Regisseur Jos de Putter hat den Planeten als Filmschaffender zwanzigmal umrundet. Nach rund 30 Jahren zieht er Bilanz: Er beginnt zu zweifeln, ob seine Filme genug Resonanz erzeugen, um einen derart grossen ökologischen Fussabdruck zu rechtfertigen.
Oder ob dieses Reisen nicht auch Raubbau ist – an der Natur und an den Menschen, deren Geschichten er sich aneignet. De Putter entscheidet sich daraufhin für einen Bruch: Er greift auf sein Archiv zurück, recycelt eigenes Material und kombiniert es mit Aufnahmen von Menschen aus aller Welt. So macht der Filmemacher seinen ökologischen Anspruch nicht nur zum Thema, sondern wird ihm auch formal gerecht.
Die Natur als etwas Heiliges
Eine einzige Ausnahme erlaubt er sich: Mit dem Zug reist er nach London, um die Religionsphilosophin Karen Armstrong für den Film zu interviewen. Sie vertritt die These, dass die westliche Welt nicht nur ihren Lebensstil, sondern auch ihr religiöses Denken hinterfragen müsse.
Angesichts des Ausmasses der Zerstörung solle die Natur wieder als etwas Heiliges verstanden werden – eine Haltung, die in vielen indigenen Kulturen lebendig geblieben, dem westlichen Menschen jedoch spätestens mit dem Aufkommen des Monotheismus verloren gegangen sei.
Armstrongs Gedanken verleihen dem Film zusätzliche Tiefe und fügen die Geschichten aus unterschiedlichen Erdteilen zu einer grossen Erzählung über die Frage zusammen, wie wir unseren Planeten bewahren können.
Dank Armstrongs Reflexionen gewinnt die kaleidoskopartige Erzählweise des Films an Geschlossenheit. Entlang ihrer Kernthese, dass die ökologische Krise begann, als sich der moderne Mensch von einem mystischen Gottesverständnis entfernte, entfaltet sich der Film, und dringt bis zum Kern monotheistischer Denkmodelle vor.
Eine nach aussen projizierte Gottheit, so die implizite Kritik, begünstige die Entkopplung des Menschen von der Verantwortung für die Natur. Mit seinem Film leistet Jos de Putter einen wichtigen Beitrag dazu, jahrhundertealte kulturelle und religiöse Vorstellungen zu hinterfragen.
Dabei bleibt der Film erstaunlich nahbar. De Putter beginnt die gedankliche Reise in seiner eigenen Lebensrealität – und kehrt auch dorthin zurück. Besonders eindrücklich sind jene Momente, in denen einfache Geschichten – etwa die eines Esels, der immer wieder nach Hause findet – zu Spiegelbildern unserer rastlosen Gegenwart werden.
Meisterhaft durch Reduktion
Die dokumentarischen Aufnahmen aus drei Jahrzehnten, kombiniert mit einer oft poetischen Off-Stimme, verleihen dem Film eine ruhige, nachdenklich stimmende Atmosphäre. «Die Heimkehr oder Du sollst nicht stehlen» ist kein lauter Film, aber einer, der nachwirkt. Weil er eine unbequeme Frage stellt: Was braucht es, um Verhalten tatsächlich zu verändern – und vielleicht wieder näher zu uns selbst zu kommen?
Jos de Putter nimmt sein Publikum mit auf eine stilistisch stimmige und gedanklich anregende Reise, die in der europäischen Lebenswirklichkeit verankert ist. Sein persönlicher Verzicht auf das Reisen macht den Film zu einem glaubwürdigen und konsequenten Beweis, dass es gelingen kann, eine anspruchsvolle Erzählung mit reduzierten Mitteln zu erzeugen. Gerade durch seine Reduktion wird der Film zum Meisterwerk.