Gesetz gegen die E-Mail-Flut Französische Angestellte haben das Recht, offline zu sein

Keine E-Mails und Anrufe nach Feierabend: Frankreich hat zum Jahresbeginn ein «Recht auf Abschalten» eingeführt.

Eine Frau mit einem Smartphone an einem Kaffeetisch. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Im Land der 35-Stunden-Woche darf man nun offline gehen. Getty Images

Das Handy brummt, auf dem Display erscheint der Name des Vorgesetzen: Rasch tippen wir noch eine E-Mail, beantworten eine WhatsApp-Nachricht, nehmen einen Anruf entgegen. Egal ob wir im Zug sitzen, beim Feierabendbier in der Kneipe oder sonntags auf dem Spielplatz.

Berufliche Anrufe und E-Mails auch nach Feierabend zu beantworten, ist in vielen Branchen üblich. In Frankreich soll damit bald Schluss sein.

Wer in einem Unternehmen mit mehr als 50 Angestellten tätig ist, hat seit Jahresbeginn ein «Recht auf Abschalten». Wer nicht im Büro ist, muss nicht mehr erreichbar sein.

Abschalten nach Feierabend ist gesund

Die neue Regelung ist Teil der umstrittenen Reform des Arbeitsrechts von François Hollande und Premier Manuel Valls. Bindend ist sie nicht.

Die französische Regierung will damit eine bessere Balance zwischen Arbeitszeit und Privatleben fördern – und wohl auch die Gesundheitskosten tief halten.

Anitra Eggler. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Wünscht sich weniger E-Mail-Hektik: Anitra Eggler. Lukas Dostal

Zu viele Mails hemmen die Motivation

Denn E-Mails zu jeder Tages-, Nacht- und Urlaubszeit führen zu Stress, häufig zu Schlaflosigkeit und Beziehungsproblemen und manchmal auch zu Burnout.

Laut einer Umfrage unter 3000 europäischen Angestellten liest fast jeder Achte seine Geschäftsmails auch in der Freizeit. «Das macht nicht glücklich, das hemmt den Arbeitsspass und die Motivation», sagt die Digital-Therapeutin Anitra Eggler.

Niemand muss Mails lesen

In der Schweiz gibt es heute schon ein «Recht auf Abschalten», wenn auch nicht explizit. Denn rechtlich ist niemand verpflichtet, seine Freizeit mit Geschäftsmails zu verbringen.

Auf dem Papier sei es klar, sagt Thomas Geiser, Professor für Arbeitsrecht an der Universität St.Gallen: «Wenn man berufliche E-Mails liest oder Telefonate beantwortet, dann ist das Arbeit».

In der Praxis wird das aber von vielen Angestellten anders wahrgenommen. Wer nicht erreichbar ist, riskiert, dass er von Kollegen als zu wenig motiviert bewertet wird.

Nicht immer vernetzt

Daher muss wohl eher in den Köpfen ein Umdenken stattfinden als in der Rechtsgebung, gibt Thomas Geiser zu Bedenken.

«E-Mails abrufen nach Feierabend oder am Wochenende soll künftig als Zeichen schlechten Zeitmanagements gelten und nicht als vorbildlich», fordert auch Anitra Eggler: «Wir müssen wieder lernen, wie schön es ist, nicht immer erreichbar und vernetzt zu sein.»

Nehmen Sie sich das Recht abzuschalten?

Machen Sie mit bei unserer Umfrage:

Frage 1

  • Wie oft lesen und beantworten Sie Firmenmails in Ihrer Freizeit?

  • Kaum. Wenn ich das Büro verlassen habe, rufe ich meine E-Mails nicht mehr ab.

    52%
  • Wenn die Zeit drängt, beantworte ich auch mal eine E-Mail im Zug.

    25%
  • Ich beantworte E-Mails auch nach Feierabend direkt. Aufschieben bringt niemandem etwas.

    21%
  • 864 Stimmen wurden abgegeben

Frage 2

  • Stellen Sie sich vor, Sie sitzen im Urlaub am Strand und ihre Chefin ruft an – gehen Sie ran?

  • Auf keinen Fall. An meinem Ferienort hat mein Job nichts verloren.

    35%
  • Erst mal geniesse ich die Sonne. Ich rufe aber später zurück.

    30%
  • Ja. Lieber fünf Minuten telefonieren als sich stundenlang zu fragen, was wohl los ist.

    34%
  • 865 Stimmen wurden abgegeben

Frage 3

  • Finden Sie das französische «Recht auf Abschalten» sinnvoll?

  • 4.5

    Ich finde das richtig. Es nimmt Angestellten den Druck, nonstop vernetzt zu sein.

  • 2.5

    Für mich macht das wenig Sinn. Schliesslich ist niemand gezwungen, ständig erreichbar zu sein.

  • 3.5

    Gut finde ich, wenn eine Firma das Offline-Sein fördert. Der Staat sollte das nicht vorschreiben.

  • 767 Stimmen wurden abgegeben

Frage 4

  • Wann nehmen Sie sich persönlich das «Recht auf Abschalten» heraus?

  • Wenn ich Zeit mit Familie oder Freunden verbringe.

    30%
  • Eigentlich nur, wenn ich kein WLAN finde. Zähneknirschend.

    5%
  • Wann immer ich will.

    64%
  • 859 Stimmen wurden abgegeben

Sendung: Radio SRF 3, Lesezunder, 19. Juni 2014, 14:03 Uhr