Museen lieben Vitrinen. Sie lieben Dinge, die bleiben. Schwerter, Schalen, Trachten. Dinge, die Jahrhunderte überstehen und irgendwann Geschichte werden. Aber was zeigt man, wenn fast nichts geblieben ist?
Vor einem Jahr zerstörte ein Berg- und Gletschersturz das Walliser Dorf Blatten beinahe vollständig. Über 300 Menschen verloren ihr Zuhause. Nun widmet das Lötschentaler Museum in Kippel – nur ein paar Kilometer von Blatten entfernt – dem verschwundenen Dorf eine Ausstellung: «Erinnerungen an Blatten».
Sie beginnt mit Landschaftsmalerei. Berge im Abendlicht. Das Bietschhorn. Häuser, Wege, Holzfassaden. Fotografien des Bergs – vorher, nachher. Es sind Bilder einer Welt, die plötzlich aussieht wie etwas aus dem 19. Jahrhundert: nicht alt, sondern unwiederbringlich.
Dann die Vitrinen. Eine Kuhglocke. Ein Taufkleid. Daneben ein Hochzeitskleid, aus dem Schlamm gezogen und gereinigt. Gästebücher eines Hotels, das es nicht mehr gibt. Fasnachtsmasken, handgewebte Decken.
Es sind keine spektakulären Objekte, trotzdem wirken sie brutal. «Die Burgerstube ist zerstört, aber der Schlüssel ist gerettet», sagt Kurator Thomas Antonietti und zeigt auf einen grossen Eisenschlüssel hinter Glas.
«Wir haben die Leute nicht aufgefordert, uns Dinge zu bringen. Sie kamen von sich aus auf uns zu.» Antonietti arbeitet seit über 20 Jahren fürs Museum. Jetzt sammelt er die Überreste eines Dorfes.
Immer wieder ringt er beim Erzählen um Fassung. Nicht aus Sentimentalität, sondern weil diese Ausstellung näher an der Gegenwart ist als gewöhnliche Museen.
Normalerweise archivieren Museen Geschichte. Hier archivieren sie Schock. Das Erstaunliche an «Erinnerungen an Blatten» ist ihre Zurückhaltung. Keine dramatischen Effekte. Keine Katastrophenbilder in Endlosschleife. Stattdessen stehen die Objekte still in den Räumen, fast schüchtern. Die Blattnerinnen und Blattner erzählen ihre Geschichten in Videoaufnahmen selbst.
Ein Dorf passt in keine Vitrine
Priska Ebener etwa: Sie führte in Blatten 30 Jahre lang einen Landwirtschaftsbetrieb. Sie spricht über eine Glocke, die ihrer Grossmutter gehört hatte.
«Als kleines Kind bin ich dieser Glocke schon nachgelaufen, als die Grossmutter sie der Kuh für die Herbstweide angeschnallt hat.» Nun steht sie hinter Glas, beschädigt vom Bagger, der sie aus dem Schlamm bergen konnte.
Die Hotelbesitzerin Esther Bellwald blättert durch gerettete Gästebücher und spricht von 175 Jahren Geschichte. Und plötzlich begreift man: Diese Ausstellung handelt gar nicht von Dingen. Sondern davon, wie Menschen versuchen, Erinnerung festzuhalten, wenn ein Ort verschwunden ist.
Die Lücke als eigentliche Ausstellung
Gerade weil die Ausstellung fragmentarisch wirkt, trifft sie. Vielleicht könnte kein Museum der Welt einem zerstörten Dorf gerecht werden. Vielleicht wäre jede Inszenierung zu laut, zu ästhetisch, zu ordentlich für eine Katastrophe dieser Grösse.
«Wir können Blatten nicht rekonstruieren», sagt Antonietti. «Wir können nur zeigen, was das Dorfleben den Leuten bedeutet hat.»
Das Museum nennt sich selbst das «Talgedächtnis». Ein schöner, leicht pathetischer Begriff – normalerweise. Hier bekommt er plötzlich Gewicht. Auch wenn diese Ausstellung keinen Trost spendet. Sie zeigt, dass Erinnerung manchmal die erste Form von Wiederaufbau ist.