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Zeichnung: Im Vordergrund Barbara Bleisch, im Hintergrund zwei Comicfiguren in Spitalbetten.
Legende: Wann darf man abtreiben? Das grösste Problem für die Philosophie ist das Kontinuitätsargument. SRF / Cecilia Bozzoli / Nino Christen
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Filosofix «Das Recht auf Leben übertrumpft das Recht auf Selbst-Bestimmung»

Ab wann hat ein Embryo ein Recht auf Leben? Darf dieses Lebensrecht gegen das Recht auf Selbstbestimmung der schwangeren Frau abgewogen werden? Die Philosophin Barbara Bleisch bezieht Stellung zu den moralischen Fragen, die der Schwangerschaftsabbruch und das Gedankenexperiment «Geiger» aufwerfen.

Frau Bleisch, wie kann uns die Philosophie bei konkreten ethischen Problemen, etwa bei der Frage des Schwangerschaftsabbruchs helfen?

Indem sie die Fragen isoliert, die in einem Problem verknotet auftreten, und die zugrundeliegenden Konflikte herausarbeitet. Im konkreten Fall lauten die moralischen Fragen: Welche Wesen haben ein Recht auf Leben? Und gilt das Lebensrecht absolut?

Ab wann hat denn ein Mensch Ihrer Ansicht nach moralische Rechte?

Wann und aufgrund welcher Eigenschaften Wesen Personen sind, darauf hat die Philosophie bislang keine abschliessende Antwort gegeben.

Die Philosophen kennen also nicht so etwas wie die Fristenregelung, die besagt, dass bis zur 12. Schwangerschaftswoche abgetrieben werden darf?

Nein, zumindest nicht als generelles Prinzip. Es gibt mehrere Fragen, die in der Philosophie nach wie vor zu Debatten Anlass geben. Das grösste Problem ist das sogenannte Kontinuitätsargument: Der Embryo wächst ab Befruchtung kontinuierlich zum Fötus heran. Es gibt keine klare Zäsur, die deutlich machen würde: Ab jetzt hat er ein Lebensrecht. Man braucht an dieser Stelle ein Brückenprinzip wie etwa Empfindungsfähigkeit, Überlebensfähigkeit oder Bewusstsein, die als Zäsur dienen könnten.

Das Gedankenexperiment mit dem Geiger stellt eine Analogie her zwischen dem Geiger und einem ungeborenen Kind. Ist dieser Vergleich gerechtfertigt?

Nur dann, wenn die Frau unfreiwillig schwanger wurde. Die Analogie trifft sicher am besten auf Vergewaltigungen zu. Doch was ist, wenn die Verhütung nicht geklappt hat – oder vom Paar vergessen wurde? Man muss hier einen Begriff davon haben, worin Freiwilligkeit besteht – und für welche Folgen wer verantwortlich ist. Nehme ich etwa ein Sonnenbad, ohne mich einzucremen, muss ich mich nachher nicht über Sonnenbrand beklagen. Was aber, wenn die Sonnencreme wirkungslos bleibt, weil sie aus einer fehlerhaften Produktion stammt? Oder wenn mein Ex-Freund aus Boshaftigkeit die Tube gegen normale Handcreme eingetauscht hat? Der Begriff der «Freiwilligkeit» braucht einiges an theoretischer Unterfütterung, um ihn sinnvoll zu verwenden.

Judith Jarvis Thomson, die Erfinderin des Gedankenexperiments, ist der Ansicht, das Recht auf Selbstbestimmung sei höher zu gewichten als das Lebensrecht des Geigers. Stimmen Sie zu?

Nein. Das Recht auf Leben übertrumpft das Recht auf Selbstbestimmung. Allerdings wurde dem Mann, der im Beispiel als Lebensretter dient, massiv Unrecht getan – Unrecht, das nie und nimmer gerechtfertigt ist! Wäre es legitim, den Mann zu kidnappen, müssten wir auch bereit sein, Menschen zur Lebendorganspende zu zwingen.

Doch in die körperliche Integrität anderer Menschen darf meiner Meinung nach nicht eingegriffen werden – auch nicht, um andere zu retten. Vom Moment an, in dem diese Person jedoch mit dem Geiger verbunden ist, wäre es wiederum unrecht, sich von ihm loszukoppeln. Sicherlich aber würde der Lebensretter für das Unrecht, das ihm widerfahren ist, angemessen entschädigt werden müssen.

Und warum folgen Sie Thomson nicht in Bezug auf den Schwangerschaftsabbruch?

Thomson will mit dem Beispiel zeigen, dass selbst dann, wenn Embryonen bereits moralische Rechte hätten, Frauen nicht gezwungen werden dürfen, sie auch auszutragen. Das sehe ich anders: Wenn der Embryo bereits ein Recht auf Leben hat, kann sein Lebensrecht nicht aufgewogen werden mit dem Selbstbestimmungsrecht der Frau.

Eine schwangere Frau darf also nicht sagen: Ich möchte das Kind jetzt nicht?

Doch. Eine Abwägung zwischen ihren Interessen und jenen des Embryos ist aber meiner Meinung nach nur legitim, wenn der Embryo noch nicht über ein Lebensrecht verfügt. Eine Abwägung beruht deshalb auch auf einer Aussage darüber, ob Embryonen bereits Personen sind. Genau das bestreitet Thomson.

Meiner Meinung nach ist eine solche Abwägung in einem früheren Stadium der Schwangerschaft durchaus möglich. Doch auch dann hat der Embryo moralische Interessen. Eine Abtreibung darf also aus moralischer Sicht nicht grundlos erfolgen, sondern es braucht eben die entsprechende Abwägung, in der eine Frau sich darüber klar werden muss, ob für sie das Austragen des Kindes tatsächlich unzumutbar ist. Ich persönlich bin der Meinung, dass solche Gewissensentscheide sehr individuell gefällt werden müssen.

Gibt es denn keine objektiv richtige Lösung?

Doch, die gibt es. Aber eben nur, wenn die individuelle Situation der entsprechenden Frau und unter Umständen auch eines allfälligen werdenden Vaters berücksichtigt wird. Ausserdem halte ich es bezüglich ethischer Urteile mit Thomas Nagel: Es gibt das moralisch Richtige, aber oft ist uns der Blickwinkel nicht zugänglich, um dieses zu erkennen. Das entbindet uns aber nicht unserer Pflicht, unsere moralische Linse immer wieder zu schärfen.

Zur Person

Barbara Bleisch ist Philosophin und Moderatorin der «Sternstunde Philosophie». Zuletzt erschien von ihr «Familiäre Pflichten», Suhrkamp Verlag Berlin, 2015.

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Die Philosophie stellt die ganz grossen Fragen und hilft uns mit Gedankenexperimenten, eigene Antworten zu finden. «Filosofix» stellt die wichtigsten Gedankenexperimente in animierten Kurzfilmen vor – eine unterhaltsame Anregung zum Selberdenken. Hier finden Sie:

10 Kommentare

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  • Kommentar von Walter Liechti , Schweiz
    Verhütungsmittel sind dazu da, dass man sein Sexualleben auch ohne die Absicht der Zeugung eines Kindes in vollen Zügen genießen darf, weil diese Mittel eine mehr oder weniger große Versagerquote haben, braucht es die Möglichkeit der Abtreibung. In den ersten drei Monaten der Schwangerschaft hat der Embryo keinerlei Rechte darauf, am Leben zu bleiben. (Fristenlösung in der Schweiz)
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  • Kommentar von A.Käser , Zürich
    Es ist hunderttausendmal besser abzutreiben als unlauter eine neue physische menschliche Existenz in die Welt zu katapultieren.Sei es aus reiner(vermeintlicher)ökonomischer Berechnung,Gewinnsucht und Machtausübung(wie es Machtkonstrukte mit Religionen kooperierend,fördern,verordnen,erzwingen)oder als Machtausübung über den Partner(beiderl.Geschlechter),aus Langweile oder zur vermeintlichen"Eliminierung"eines Gefühls der Leere,Sinnlosigkeit oder Nutzlosigkeit in der eigenen Existenz.Egoismus pur.
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  • Kommentar von A.Käser , Zürich
    Ich erlaube mir,das Gegenteil zu behaupten. Jeder Mensch hat das ABSOLUTE Recht in Eigenkompetenz und Eigenverantwortung über seinen physischen Körper zu entscheiden. Also hat eine ungewollt schwanger gewordene Frau das Recht,solange es medizinisch möglich ist und ihre Gesundheit nicht unnötig gefährdet ist,abzutreiben.Ihr ALLEIN steht die Entscheidung zu,was mit ihrem Körper geschieht und ob sie bereit ist,die Verantwortung für eine weitere menschliche Existenz zu übernehmen.
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    1. Antwort von Dieter Egert , Waiblingen
      Da irren Sie sich. Nicht alles, was sich im Körper eines Menschen befindet ist dadurch dessen Eigentum, über das er frei verfügen könnte. Sonst könnten Sie einen Juweilier ausrauben, indem Sie sich Diamanten zeigen lassen, und diese dann verschlucken. Doch die Diamanten in Ihrem Körper gehören nicht Ihnen nicht. Ein ungeborenes Kind ist ebenso wenig Eigentum oder Teil des Körpers seiner Mutter. Jede Körperzelle hat eine andere DNA: Ein anderer Mensch, und auch kein mütterliches Organ.
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    2. Antwort von A.Käser , Zürich
      D.E./Ebenso wie es anmassend,überheblich und arrogant ist,einer Frau eine UNGEWOLLTE Schwangerschaft zu BEFEHLEN,ist es meiner Auffassung nach,einem zurechnungsfähigen,urteilsfähigem Individuum,das Aufzwingen der Absolvierung seiner gegenwärtigen,physischen Existenz.Bin der Auffassung,dass jeder Mensch (ab Erreichen der Volljährigt) in EIGENKOMPETENZ darüber entscheiden können sollte,ob er seine derzeitige physische Existenz weiterführen will oder nicht.(./.2)
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    3. Antwort von A.Käser , Zürich
      D.E.(./.2)Schon die Römer haben die Arroganz besessen,über Leben und Tod anderer zu entscheiden.Sie haben Sklavinnen vergewaltigt,feierten Gladiatoren- und Mensch/Tierkämpfe,kannten Galeeren-Sträflinge/Sklaven,haben Kriege geführt grausam Menschen auch aus purer Freude massakriert.Sie haben aus purer Bosheit,Sadismus,Machtgier Leben befohlen und Leben zerstört.Sie kamen sich wohl ALLMÄCHTIG vor.Bis heute hat sich der Homo-Sapiens nicht wesentlich geändert.(./.3)
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    4. Antwort von A.Käser , Zürich
      D.E./Ihr elementarer Denkfehler besteht darin,dass Sie Materie mit Geist gleichsetzen oder verwechseln. Sie sind zwar auch z.T. Materie,aber IHR GEIST besitzt nicht das Recht über den Geist eines anderen Individuums zu gebieten. Sind Sie eine spezielle Art von Gott? Das göttlich Prinzip ist LIEBE (in stetiger Extase). Und Liebe lässt frei,ist frei.Sonst wäre sie ein erbärmlicher Lindwurm,ein von Angst und Zweifeln gepeitschter,vom eigenen dunklen Geistesschatten verfolgter,Zellhaufen.
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