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Jean Zieglers neues Buch «Die Schande Europas»
Aus Kultur-Aktualität vom 07.04.2020.
abspielen. Laufzeit 02:39 Minuten.
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Flüchtlingspolitik Jean Ziegler und das Leiden auf Lesbos

«Die Schande Europas»: Der streitbare Genfer Soziologe Jean Ziegler legt ein kämpferisches Buch über die Flüchtlingspolitik der EU vor.

Jean Ziegler mag deutliche Worte. Manchmal schiesst er dabei übers Ziel hinaus. Diesmal nicht. Denn die Verhältnisse, mit denen er sich in seinem neuen Buch «Die Schande Europas» als Beobachter und Analytiker beschäftigt, sind schrecklich.

Ziegler nimmt die Zustände in den Flüchtlingslagern auf fünf griechischen Inseln im ägäischen Meer unter die Lupe. Es sind die sogenannten «Hotspots» oder «Erstaufnahmeeinrichtungen» der Europäischen Union.

Buchhinweis

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Jean Ziegler: Die Schande Europas. Von Flüchtlingen und Menschenrechten. C. Bertelsmann, 2020

Warten auf die Erstbefragung

Das Lager Moria auf Lesbos besuchte Ziegler vor einem Jahr. Die Flüchtlinge haben dort weder Zugang zu sauberem Wasser noch akzeptablen sanitären Anlagen. Das Essen ist oft verdorben. Es fehlt an Wohncontainern, an ärztlicher Versorgung, an Heizung.

35 Prozent der Flüchtlinge in den griechischen Lagern sind Kinder. Sie besuchen keine Schule und spielen zwischen Abfall und Dreck. Unbegleitete Minderjährige schlafen in Zelten mit Erwachsenen, was sexuellem Missbrauch Tor und Tür öffnet.

Frauen werden ebenfalls vergewaltigt. Aus Angst suchen sie nachts die Latrinen nicht auf und erleichtern sich beim Schlafplatz. Das Gelände ist übersät mit Abfall, es wimmelt von Ratten.

In den inoffiziellen Lagern ist die Situation noch schlimmer. Für die Flüchtlinge gibt es nichts zu tun, ausser auf die Erstbefragung zu warten. Manche warten zwei, drei Jahre in diesem Elend am Rande Europas.

Hässliche Szenen

Die fünf Hotspots dienen laut Jean Ziegler nur einer Strategie: Migranten abzuschrecken, damit sie gar nicht erst europäischen Boden betreten und ein Asylgesuch stellen können.

Deshalb jagen die griechische und türkische Küstenwache und Schiffe der europäischen «Grenzagentur» FRONTEX und der NATO Boote mit Migranten. Hässliche Szenen.

Gemäss den Schengen-Dublin-Verträgen verantwortet das Ankunftsland das Asylprozedere. Die EU hat Griechenland diese Zuständigkeit aber abgenommen. Beamte des «Europäischen Unterstützungsbüros für Asylfragen» führen die Erstbefragung durch und erstellen die Akte.

Die griechischen Behörden, die über das Asylgesuch entscheiden, hätten keinen Kontakt mit den Asylbewerbern, schreibt Ziegler.

Vergessene Menschenrechte

«Die Schande Europas» ist zum einen ein sachliches, klares Reportage-Buch: Jean Ziegler schreibt über seinen Aufenthalt auf Lesbos, er spricht mit Migrantinnen und Migranten, mit Mitarbeitenden von Nichtregierungsorganisationen, mit dem UNO-Generalsekretär, mit griechischen Funktionären.

Zum anderen ist es ein Buch übers Völkerrecht: Ziegler stellt den Verhältnissen, über die er berichtet, den Text der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte, der Flüchtlings- und der Kinderrechtskonvention der UNO gegenüber.

Auf den griechischen Inseln vergisst Europa die Menschenrechte. Dass Jean Zieglers Buch den Titel «Die Schande Europas» trägt, ist begreiflich.

Sendung: Radio SRF 2 Kultur, Kultur aktuell, 7.4.2020, 17:40 Uhr;

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13 Kommentare

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  • Kommentar von Madeleine Baltisberger  (Madeleine.B.)
    Grossen Dank an Jean Ziegler, der sich der Situation vor Ort ausgesetzt, Fakten recherchiert und Leid und Dreck ausgehalten hat. Danke, dass er uns das vor Augen hält. Wir werden nicht sagen können: „Das haben wir nicht gewusst!“
    Was aber lässt sich für mich als Einzelne konkret tun ausser spenden...? Ich wünsche mir von der SRF und anderen Medien auch Berichte und Informationen über Hilfsmöglichkeiten und -Aktionen für die Flüchtlinge. Ich bin überzeugt, die Solidarität wäre auch hier gross!
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  • Kommentar von Markus Baumann  (pierrotlunaire)
    Warum redet Ziegler immer von der „Schande Europas“? Es gibt seit Jahrzehnten die Schande der afrikanischen Potentaten, der afrikanischen Eliten, denen ihre eigene Bevölkerung sowas von egal ist. Es gibt die Schande der afrikanischen Warlords. Es gibt seit nicht geringer Zeit die Schande Chinas in Afrika. Dreht sich Ziegler in einem Kreis des ewig Gleichen?
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    1. Antwort von Roger Gasser  (allesrotscher)
      Wir Europäer können uns nicht damit entschuldigen indem wir mit Fingern auf andere zeigen. Das ist Kindergarten-Niveau: "ich bis nid gsi, die andere hän au". Sie als Europäer fühlen sich betroffen, was gut ist, aber Ihre Reaktion darauf ist jämmerlich.
    2. Antwort von Samuel Müller  (Samuel Müller)
      Ja wer zeigt warum auf wen? Eine spannende Frage. Jean Ziegler zeigt zeit Lebens auf den Kapitalismus. Er glaubt unentwegt an einen besseren Menschen, eine bessere Welt, auf der alle gleich sind. Der Realismus liegt leider in weiter Ferne.
  • Kommentar von Guido Moscatelli  (Guido Moscatelli)
    Haben wir aus dem Holocoust überhaupt etwas gelernt. Uns scheinen die Tiere wichtiger geworden zu sein als die Menschen.
    Wie viele Klassem Menschen gibt es den überhaupt. Was hier teilweise geschrieben und geliked wird,spottet jede Menschlichkeit.
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