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Expertin Simone Eggler über Femizide in der Schweiz
Aus Kultur-Aktualität vom 03.08.2020.
abspielen. Laufzeit 04:12 Minuten.
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Gewalt gegen Frauen «Wir leben in einer patriarchal geprägten Gesellschaft»

Nach dem Mord an einer Studentin in der Türkei protestieren tausende Frauen gegen Femizide und für ein härteres Durchgreifen gegen die Täter. Als Zeichen der Solidarität posten Frauen weltweit auf Instagram unter dem Hashtag #challengeaccepted, Link öffnet in einem neuen Fenster Selbstporträts in Schwarzweiss – wie die Fotos der ermordeten Frauen, die nach den Taten durch die Medien gehen.

Femizide sind auch in der Schweiz ein Problem: Durchschnittlich alle zwei Wochen wird eine Person ermordet., Link öffnet in einem neuen Fenster Drei Viertel der Opfer sind Frauen. Dazu kommt durchschnittlich jede Woche ein Mordversuch an einer Frau. Das Bewusstsein dafür, dass in der Schweiz Menschen aufgrund ihres Geschlechts sterben, sei klein, sagt Expertin Simone Eggler.

Simone Eggler

Simone Eggler

Expertin für geschlechtsspezifische Gewalt

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Simone Eggler ist Expertin für geschlechtsspezifische Gewalt und arbeitet bei Terre des Femmes Schweiz.

SRF: Durchschnittlich wird in der Schweiz alle zwei Wochen eine Frau ermordet. Wieso hört man so wenig darüber?

Simone Eggler: Das Bewusstsein dafür, dass in der Schweiz Menschen aufgrund ihres Geschlechts sterben, ist tatsächlich klein. Jede Woche überlebt eine Frau mindestens einen solchen Angriff. Es stellt sich die Frage. Wollen wir das nicht sehen? Oder mangelt es an Informationsarbeit?

Wie kann man diese Problematik im öffentlichen Bewusstsein stärken?

Von staatlicher Seite und auch von der Polizei müsste klar kommuniziert werden: Diese Frau ist getötet worden, weil sie eine Frau ist. Ein Femizid ist keine «Tragödie», kein «tragisches Ereignis» ohne verantwortliche Person.

Wenn man einen solchen Mord beispielsweise als «Beziehungstat» bezeichnet, schwingt oft mit, dass das Opfer eine gewisse Schuld trägt. Es gibt viele stereotype Vorstellungen. Zum Beispiel: Sie hat ihn provoziert, sie hätte ihn nicht eifersüchtig machen müssen.

Das ist gefährlich, denn dann schauen wir nicht wirklich hin, was das eigentliche Problem ist. Nämlich, dass Männer Frauen töten, weil sie gelernt haben, dass sie ein Recht darauf haben. Oder weil sie nicht gelernt haben, andere Wege in Konflikten zu suchen.

Der Grund für diese Taten ist das Geschlecht. Was sind die dahinterliegenden Ursachen?

Auch in der Schweiz leben wir in einer patriarchal geprägten Gesellschaft. Das bedeutet, dass wir lernen, dass nicht alle Menschen gleichwertig sind. Und das zeigt sich in Form von Gewalt an Frauen. Die individuellen Gründe dahinter sind komplexer, jeder Fall ist anders.

Video
Gewalt gegen Frauen: Ein Täter spricht
Aus Rundschau vom 29.01.2020.
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In der sogenannten Istanbul Konvention, Link öffnet in einem neuen Fenster des Europarats hat sich die Schweiz dazu verpflichtet, mehr zu tun, um Gewalt gegen Frauen zu verhindern und die Strafverfolgung zu verschärfen. Reicht das?

Die Istanbul Konvention ist ein ganz wichtiges Instrument, Gewalt an Frauen in der Schweiz in Zukunft vorzubeugen. Wir beobachten bereits erste positive Effekte. Sowohl von staatlicher als auch von nichtstaatlicher Seite wird besser zusammengearbeitet. Diese Konvention wird ernst genommen.

Aber es gibt noch viel zu tun, insbesondere im Bereich der Prävention – Kampagnenarbeit, Informationsarbeit, Bildungsarbeit. Rund um den Lehrplan 21 wurden Diskussionen geführt, ob zum Thema Gender gearbeitet werden muss oder nicht. Das Wort «Gender» wurde schliesslich herausgestrichen. Das zeigt, dass die Problematik noch viel zu wenig im öffentlichen Bewusstsein angekommen ist. Denn Gleichstellungsarbeit ist immer auch Gewaltprävention.

Das Gespräch führte Katharina Brierley.

Kultur aktuell, Radio SRF 2 Kultur, 3.8.2020, 6.50 Uhr;

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74 Kommentare

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  • Kommentar von Martin H. Meier  (Mahame)
    Es ist problematisch bei Tötungsdelikten zu unterscheiden zwischen m/w Opfern. Des weiteren werden Tötungsdelikte, die nicht unter häusliche Gewalt fallen aus der Statistik rausgerechnet (?) Das ergibt 75% weibliche Todesopfer! Würde man die Delikte häuslicher Gewalt rausrechnen: 70% Opfer (tot) männlich, bei versuchter Tötung 85% m.
    Auch wenn Männer umgebracht werden, bedeutet das grosses Leid, auch für Frauen!
    Gesamtstatistik der Todesopfer durch Tötung: 48% m/ 52% weiblich.
    Furchtbar!
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  • Kommentar von Fritz Meier  (FriMe)
    Gut, dass man darüber schreibt/sensibilisiert. Ja, es ist verwerflich, wenn Männer Frauen schlagen. Ich glaube aber, die allermeisten Männer lehnen Gewalt ab, an Frauen wie an Männer. Sonst gäbe es mit rund 4 Mio. Männer in der CH jeden Tag riesige Gewaltorgien. Das passiert zum Glück nicht. Mich würde allerdings interessierten, woher Frau Egger die Behauptung hernimmt, dass wir in der CH in „einer patriarchal geprägten Gesellschaft“ leben.
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  • Kommentar von Pascal Weissmann  (Pascal Weismann)
    Gewalt ist generell zu verabscheuen. Oben aufgeführten Taten schärfstens zu verurteilen.
    Was mich stört; wo bleiben Zahlen im Kontext dieses Themas? Wieviele Mordversuche gibt es an Männern jede Woche? Gewalt unter Männer, an Männern? Usw. Leere Zahlen ohne diese in ein Verhältnis zu setzten, sind überhaupt nicht aussagekräftig @SRF. So lässt sich ein Problem nicht identifizieren.
    (Das gleiche gilt bei der Coronathematik)
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    1. Antwort von SRF Kultur (SRF)
      @Pascal Weissmann Das Thema des Artikels ist Gewalt gegen Frauen. Es lassen sich nicht immer alle weiterführenden Aspekte eines Themas abhandeln. Sie können sich hier vertiefter mit Zahlen zum Thema auseinandersetzen. Der Link ist auch im Artikel: https://www.ebg.admin.ch/ebg/de/home/themen/haeusliche-gewalt/statistik.html
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    2. Antwort von Martin H. Meier  (Mahame)
      Aus dem Artikel geht es ev. nicht klar hervor: diese Zahlen beziehen sich ausschliesslich auf häusliche Gewalt. Schaut man auf die Gesamtzahl der Tötungen (inkl. häusliche Gewalt), sieht die Sache ganz anders aus...
      Jedes versuchte oder volllendete Tötungsdelikt ist ein furchtbares Verbrechen, egal, ob das Opfer weiblich oder männlich ist.
      Es geht hier ausschliesslich um weibliche Opfer, Tatort häuslicher Bereich.
      Furchtbar!
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