Zum Inhalt springen

Header

Muranow
Aus Sternstunde Religion vom 24.01.2021.
Inhalt

Gedenken an NS-Opfer Historikerin: «Die Zeit ist reif für ehrliche Erinnerungskultur»

Ein offizielles Mahnmal für die Opfer des Nationalsozialismus gibt es in der Schweiz noch nicht. Das soll sich ändern.

In der Schweiz gibt es rund 54 Shoah-Mahnmale: etwa die Gedenkstätte in Riehen oder das Denkmal auf dem jüdischen Friedhof in Bern. Jüngste Aktion sind die Zürcher «Stolpersteine». Die in goldene Messingtafeln eingravierte Namen von Schweizer KZ-Häftlingen wurden dort in den Asphalt einbetoniert, wo die Opfer des Holocaust zuletzt gelebt haben.

Video
«Stolpersteine» in Zürich gesetzt
Aus Schweiz aktuell vom 27.11.2020.
abspielen

Diese Mahnmale basieren primär auf privaten Initiativen. Eine offizielle Gedenkstätte gibt es in der Schweiz bisher noch nicht.

Forderung nach offiziellem Schweizer Mahnmal

Vor zwei Jahren haben deshalb, anlässlich des internationalen Holocaust-Gedenktags, jüdische Organisationen und die Christlich-Jüdische Arbeitsgemeinschaft ein offizielles Schweizer Mahnmal gefordert. Parallel dazu liefen Anstrengungen der Auslandschweizer-Organisation, der Schweizer Opfer zu gedenken.

Vertreter des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebundes, der Auslandschweizer-Organisation, der Christlich-Jüdischen Arbeitsgemeinschaft Schweiz, des Archivs für Zeitgeschichte und des Zentrums für Jüdische Studien der Universität Basel haben ein Konzept für ein Denkmal skizziert.

Ein Denkmal für die Erinnerungskultur

Darin fordern sie, dass den Opfern des Nationalsozialismus und des Holocaust Tribut geschenkt wird: Allen Verfolgten, Entrechteten und Ermordeten, Jüdinnen, Schweizern, verfolgten Minderheiten, politischen Oppositionellen, wie auch die an der Grenze zurückgewiesenen Flüchtlingen.

Die Gedenkstätte soll ebenfalls an jene Personen erinnern, die den Verfolgten in der Schweiz Hilfe boten.

Ein wichtiges Zeichen des Bundes

«Aus unserer Sicht sollte der Bund ein solches Denkmal finanzieren und errichten», sagt Hannah Einhaus. Die Berner Historikerin ist Präsidentin der Christlich-Jüdische Arbeitsgemeinschaft und macht sich stark für ein offizielles Mahnmal.

«Das wäre Ausdruck dafür, dass sich die Regierung zu ihrer historischen Mitverantwortung bekennt.» 2004 trat die Schweiz der Internationalen Holocaust Remembrance Alliance bei.

Video
Eine Holocaust-Gedenkstätte in der Schweiz. Ein Plädoyer.
Aus Wort zum Sonntag vom 08.02.2020.
abspielen

Dies alleinig reiche jedoch nicht, meint Einhaus: «Mit dieser Mitgliedschaft hat sich unser Land dazu verpflichtet, eine Erinnerungskultur für den Holocaust und Opfer des Nationalsozialismus zu erarbeiten.»

Jüdisch-schweizerische Geschichte

Dass es 76 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges in der Schweiz noch kein offizielles Denkmal gibt, führt die Historikerin auf die Schweizer Geschichtsschreibung zurück: «In den 60er-Jahren hatten Themen wie Mittäterschaft oder Mitverantwortung der Schweiz im Nationalsozialismus keinen Platz.»

Erst nach der Öffnung der Archive in den 1990er-Jahren konnte die jüdisch-schweizerische Geschichte in der NS-Zeit aufgearbeitet werden. Ausdruck davon war gemäss Einhaus das 1994 erschienene Standardwerk «Die Schweiz und die Juden» von Jacques Picard. Der Konflikt um die nachrichtenlosen Vermögen auf Schweizer Banken und Raubgold stand damals im Vordergrund.

Inzwischen leben in der Schweiz noch etwa 450 Holocaust-Überlebende. «Die Zeit ist reif für eine ehrliche Erinnerungskultur und damit auch für eine eidgenössische Gedenkstätte», sagt Einhaus.

Sensibilisierung statt Ignoranz

Die Initiantinnen hoffen, das Konzept noch in der ersten Hälfte dieses Jahres zu übergeben. In Zusammenarbeit mit den Kantonen soll der Bund dann über den Standort entscheiden. Über 100 Persönlichkeiten und Organisationen aus Gesellschaft, Politik und Wirtschaft unterstützen das Anliegen.

Neben einem Gedenkort erachten die Initianten auch ein Bildungsangebot als angemessen. Wie dies auszusehen hat, bleibe ebenfalls dem Bund überlassen. «Wichtig ist, dass die Menschen für die Gefahr von Antisemitismus, Rassismus und Hetze sensibilisiert werden», sagt Einhaus.

Sendung: SRF 1, Sternstunde Religion, 24.1.2021, 10:00 Uhr.

Meistgelesene Artikel

Nach links scrollen Nach rechts scrollen

19 Kommentare

Navigation aufklappen Navigation zuklappen

Sie sind angemeldet als Who ? (whoareyou) (abmelden)

Wir haben Ihren Kommentar erhalten und werden ihn nach Prüfung freischalten.

Einen Kommentar schreiben

verfügbar sind noch 500 Zeichen

Mit dem Absenden dieses Kommentars stimme ich der Netiquette von srf.ch zu.

Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.

  • Kommentar von Manuel Pestalozzi  (M. Pestalozzi)
    Ich hoffe schon sehr, dass es vor dem Erstellen eines solchen Denkmals (gegen das ich grundsätzlich nichts habe) eine gründliche, ehrliche und kontroverse Debatte über den Zusammenhang zwischen der Schweiz und dem Holocaust gibt. Die offizielle Schweiz hat sich sicher nicht an der systematischen Entrechtung, Verfolgung und Vernichtung von Menschen beteiligt. Für Nachgeborene ist es in diesen Tagen etwas gar einfach, über den Vorfahren den Stab zu brechen.
    Antworten anwählen um auf den Kommentar zu antworten
    1. Antwort von Alex Volkart  (Lex18)
      Die Schweiz war teilweise durchaus an den Gräuel der Nazis an Juden beteiligt. Den an den schweizer Grenzen schickte man jüdische Flüchtlinge zurück obwohl man wusste was mit Ihnen geschieht, unsere Banken profitierten vom Vermögen das die Nazis den Juden gestohlen hatten und in der Schweiz versteckt wurde, auch gab es Schweizer die auf Seiten der Nazis kämpften. Auch in der Schweiz gab es viele Menschen die mit den Nazis sympathisierten. Die Schweizer Neutralität ist nur ein Mythos.
    2. Antwort von Pascal Schärer  (Pascal1511)
      @ Lex18 Was Sie da schreiben glauben Sie ja wohl selbst nicht.
      1. Mussten die Schweizer Banken Nazigold im Tausch zu zinslosen Krediten für DE auf Druck von DE annehmen. Diese wollten diesen Tausch gar nicht.
      2. Dass Schweizer auf Deutscher Seite kämpften wurde als Landesverrat verurteilt, diese wären vermutlich erschossen worden wären sie zurückgekommen.
      3. Ein paar Nazisympathisanten =/= Haltung der CH.
      4. Dass unsere Neutralität ein Mythos sei, zeigt einfach wie wenig Sie wissen.
    3. Antwort von Alex Volkart  (Lex18)
      @ Herr Schärrer: Die Schweizer Banken wurden zu nichts gezwungen sondern verdienten gut daran das Nazis geraubtes Eigentum in der Schweiz verstecken konnten. Es gab in der Schweiz deutlich mehr als nur wenige Nazisympathisanten. Es gab grosse Gruppen im Schweizer Militär und sogar der Kulturszene die von den Nazis begeistert waren. Ich interessierte mich lange für diese Zeit weil meine deutschen Vorfahren, mütterlicherseits, in die Schweiz flüchteten.
  • Kommentar von Pascal Schärer  (Pascal1511)
    Ich sehe hier zig Kommentare über einen "aufkommenden braunen Sumpf" oder "vermehrte rechtsnationale Tendenzen". Wo bitte seht ihr das, worauf bezieht ihr euch? Experten, auch hier beim SRF thematisiert, meinen die rechtsextremen Gruppierungen nehmen ab und haben die Tendenz sich aufzulösen. Verbreitet bitte keine Fake News und gebt Quellen an auf welche Gruppen/Tendenzen ihr euch bezieht. Nur weil ihr jährlich weiter nach links rückt heissts nicht, dass es plötzlich mehr Rechtsextremismus gibt.
    Antworten anwählen um auf den Kommentar zu antworten
  • Kommentar von Urs Hugentobler  (Örs)
    Ein Schweizer Mahnmal müsste dann aber gut sichtbar als solches gekennzeichnet werden, nicht dass es aus Versehen wieder auf einem Wahlplakat der SVP landet. https://www.google.ch/amp/s/www.nzz.ch/amp/zuerich/svp-zuerich-wirbt-mit-holocaust-mahnmal-fuer-begrenzungsinitiative-ld.1567937
    Antworten anwählen um auf den Kommentar zu antworten