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Faszination Fussball
Aus Bleisch & Bossart vom 16.11.2022.
abspielen. Laufzeit 11 Minuten 8 Sekunden.
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Fussball und Philosophie WM 2022 in Katar: Abfeiern oder abschalten?

Die anstehende WM in Katar ist auch eine Kunstturn-Disziplin: ein Spagat zwischen sportlicher Begeisterung und Kritik am Gastgeberland. Wie geht man damit um? Ein philosophisches Pro und Contra.

Barbara Bleisch: Warum ich nicht einschalte

Barbara Bleisch

Barbara Bleisch

Moderatorin und Philosophin

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Barbara Bleisch ist Philosophin und moderiert die «Sternstunde Philosophie». Daneben schreibt sie Bücher und unterrichtet Ethik.

«Dass die WM in Katar ein sportpolitischer Skandal ist, bestreitet niemand: Korruption und Spionage bei der Vergabe, Ausbeutung von Wanderarbeitern, ein erbärmlicher Menschenrechtsschutz vor Ort, eine Umweltbelastung, die das Emirat nie und nimmer ausgleichen wird.

Dennoch ist am 20. November Anpfiff, ob wir die Spiele verfolgen oder nicht. Der private Boykott hilft scheinbar keinem.

Wobei das noch niemand ausprobieren konnte. Stellen wir uns vor, es ist WM und keiner schaltet ein! Die Fifa-Funktionäre würden begreifen, dass Fans eine solche Vergabe nicht dulden. Korrupte Regimes würden in Zukunft zögern, ob sie auf ‹Sportswashing› setzen: Mit sportlichen Grossanlässen von politischen Missständen im eigenen Land ablenken, zahlt sich nicht aus, wenn keiner zuschaut.

Als würde man eine Ausstellung mit Raubkunst bewundern: hübsch anzusehen, schwer auszuhalten.

Aber wird am Ende nicht doch bei den meisten die Lust am Spiel obsiegen? Mein privates Opfer ist dann nicht mehr als ein Tropfen auf den heissen Stein: naiv und wirkungslos.

Wer meint, in ethischen Fragen gehe es allein um die Folgen, hat allerdings ein amputiertes Ethikverständnis. In der Ethik geht es immer auch um das Bestreben, unser Handeln vor uns selbst rechtfertigen zu können. Wer sich an einem Spiel ergötzt, für dessen Rahmenbedingungen andere mit dem Leben bezahlt haben, wird zurecht von einem unguten Gefühl befallen. Das fühlt sich an, als würde man eine Ausstellung mit Raubkunst bewundern. Hübsch anzusehen, schwer auszuhalten.

Ich lasse mir meinen kleinen Handlungsspielraum nicht nehmen und schalte nicht ein. Oder wenn, dann nur mit schlechtem Gewissen.»

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Philosoph und Fussballnarr Wolfram Eilenberger über die WM 2022
aus Kultur-Aktualität vom 17.11.2022.
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Wolfram Eilenberger: Nicht die Fans müssen die Verantwortung tragen

Wolfram Eilenberger

Wolfram Eilenberger

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Wolfram Eilenberger ist Philosoph, Autor und moderiert die «Sternstunde Philosophie».

«Damit wir uns nicht falsch verstehen: Die anstehende Weltmeisterschaft in Katar ist ein fussballkulturelles Verbrechen, ein sportpolitischer Missgriff und ein ökologisches Desaster. Sie hätte niemals dorthin vergeben, niemals dort stattfinden dürfen.

Ein Boykott der teilnehmenden Verbände stand indes nie ernsthaft zur Diskussion. So soll der Skandal nun vor dem inneren Gerichtshof der Fussballfans zur Lösung kommen. Die moralische Forderung lautet: einfach nicht einschalten, die WM als Fernsehereignis boykottieren.

Anstatt mit guten, werden wir nun also mit schlechten Gewissen mitfiebern. Ihr wisst, wir können kaum anders.

Schon begrifflich keine gute Idee. Denn ein individueller Konsumverzicht ist eben das, ein freiwilliger Verzicht (ein ‹Boykott›, der diesen Namen verdient, wird hingegen kollektiv bindend von Staaten oder Institutionen ausgesprochen). Von den Milliarden Fussballliebenden weltweit zu verlangen, ihre gewusst irrationale und tief emotionale Leidenschaft für mehr als vier Wochen im Modus eines moralisch motivierten Verzichts zu zügeln, verlagert die Schuld- wie Verantwortungsfrage selbst in unmoralischer Weise.

Schämen und aktiv kasteien sollten sich nicht wir, sondern die Fifa-Funktionäre sowie alle Sponsoren, die diese vermaledeite Entscheidung mittrugen und -tragen. Ihr habt uns verraten!

Was ein wahres Fest sportlicher Freiheit, geteilter Spielfreude und globaler Gemeinschaft hätte werden können, wurde durch eure schmierigen Deals, eure blinde Gier und eure zynische Gleichgültigkeit im Vorhinein verdorben.

Anstatt mit guten, werden wir nun also mit schlechten Gewissen mitfiebern. Ihr wisst, wir können kaum anders. Schämt euch, wandelt euch.

Es lebe der Fussball und seine heilenden Kräfte!»

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FIFA schickt Fussball-WM 2022 in die Wüste – Katars Kampf für ein modernes Image
Aus DOK vom 10.11.2022.
abspielen. Laufzeit 55 Minuten 11 Sekunden.
Audio
WM in Katar: Schauen oder nicht?
aus Echo der Zeit vom 15.11.2022. Bild: KEYSTONE/DPA/Horst Galuschka
abspielen. Laufzeit 5 Minuten 50 Sekunden.

Radio SRF 2 Kultur, Kultur Aktuell, 17.11.22., 8:15 Uhr

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22 Kommentare

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  • Kommentar von SRF (SRF)
    Vielen Dank für die Diskussion, wir schliessen die Kommentare an dieser Stelle wieder. Schönen Abend! Liebe Grüsse SRF Kultur
  • Kommentar von Maria Müller  (Mmueller)
    Mal etwas ketzerisch gefragt: Darf man sich das Eidgen. Schwingfest anschauen?

    Das ist grosso modo doch voll die "SVP-Hochburg".
    (Ich meine: Ja, man darf.)
  • Kommentar von Werner Gerber  (1Berliner)
    Ich glaube der Spaß ist eh schon verdorben, mit abfeiern wird wohl nichts. 50 % der D wollen boykottieren und Public viewing wird kaum stattfinden, schon gar nicht in Berlins Szenekneipen. Es gibt selbst Fanclubs die sich verweigern wollen. Die Ignoranten werden unter sich bleiben und das allgemeine Feiern ist getrübt. Für die CH ist es eh bald vorbei, die D werden vielleicht noch etwas länger dabei sein. Aber in die Bredouille werden sie kaum kommen einen WM Titel feiern zu müssen.
    1. Antwort von Thomas Rüegger  (Thomas Rüegger)
      Ja, natürlich:
      1. D kommt an jeder WM weiter als die CH.
      2. Wer anderer Meinung ist, ist ein Ignorant.
    2. Antwort von Werner Gerber  (1Berliner)
      Natürlich darf die CH auch weiterkommen als D, hab nichts dagegen. Ist mir aber auch egal.
  • Kommentar von Esther Jordi  (Esther Jordi)
    Gibt es überhaupt noch WMs, bei deren Vergabe es nicht zu Bestechungen und Geldfluss kommt? Ich stelle mir gerade vor, die diesjährige würde woanders stattfinden. Wären dann die moralischen Entrüstungsstürme auch dermassen gross? Bringt es den Medien etwas, den Fussballfans, die sich die Spiele anschauen wollen und werden, ein schlechtes Gewissen einzureden? Offenbar schon. Aber was?