Menschen erst jetzt, über ihre Vergangenheit zu sprechen.»

Regionaljournal Zentralschweiz, 13.5.2026, 17:30 Uhr ; 

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