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Filosofix Was ist gerecht? Gedankenexperiment: Schleier des Nichtwissens

Wie soll ein Staat aufgebaut sein? Wieviel Gleichheit braucht es dazu? Und was ist überhaupt Gerechtigkeit? Mit diesen Fragen beschäftigt sich das philosophische Gedankenexperiment «Schleier des Nichtwissens». Sein Erfinder behauptet, Ungleichheit könne gerecht sein – sofern alle davon profitieren.

Legende: Video «Filosofix: Das Gedankenexperiment «Schleier des Nichtwissens»» abspielen. Laufzeit 3:25 Minuten.
Aus Filosofix vom 04.01.2016.

Das Gedankenexperiment stammt vom US-amerikanischen Philosophen John Rawls. Seine «Theorie der Gerechtigkeit» von 1971 gilt als einflussreichstes Werk der politischen Philosophie des 20. Jahrhunderts. Rawls fragt sich darin, auf welchen Grundprinzipien ein gerechter Staat aufgebaut sein soll.

Ein Schleier gegen die Parteilichkeit

Rawls meinte, zur Bestimmung der Gerechtigkeit brauche es ein faires Verfahren. Hier kommt der Schleier des Nichtwissens ins Spiel. Er garantiert nämlich, dass die Suche nach den Grundregeln des Zusammenlebens nicht von eigenen Interessen gesteuert wird. Der Schleier sorgt für Unparteilichkeit.

Wer die Grundprinzipien der Gesellschaft festlegt, sollte unbefangen und fair entscheiden. Das gelingt dann am besten, wenn man nicht weiss, wie sich die Entscheidung auf einen selbst auswirken wird. Wer reich ist, der ist befangen, wenn es um die Reichtumssteuer geht. Für den Armen gilt dasselbe. Wer jedoch nicht weiss, ob er als Reicher oder als Armer in der Gesellschaft leben wird, der wird Gesetze schaffen, die Reiche und Arme fair behandeln.

Wer den Schleier des Nichtwissens umgebunden hat, der wird Grundregeln des Zusammenlebens definieren, die für alle Menschen fair sind. Aber was heisst das? Worauf könnten sich Arme, Reiche, Männer, Frauen, Gläubige, Atheisten, Kluge, Denkfaule, Spiesser und Hippies hinter dem Schleier des Nichtwissens einigen?

Ungleichheit für die Schwächsten

In einem ersten Schritt werden sie nach Rawls die Grundregeln so gestalten, dass alle die gleichen Rechte und möglichst viele Freiheiten haben. So viele Freiheiten für alle wie möglich, lautet das oberste Prinzip – denn jeder möchte seine Vorlieben ausleben können. Grundrechte wie etwa das Recht auf Bewegungsfreiheit, auf Eigentum, auf Rede- und Wahlfreiheit oder das Diskriminierungsverbot sollen für alle gleichermassen gelten.

Im Rahmen dieser Grundrechte und Freiheiten sollen in einem zweiten Schritt Ungleichheiten nur dann toleriert werden, wenn diese allen zugutekommen, auch den Schwächsten. Ungleichheit ist also nur dann der Gleichheit vorzuziehen, wenn alle davon profitieren. Diese Regel nennt man auch Differenzprinzip oder Maximin-Regel, denn sie maximiert das Minimum, indem sie den Schlechtestgestellten hilft.

Drittens müssen die Positionen der Bessergestellten prinzipiell für alle offenstehen. Jeder muss es nach oben schaffen können. Stichwort Chancengleichheit. Auf diese Prinzipien werden sich vernünftige Personen hinter dem Schleier des Nichtwissens einigen können, meint Rawls. Aber stimmt das?

Stellen Sie sich vor, hinter dem Schleier sitzt ein Spieler, der pokert. Er hofft darauf, dass er reich sein wird und findet, die Reichen sollen für ihren Reichtum nicht bestraft, sondern belohnt werden. Er nimmt das Risiko der Armut bewusst in Kauf. Rawls schliesst in seinem Gedankenspiel solche risikofreudigen Spieler zwar aus. Aber sind Zocker denn unvernünftig?

Ein Schleier für Rassisten

Weiter wurde gegen Rawls eingewendet, dass der Schleier keineswegs eine neutrale Beurteilung garantiere. Hinter den Gerechtigkeitsprinzipien, auf die man sich nach Rawls angeblich einigen kann, verstecke sich nämlich ein individualistisches, westliches Gesellschaftsmodell.

Das wird klar, wenn wir uns fragen: Auf welche Prinzipien könnten sich religiöse Fundamentalisten hinter dem Schleier des Nichtwissens einigen? Worauf würde sich eine Bande von Rassisten einigen? Wäre ein Rassist vielleicht sogar damit einverstanden, als Farbiger schlechter behandelt zu werden?

Die entscheidende Frage lautet also: Können wir bei der Bestimmung der Gerechtigkeit von unseren eigenen Weltbildern und Werten abstrahieren? Gibt es eine neutrale Gerechtigkeit, die von keinem Welt- und Menschenbild und von keiner Vorstellung des guten Lebens abhängig ist?

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8 Kommentare

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  • Kommentar von Hans Knecht, Torny
    Der Schleier des Nichtwissens ist offensichtlich ein sozialistisches Gedankenspiel, das nur funktioniert, wenn man voraussetzt, dass jeder ein Egoist ist. Sobald jemand kein ausgeprägtes Ego hat und nichts anderes kennt als ein Leben als Sklave, wird es durch dieses Gedankenspiel keine Verbesserung geben. Wozu auch, ein Leben als Sklave ist für gebrochene Menschen leider durch aus eine Möglichkeit.
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    1. Antwort von Hans Knecht, Torny
      Des weiteren sind hohe (Manager-) Löhne gerade interessant für falsche, habgiere bzw. egoistische Menschen, ziehen folglich solche magisch an und führt zwangsläufig zu Fehlbesetzungen. Und darunter leides das Arbeitsumfeld und der Umgangston was zu einer psychischen Belastung des geringer verdienenden führt (siehe Youtube-Vortrag "Die Narzissmus-Falle" von Dr. Reinhard Haller). Letztendlich scheitert das System wie wir es gerade erleben. Man muss sich hier aber auch vor Augen halten, ...
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    2. Antwort von Hans Knecht, Torny
      ... dass m.E. somanche Führungspersonen von heute ein Team nicht führen, sondern sie die Mitarbeiter manipulieren, intrigieren, belügen und klein halten um die eigenen irren Bonus, Karrier, Macht oder Statusziele zu erreichen. Jemand, der hingegen richtig Menschen führt braucht von sich aus keinen wirklich grösseren Lohn. Das gilt auch, wenn der Vorgesetzte ein Akademiker ist. Zumal in der Feuerwehr und im Militär sinniger Weise gilt; Führen durch Vorbild!
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    3. Antwort von Hans Knecht, Torny
      Man muss sich beim Schleier des Nichtwissens auch bewusst sein, dass kein Mensch perfekt ist. Und folglich, jedes von Menschenhand geschaffene System irgend eine Schwäche hat. Folglich wird man so nie eine perfekte Gesellschaft kreieren. Was dabei zählen muss ist das Bestreben die Ungerechtigkeit zu minimieren und den ungerecht behandelten eine einigermassen erträgliches Leben zu bieten.
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  • Kommentar von Charles Dupond, Vivis
    Die franzoesische Revolution kuerzte die unbelehrbare altfeudalen Theokraten und Mammonkraten mit dem "Rasoir De La Nation" auf ein sozial wieder vertraegliches Mass. Im saekularisierten Frankreich fuehrte das - leider nur voruebergehend - zu Politikern und Richtern, die im Amt dem Wohl von Buerger, Volk und Land, statt der Fettung von Lobisten und deren direkter oder indirekter eigenen Bestechung dienten. Heute sitzt der neofeudale Klerus und Geldadel mit marionettierten Politikern und Richt
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  • Kommentar von Heinrich Fischer, Moosburg, nahe München
    Vielen Dank für die wunderbare Seite, die gute Sendung und die vielen Anregungen. Ein treuer Fan aus Deutschland. Diese Videos sind richtig toll und ich freue mich auf weitere Experimente.
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