Generationen im Netz Facebook – die Parallelwelt der Millennials?

Medienprofessor Roberto Simanowski sagt, dass seine Generation nicht mehr versteht, wie Millennials in den sozialen Medien interagieren. Unsere Autorin, 24-jährig und Digital Native, widerspricht: Er versteht sie ausgezeichnet.

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Strassenumfrage: Wie nutzen Sie Facebook?

0:56 min, vom 13.1.2017
  • Die Millennials, die im Zeitraum von etwa 1980 bis 1999 geboren wurden, nutzen Facebook vor allem als Kommunikationsmittel.
  • Es geht ihnen darum, präsent zu sein und zu bleiben – sei das bei Freunden, potenziellen Arbeitgebern oder im Hinblick auf die Entwicklung des Weltgeschehens.
  • Um ihre Privatsphäre zu schützen, verzichten viele bewusst auf aktuelle Profile, viele Fotos und Informationen.
  • Handy-Abstinenz und «Digital Detox» wird zum Trend.

3.9 Millionen Schweizer sind auf Facebook, Tendenz steigend. Ein Bruchteil davon sind wir, die Millennials. Wir sind Anfang, Mitte, Ende zwanzig und damit zu jung, um noch als begeisterte Facebook-Nutzer zu gelten und zu alt, um gar nicht erst ein Profil zu haben. Für uns ist das soziale Netzwerk weniger ein privates digitales Fotoalbum, als ein nützliches Kommunikationsmedium.

Ähnlich wie für Roberto Simanowski, Professor für Digital Media Studies an der City University of Hong Kong. Er braucht das Facebook-Profil aus Forschungsgründen, während wir Millennials uns hauptsächlich aus sozialen Gründen auf der Internetplattform bewegen. Es geht dabei darum, präsent zu sein und zu bleiben – sei das bei Freunden, potenziellen Arbeitgebern oder im Hinblick auf die Entwicklung des Weltgeschehens.

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Roberto Simanowski

Roberto Simanowski

Roberto Simanowski ist Professor für Digital Media Studies an der City University of Hong Kong. 2016 erschien sein Buch «Facebook-Gesellschaft» (Verlag Matthes & Seitz, Berlin).

Datenschutz oder Datenflut?

Dass man durch die digitale Präsenz Gefahr läuft, viel preiszugeben, ist bekannt. Simanowski betreibt Datenschutz in Form eines bewusst inaktuellen Profils, ohne viele Fotos und ohne viele Informationen. Eine Methode, die auch Jüngere nutzen.

Andere Digital Natives hingegen posten mehrere Beiträge pro Tag. Dass man mit jedem Like, Post und jeder Nachricht zahlreiche Informationen in das Netzwerk speist, ist vielen klar, aber nicht allen wichtig.

Die Flucht ins soziale Netzwerk

Oft überwiegt der Wunsch nach Bestätigung in der Parallelrealität Facebook gegenüber der Gefahr der Datenfreigabe. Ferien werden zeitgleich in Bildform gepostet wie erlebt. Für Simanowski resultiert dieses Verhalten daraus, dass viele Leute mit der Erfahrung einen besonders schönen Teil unserer Erde zu erleben, überfordert sind. Sie wissen nicht mehr, wie sie zu fühlen haben.

Aufgrund der Unfähigkeit, reale Erlebnisse ohne die Beurteilung durch Facebook-Freunde einzuordnen, würden viele die Flucht ins soziale Netzwerk antreten. Das ist eine Einschätzung, von der zahlreiche Millennials nur eine Haaresbreite entfernt sind.

Strassenumfrage: Macht Facebook süchtig?

1:06 min, vom 13.1.2017

Die Verlagerung des Erlebens ins Digitale

Zwar würden viele Digital Natives Simanowski entgegenhalten, es sei weniger eine Flucht ins Digitale, als eine Verlagerung oder Verdoppelung des Erlebnisses. Wer im Hörsaal mit Freunden auf der anderen Seite der Welt chattet und zu Hause im Pyjama auf Online-Datingportalen aktiv ist, kann via Foto auf Facebook gleichzeitig auch noch bei der Freiheitsstatue sein. Dass das aktive Erleben vor Ort darunter leiden kann, fällt durch den Gewinn der zusätzlichen, digitalen Ebene des Erlebens nicht ins Gewicht.

Dennoch sind auch wir Millennials uns bewusst, dass vom digitalen Alltag Abstand genommen werden kann und sollte. Für Roberto Simanowski sind die Momente leerer Akkus und fehlenden Handyempfangs die guten im Leben. Wir führen diese Momente bewusst herbei – und nennen das dann «Digital Detox».

Smartphonefreie Zeit

Diese Momente digitalen Fastens bringen einen dem bewussten Erleben vor Ort wieder näher. Ganz im Sinne Simanowskis, der dafür plädiert, das Smartphone beim nächsten Kneipenbesuch zu Hause zu lassen.

Dieser Gedanke, der sich aktuell zu einem Trend entwickelt, scheint einem Bedürfnis zu entsprechen. Seit kurzem gibt es nämlich die Idee, alle Handys bei Bar- oder Restaurantbesuchen abzugeben oder zusammen in eine Schüssel zu legen. So soll das dauernde Herumtippen vermieden und das Gespräch mit Freunden gefördert werden.

Weshalb das so gut funktioniert? Wer als erstes nach seinem Smartphone greift, bezahlt den Abend.

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