Marina Vidovic ist Anfang der 1990er‑Jahre in der Schweiz geboren, in der Ostschweiz aufgewachsen und hat serbische Wurzeln. Sie und ihre ältere Schwester sind beide durch künstliche Befruchtung in einer Kinderwunschklinik entstanden. Ihre Kindheit beschreibt sie als behütet.
Dass ihre Familiengeschichte aber viel komplizierter ist als gedacht, erfährt sie erst Jahre später. Denn in der Klinik kam es zu folgenschweren Verwechslungen. Ein Gespräch über Identität und Familie.
SRF: Ihre Eltern kamen während des Balkankriegs in die Schweiz. Wie war es, mit zwei Kulturen aufzuwachsen?
Marina Vidovic: Als Kind habe ich das noch nicht gemerkt. Erst später habe ich realisiert, dass ich zwischen zwei Welten lebe. In Serbien war ich nur im Sommer. In der Schweiz fiel mir das weniger auf, aber für meine Eltern war es genau umgekehrt. Dieses Dazwischen hat sich auch auf mich übertragen.
Eine Szene aus einer Telenovela bringt Ihre Familiengeschichte ins Wanken. Wie kam es dazu?
Damals war ich 21 Jahre alt. In der Serie erfährt ein Sohn durch einen Blutgruppen-Test, dass er nicht das biologische Kind seiner Mutter sein kann. Meine Schwester sagte plötzlich: «Mami, das sind wir: Ich habe Blutgruppe 0, du hast AB.»
Sie ist nicht das biologische Kind meiner Mutter.
Unsere Mutter hat das erst abgetan, aber meine Schwester liess es nicht mehr los.
Ihre Schwester machte dann eine Mutterschaftsabklärung. Was war das Ergebnis des Tests?
Sie ist nicht das biologische Kind meiner Mutter und auch nicht meine biologische Schwester. Das war ein Schock, für mich, für meine Schwester und für meine Mutter. Aber emotional hat sich nichts geändert: Sie ist und bleibt meine Schwester.
Wie haben Sie herausgefunden, was im Fall Ihrer Schwester passiert ist?
Wir sind in die Kinderwunschklinik gegangen. Dort sagte man uns, der Arzt habe damals die Petrischalen vertauscht. Dadurch wurden falsche Embryonen eingesetzt.
Später stellte sich auch noch heraus, dass Sie nicht die biologische Tochter Ihres Vaters sind. Die Eizelle ihrer Mutter wurde statt mit dem Samen ihres Vaters mit dem eines fremden Mannes befruchtet. Wie haben Sie darauf reagiert?
Das konnte ich zuerst nicht glauben. Es war auch sehr schwierig für meine Mutter: Ihr erstes Kind ist nicht biologisch mit ihr verwandt und mich hat sie mit einem Mann, den sie noch nie in ihrem Leben gesehen hat. Sie hatte kein Kind mit ihrem Mann. Ich wusste immer, dass ich ein Wunschkind bin. Aber plötzlich war klar: Ich bin nicht von dem Mann, mit dem ich aufgewachsen bin. Das war schwierig.
Sie haben sich dann auf einer DNA-Plattform registriert. Was brachte das?
Ich hatte einen Match: einen Halbbruder aus der Schweiz. Über ihn habe ich online meinen biologischen Vater gefunden. Ich habe sofort einen Brief geschrieben und bin noch am selben Tag losgefahren.
Für mich fühlte es sich an, als würde ich meinem eigenen Ich gegenübersitzen.
Eigentlich wollte ich den Brief einwerfen, traute mich dann aber zu klingeln. Mein Halbbruder öffnete die Tür, mein Vater war gerade in den Ferien.
Danach kam es zu einem ersten Treffen mit Ihrem biologischen Vater. Wie war das?
Als ich ihm da in die Augen geschaut habe, war ich einfach dankbar. Ich habe ihm meine ganze Geschichte erzählt und bei ihm Antworten auf meine Herkunft bekommen. Er wusste nichts von mir. Für mich fühlte es sich an, als würde ich meinem eigenen Ich gegenübersitzen, nur 40 Jahre älter.
Was bedeutet Familie für Sie heute?
Familie ist eine innere Haltung. Meine Mutter lebt mir das bis heute vor: Meine Schwester und ich sind beide ihre Kinder, Herkunft hin oder her. Verwandtschaft entsteht durch Biologie, aber Zugehörigkeit ist eine Wahl.
Das Gespräch führte Stefan Büsser.