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NGOs auf Lesbos unerwünscht
Aus Echo der Zeit vom 04.03.2020.
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Flüchtlingskrise in der Ägäis Es brodelt auf Lesbos

Die Lage ist aufgeheizt wie nie. Nicht nur Migranten und Flüchtlinge sind unerwünscht – auch NGOs werden angefeindet.

Im Dorfcafé von Moria auf der Insel Lesbos. Die überwiegend älteren Männer trinken Kaffee und unterhalten sich über die Geschehnisse. Seit fünf Jahren haben sie nun das Flüchtlingscamp zwei Kilometer von ihrem Dorf entfernt.

Nicht nur die neu ankommenden Flüchtlinge seien unerwünscht, auch die Mitarbeiter der Nichtregierungsorganisationen sollen weg, sagt der 61-jährige Giorgos: «Schon bei ihrem Anblick bekomme ich Ausschlag! Die profitieren von ihren fetten Gehältern und das Ergebnis ihrer Arbeit ist gleich null! Dahinter stecken doch andere Machenschaften!»

Regierung schürt Hass auf NGOs

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Der griechische Premier Mitsotakis
Legende: Der griechische Premier Mitsotakis Keystone

Die wüsten Attacken gegen NGOs kommen nicht von ungefähr. Seit langem kursieren Gerüchte über dunkle Machenschaften, darüber dass NGOs sogar mit Schleppern zusammenarbeiten und aus dem Drama der Flüchtlinge auf Lesbos Profit schlagen würden. Ein vor kurzem verabschiedetes Gesetz der konservativen Regierung Mitsotakis, das eine stärkere Kontrolle von NGOs vorsieht, hatte den öffentlichen Diskurs dazu neu entfacht.

Von kriminellen und parasitären NGOs hatten sogar Regierungsvertreter gesprochen. Das sei bei vielen hängen geblieben, sagt Elli Kriona. Die Rechtsanwältin arbeitet seit drei Jahren für die jüdisch-amerikanische NGO «Hias» auf Lesbos.

Es findet eine Hexenjagd statt. Wir leiden die letzten Tage; wir sagen nicht mehr, dass wir für NGOs arbeiten.
Autor: Elli KrionaFlüchtlingshelferin auf Lesbos

Jetzt, wo Erdogan die Grenzen aufgemacht hat und noch mehr Flüchtlinge ankommen, fühle sich der wütende Mob erst recht berechtigt, gegen Migranten genauso wie gegen Flüchtlingshelfer vorzugehen, sagt sie: «Es findet eine Hexenjagd auf der Insel statt. Wir leiden die letzten Tage; wir sagen nicht mehr, dass wir für NGOs arbeiten.»

Protest gegen neue Flüchtlingslager in Moria
Legende: «Moria fordert die Auflösung des Camps!»: Mittlerweile gibt es jede Nacht Strassensperren vor dem Dorf, damit kein Migrant mehr rein kommt. Die Wut richtet sich auch gegen Mitarbeiter von NGOs, die auf der Insel den Flüchtlingen helfen. Reuters

Verbale Auseinandersetzungen mit einzelnen Personen habe es auch früher gegeben. Aber jetzt werde die Wut erstmals von oben gesteuert: «Die Regierung gibt den Leuten freie Hand zur Selbstjustiz.»

Immer wieder wurden in den letzten Tagen Mitglieder von NGOs verbal oder körperlich angegriffen, eine Verpflegungsstation des UNHCR für neu ankommende Migranten zerstört.

Kind in einem Flüchtlingslager bei Moria (27.2.2020)
Legende: Viele ausländische Helfer reisen unter den gegebenen Umständen ab. Die Hilfsorganisation «Ärzte ohne Grenzen» hält ihre mobile Kinderklinik vor Moria aus Sicherheitsgründen seit Dienstag geschlossen. Die kranken Kinder im Lager bleiben vorerst ohne medizinische Versorgung. Reuters

Efi Latsoudi erlebt die Entwicklungen der letzten Tage mit Schrecken. Sie gehört zu den Inselbewohnerinnen, die seit Beginn der Flüchtlingskrise vor Ort waren und den ankommenden Flüchtlingen geholfen haben. 2016 hat sie stellvertretend für die Helfer eines selbstverwalteten Flüchtlingscamps auf Lesbos den Nansen-Flüchtlingspreis der Vereinten Nationen bekommen.

EU bleibt tatenlos

Die EU sei mitverantwortlich dafür, dass die Stimmung derart gekippt ist, sagt sie. Denn statt Lesbos und die anderen Ägäisinseln zu entlasten, toleriere sie die verschärfte Asylpolitik der griechischen Regierung: «Diese Menschen wollen nach Europa, wir befinden uns zufällig auf ihrem Weg. Europa hat uns aber alleine gelassen, und sieht zu, wie wir die Rechte dieser Menschen verletzen, wie wir sie zu unseren Feinden machen, wie unsere Gesellschaft radikalisiert wird.»

Karte der Ägäis
Legende: SRF

Die EU müsse Griechenland darin unterstützen, die ankommenden Flüchtlinge willkommen zu heissen und ihnen eine schnelle Weiterreise im Rahmen der Familienzusammenführung und eines europäischen Umverteilungsprogramms ermöglichen. Worauf sich die EU-Länder aber bisher nicht einigen können.

Keine Asylanträge mehr

«Die Situation wird von Tag zu Tag unerträglicher», sagt Latsoudi. Neu ankommende Migrantinnen und Migranten werden seit Tagen nicht mehr ins überfüllte Camp von Moria gebracht. Nicht, weil die Regierung die Lage im Camp nicht weiter belasten will, sondern weil Inselbewohner die Strasse geschlossen halten.

Stattdessen sollen die Migranten erstmal auf einem Kriegsschiff, das heute im Hafen von Mytilini angekommen ist, registriert und schnellstmöglich abgeschoben werden. Einen Asylantrag dürfen sie nicht stellen. Denn Griechenland hat das Verfahren für neu ankommende Migranten für einen Monat ausgesetzt.

Echo der Zeit, 4.3.20, 18 Uhr; imhm; gotl

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28 Kommentare

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  • Kommentar von Christa Wüstner  (Saleve2)
    BAZ heute Abend : Erdogan sendet 1000 Soldaten an die griech. Grenze, damit Flüchtlinge
    nicht zurückgeschickt werden können. Die Hilfe der EU sind Geldüberweisungen. Sie
    müssen also mit dem Problem alleine fertig werden. Völlig unverständlich, dass die
    Sicherung der EU Grenze nicht von Brüssel angeordnet wird. Lager überfüllt, Rückführung
    in ihre Heimatländer oft nicht möglich. Dazu kommt noch, dass Putin sich bei E. Entschuldigt hat, wegen der toten Soldaten. Und die vielen Toten in Idlib ?
  • Kommentar von Hanspeter Flueckiger  (Hpf)
    Angefeindete NGOs - wenn wunderts, die Helfershelfer der Schlepper, mit "Moral-Tarnkappe". Gut ist Ex-Premier Tsipras weg und Mitsotakis kann Remedur schaffen.
  • Kommentar von Bendicht Häberli  (bendicht.haeberli)
    Lesbos ist der Worst Case für Europa (siehe Rundschau von gestern abend). Der arbeitende Mensch möchte für sein Engagement einen Anteil persönlichen Nutzen genießen. Auf Lesbos wurde diese rote Linie überschritten. Die eigene Existenz ist in Frage gestellt und so sind aus Flüchtlingen gut gesinnte Menschen, intolerante Gegner geworden. Noch schlimmer: Der Vertrauensverlust gegenüber der GR Regierung, der EU sowie auch den NGO's. Vielfach verständlich.