Europa ist Teil des griechischen Mythos

Griechenland und dessen Verhältnis zu Europa sind das Thema der Stunde. Prognosen werden gemacht für die griechische Gesellschaft, für die Börsen, für die Wirtschaft. Georg Kohler, emeritierter Professor für politische Philosophie und Griechenlandkenner, sieht den Konflikt als Familienstreit.

Menschen jubeln mit Griechenland-Fahnen. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Nach dem Nein vom Sonntag: Griechen feiern auf dem Syntagma-Platz vor dem Parlamentsgebäude in Athen. Keystone

Georg Kohler, wie sehr fühlen sich die Griechen als Europäer?

Selbstverständlich fühlen sie sich als Europäer, bis zu einem gewissen Grad geradezu als Erfinder dieses Begriffs. Sie können sich etwas Anderes gar nicht vorstellen. Europa ist ein Teil des Mythos und ist sozusagen durch die Griechen – aber darüber könnte man streiten – erfunden worden.

Aber die Griechinnen und Griechen haben trotzdem deutlich Nein gesagt zu den Sparmassnahmen der EU.

Das ist die Frage, wie man dieses Votum interpretiert. Die Griechen verstehen das sozusagen im guten, ureuropäischen Stolz, Nein gegen falsche Anmassungen zu sagen. Aber viele sehen darin durchaus auch eine Antwort im Rahmen der Zusammengehörigkeit der europäischen Familie. So wurde das Votum von Europa her interpretiert.

Bei den Griechen selbst ist es immer so angekommen: Zwar sind wir sogar für den Euro, nicht nur für Europa, aber gegen diese Massnahmen. Es wäre also falsch, wenn man aus diesem Votum generell sagen würde, die Griechen seien auf einem anderen Stern oder gehören nach Nordafrika oder nach Asien. Das wäre vollkommen verkehrt.

Wie definieren Sie die Idee der Europäischen Union?

Zusatzinhalt überspringen

Zur Person

Georg Kohler ist emeritierter Professor für Politische Philosophie der Universität Zürich.

Als einen Prozess, der notwendig geworden ist unter den Bedingungen der modernen wissenschaftlich-technischen Zivilisation. Das Wesentliche ist, dass der klassische Nationalstaat nicht mehr in der Lage ist, alle Probleme zu lösen. Und das andere Wesentliche ist, dass Europa gewissermassen als einziger Kontinent in den letzten 200 Jahren folgende Erfahrung gemacht hat: Wenn man sich tödlich bekriegt, vernichtet man sich. Dahinter steht immer noch die geschichtliche Erfahrung der Friedensnotwendigkeit.

Ein wichtiger Gedanke bei der Gründung der EU war die Idee des Friedens – fern von der Wirtschaft: Wie sieht dieser Raum für die unterschiedlichen Kulturen aus, die in der EU zusammenwachsen sollen?

Gar nicht so schlecht. Es gibt ausgesprochen viele Zusammenhänge zwischen den unterschiedlichen europäischen Nationen oder Kulturen oder wie man sie benennen mag. Bei allem Streit ist das immer ein Familienstreit.

Sehen Sie diesen Familienstreit als etwas Gutes?

Das Wort «Familienbande» stammt ja von Karl Kraus. In diesem Sinne sind sie auf der einen Seite immer besonders belastbar, auf der anderen Seite führen sie auch zu heftigen Auseinandersetzungen. Aber ich hege einen Grundgedanken, den man auch in der Schweiz anwenden kann: Im Grunde genommen lernen wir den andern erst durch den Streit kennen, vor allem wenn wir ihn aushalten. Der Streit ist auch, um es paradox zu formulieren, ein Teil des Zusammenwachsens.

Inwiefern hat die Idee von Europa als kulturellen Raum Schaden genommen durch den aktuellen Zustand in Griechenland?

Ich denke überhaupt nicht, ganz im Gegenteil. Es wird klar, dass es so etwas wie einen gemeinsamen Boden gibt, den wir nicht aufgeben wollen. Aber wir merken, dass auf diesem grundsätzlich uns doch Vereinigendem – dazu gehört auch die Geschichte – sehr viele Unterschiede gewachsen sind. Aber gleichzeitig sieht man ja auch, dass es wechselseitige Abhängigkeiten gibt – eben die Familienbande. So gesehen kann ich mir sehr wohl vorstellen, dass am Ende der Sinn für die prinzipielle Zusammengehörigkeit nicht geschwächt, ja sogar gestärkt wird.

Sendung: Radio SRF 2 Kultur, Kultur kompakt, 6.7.2015, 17:45 Uhr