«Besuchen Sie bitte die Nachmittags-Vorstellungen», steht am 4. Mai 1927 in einem Inserat der «NZZ», «um die Abend-Vorstellung zu entlasten». Beworben wird der Kinofilm von Walter Mittelholzers «Afrikaflug» von Zürich nach Kapstadt. Viermal täglich soll der Film im Zürcher Kino Bellevue gezeigt werden, heisst es im Inserat.
Mit seinen Filmen und Fotografien begeisterte Walter Mittelholzer die Massen. Erst lichtet er die Alpen und die Schweiz von oben ab.
Ab Anfang der 1920er-Jahre fliegt Mittelholzer zunehmend ins Ausland. Mit Flugzeug und Kamera reist er in die Arktis, nach Persien, Südafrika und über den Kilimandscharo. Mittelholzer hält Vorträge im ganzen Land, seine Reisebücher sind ein Renner.
Eine Schweizer Ikone
1937 kommt Walter Mittelholzer im Alter von 43 Jahren auf einer Bergtour in der Steiermark in Österreich ums Leben. Fünf Jahre später wird auf dem Flugplatz Dübendorf ein grosses Mittelholzer-Denkmal enthüllt. «Unserem Flugpionier Walter Mittelholzer», heisst es auf der Säule, darüber thront in luftiger Höhe ein Wanderfalke.
196’000 Buchexemplare soll Mittelholzers Gesamtauflage betragen, heisst es in einer Gedenkrede. Unter den Gästen sind General Henri Guisan und der Bundesrat Enrico Celio (CVP). Am Himmel kreisen sechs Militärflugzeuge. Gewürdigt wird Walter Mittelholzer für seine «unvergleichliche Propaganda für das Flugwesen», sagt ein Redner. Mittelholzer gilt – spätestens seit der Mitgründung der Swissair 1931 – als eine nationale Ikone.
Walter Mittelholzer vereint Widersprüche. Als Swissair-Direktor schafft er Vertrauen für die Zivilluftfahrt, als fliegender Fotograf stürzt er regelmässig ab und steht mit seinen Reisen für Abenteuer.
Vom Zürichsee nach Kapstadt
Sein bekanntestes Flugabenteuer beginnt am 7. Dezember 1926. In 77 Tagen fliegt Walter Mittelholzer mit dem Wasserflugzeug «Switzerland» von Zürich nach Kapstadt. Der Mechaniker und Hilfspilot Hans Hartmann, der Geologe Arnold Heim und der Reiseschriftsteller René Gouzy begleiten Mittelholzer. Von Gouzy kommt auch die Idee für die Reise.
Es ist die Zwischenkriegszeit. Das Wettrüsten und die Kriege in Europa erstrecken sich auch auf die Kolonien. Einflussgebiete werden mit Gewalt und Repression ausgebaut. Rund 600 Millionen Menschen leben zu diesem Zeitpunkt in Kolonien, rund 120 Millionen Menschen davon auf dem afrikanischen Kontinent.
Mittelholzer ist von Gouzys Reiseidee angetan. Er kümmert sich um die Organisation, das Geld, um Benzinvorräte, Publikationsverträge und um das Flugzeug. Die Maschine heisst «Switzerland», gebaut von der deutschen Firma Dornier.
Ein kolonialer Blick
Die «Switzerland» fliegt zunächst vom Zürichsee über Neapel, Athen nach Alexandria. Dem Nil entlang geht es zum Victoriasee, weiter nach Karonga, heute Malawi, damals eine britische Kolonie. Mittelholzer beschreibt seine Ankunft aus der herablassenden Perspektive des weissen Europäers.
«Im Nu war die Switzerland von einer riesigen, nur gering bekleideten schwarzen Bevölkerung umgeben, die uns zwei Flieger mit kindlicher Ehrfurcht bestaunte. (…) Die guten Schwarzen waren ganz ausser sich, tanzten und gestikulierten und machten einen Heidenlärm, so dass man kaum sein eigenes Wort verstehen konnte.»
Die Schilderung sei bezeichnend für das von Mittelholzer vermittelte Afrikabild, sagt die Kulturwissenschaftlerin Sonja Malzner von der Universität Rouen in Frankreich. Sie hat den «Afrikaflug» in ihrer Dissertation analysiert.
Die Menschen würden als kindlich, staunend und rückständig dargestellt, so Malzner. Es sei bei der Reise darum gegangen, der Welt zu zeigen, wie fortschrittlich die Schweizer Technik sei.
Malzner bezeichnet den Blick als kolonial: «Obwohl die Schweiz politisch gesehen keine Kolonien hatte, machte sie sich durch die Publikationen von Walter Mittelholzer den ganzen Kontinent Afrika symbolisch untertan.» Sonja Malzner spricht von einer indirekten Inbesitznahme.
Im Entdeckungsmodus
Über 200 Fotografien sind im Reisebuch «Afrikaflug» abgedruckt. Vor allem Bilder aus der Luft und von Menschen vor Ort: Menschen, die nackt tanzen, mit Speeren posieren oder auf dem Markt Bananen verkaufen. Wie es zu den Fotos kommt und wer die Menschen darauf sind, das erfährt man in der Regel nicht. Oft werden sie mit Begriffen bezeichnet, die heute als rassistisch und diskriminierend verstanden werden.
Die Historikerin Phindezwa Mnyaka von der University of the Western Cape in Kapstadt in Südafrika sagt, in den Bildern von Mittelholzer zeige sich eine Art Entdeckungsmodus. Damit würden Fotografen den Eindruck erwecken, zum Beispiel das Dorf, das sie fotografieren, selbst entdeckt zu haben.
Mnyaka, die zur visuellen Darstellung Afrikas im 20. Jahrhundert forscht, sagt, Mittelholzer habe sich an einem Stil bedient, den viele europäische Fotografen seiner Zeit pflegten. Mit seinen Fotografien zeichne er das Bild eines homogenen Afrikas, mache keine Unterschiede zwischen den Regionen und den fotografierten Individuen. Menschen würden als ein Spektakel inszeniert, gerade dann, wenn sie alltägliche Dinge tun würden.
Als schockierend bezeichnet Mnyaka eine Bildserie, die 1931 im heutigen Äthiopien und Eritrea – damals Abessinien – von Mittelholzer fotografiert wurde. Darauf zu sehen sind zwei Reisebegleiter Mittelholzers und eine junge Frau. Erst trägt sie Kleider, später wird sie von Mittelholzer mit nacktem Oberkörper fotografiert. Wie es dazu kam und unter welchen Bedingungen sich die Frau auszog, ist nicht überliefert.
Mnyaka sagt, solche Bilder würden die Aufmerksamkeit auf den Körper der Frau lenken: «Der Körper wird dem Publikum zugänglich gemacht.»
Nackt auf dem Inserat
Als Walter Mittelholzer vom «Afrikaflug» aus Kapstadt zurückkehrt, schreibt die «NZZ» am 22. März 1927: «Mit Spannung wurden im ganzen Land die Etappen und Berichte des kühnen Fluges verfolgt, die Zeugnis ablegten von schweizerischer Unternehmungslust, Ausdauer, Forschungstrieb und Flugsicherheit.»
44 Tage später erscheint in derselben Zeitung das halbseitige Inserat, das Mittelholzers Kinofilm und Reisebuch bewirbt. Darauf illustriert zu sehen: eine junge, nackte Frau. Sie wird im Reisebuch abgedruckt – im Kinofilm ist sie bekleidet zu sehen. Auch hier bleibt die Frage offen, unter welchen Bedingungen sich die Frau auszog oder ausgezogen wurde.