Schweizer Indianer-Missionar Glauben und Verderben: Ein Schweizer Mönch bei den Sioux

Mit Eifer und Gewalt versuchte ein Schweizer Mönch, Sioux zum katholischen Glauben zu bewegen. Die Kirche hat sich entschuldigt – doch für viele Indianer ist das nicht genug.

Ein Salbeibündel, dass bei den Sioux spirituelle Bedeutung hat, hängt vor einem Protestcamp. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Viele Sioux verbinden Katholizismus und spirituelle Tradition – wie dieses Salbeibündel als Glücksbringer. Reuters

Das Wichtigste in Kürze

  • Der Schweizer Mönch Martin Marty wollte im 19. Jahrhundert amerikanische Sioux-Indianer zum Katholizismus bekehren.
  • Die Missionierung war für viele Indianerkinder eine Trägodie: Sie wurden ihren Familien entrissen und oft misshandelt.
  • Trotzdem sind viele Sioux bis heute katholisch.

«Martin Marty hat wohl immer davon geträumt, in der Ferne ‹Wilde› zu bekehren», meint sein Biograph Manuel Menrath. 1834 wurde Martin Marty in Schwyz geboren, trat später in den Benediktinerorden ein und wurde 1860 in die USA geschickt.

Dort sollte er zwei Mitbrüdern unter die Arme greifen und ein Kloster mit aufbauen. Doch Martin Marty hatte andere Pläne: Er wollte direkt etwas für Gott tun.

Verzweiflung in den Reservaten

Er wollte den «Heiden», den Ureinwohnern Nordamerikas, das Licht bringen. Schliesslich hätten die Benediktiner vor 1000 Jahren ganz Europa missioniert und mit dem Glauben beglückt. Dann sei es doch seine Pflicht, das gleiche bei den Indianern zu tun. So machte sich Martin Marty auf in die Reservate.

Dort traf er auf grosse Not und Verzweiflung. Die vormals siegreichen Krieger verloren in den Reservaten ihre Lebensaufgabe. Viele verfielen in Depressionen, Alkohol kam als Problem hinzu.

Martin Marty versuchte diese Nöte zu lindern, durch konkrete Hilfeleistungen wie Essen und Kleider, aber auch durch den katholischen Glauben. Martin Marty versuchte, die «Chiefs», die Stammeshäuptlinge der Sioux, vom Katholizismus zu überzeugen und bot den neuen Katholiken Privilegien an.

Zusatzinhalt überspringen

Die Sioux im heutigen Amerika

Die Sioux im heutigen Amerika

Keystone

Entzweite Familien

Aber Martin Marty merkte: Die ältere Generation war nur schwer zum neuen Glauben zu bewegen. Also setzte er auf die Kinder und Jugendlichen. Kinder wurden ihren Eltern entrissen und kamen in Internate.

Dort wurden sie isoliert von ihrer Familie und streng katholisch aufgezogen. Die Hoffnung von Martin Marty und anderen Missionaren: Die Kinder könnten dann später miteinander verheiratet werden und katholische Familien aufbauen.

Selbstmord und Missbrauch

Für die Kinder und die Familien war dies eine grosse Tragödie. Viele Kinder starben an Krankheiten, andere wurden stark gezüchtigt und missbraucht. Einige Kinder nahmen sich deswegen das Leben, oder sie kamen auf der Flucht aus dem Internat um.

Zweifel zeigte Martin Marty deswegen aber keine. Er war von der Überlegenheit des katholischen Glaubens überzeugt und zeigte keinerlei Verständnis für das spirituelle Weltbild der Sioux.

Hingabe an die Gemeinschaft

Wenn die Sioux beispielsweise während des Sonnentanzes Stücke ihres eigenen Fleisches opferten, war es für sie ein Ausdruck von grösster Hingabe an die Gemeinschaft. Sie gaben ihr Wichtigstes, nämlich ihren Körper, für die Gemeinschaft.

Zusatzinhalt überspringen

Buchhinweis

Manuel Menrath: «Mission Sitting Bull - Die Geschichte der katholischen Sioux», Ferdinand Schöningh Verlag, 2016

Für Marty war das blosse Barbarei. Deswegen wurde der Sonnentanz verboten. Dies stiess bei den Sioux wiederum auf Unverständnis. Warum war eine blutende Christusfigur in der Kirche erlaubt, der Sonnentanz hingegen nicht?

Tradition neben Katholizismus

Widerstand gegen die «Weissen», gegen die Missionare, war aber erfolglos. Auch die Missionare konnten aber keinen Erfolg vorweisen. Denn auch wenn viele Sioux äusserlich «zivilisiert» und christianisiert waren, bewahrten sie ihre Sprache und ihre Traditionen – bis heute.

Denn heute sind zwar viele Sioux immer noch katholisch. Sie trennen zwischen der christlichen Lehre und den Verbrechen der Missionare. Aber sie definieren sich ganz klar als Sioux, als «Natives».

Eine junge Sioux-Indianerin bei einem Protest. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Selbstbewusste «Natives»: die Sioux kämpfen für politische und religiöse Eigenständigkeit. Keystone

«Wir sind immer noch da»

Deswegen ist das Verhältnis zur römisch-katholischen Kirche weiterhin ambivalent. Die Kirche hat sich zwar für die brutalen Methoden und für den Missbrauch der Kinder entschuldigt.

Aber für viele Sioux ist das nicht genug, weiss Historiker Manuel Menrath: «Die Kirche könnte sagen: Wir haben nicht gesehen, dass eure Kultur unserer ebenbürtig ist. Das ist aber nicht passiert und zementiert so den Überlegenheitsanspruch des Christentums.»

Die Sioux hingegen halten bis heute an ihrer Kultur fest. Sie sagen stolz: Wir sind immer noch da. Die Gemeinschaften wachsen und kämpfen für ihre Rechte. Ob römisch-katholisch oder traditionell-spirituell spielt da keine grosse Rolle, so Manuel Menrath: «Sie sind Sioux und haben – trotz verschiedener Glaubensrichtungen – eine gemeinsame Geschichte.»

Sendung: Radio SRF 2 Kultur, Perspektiven, 22.01.2017, 8.30 Uhr

Sendung zu diesem Artikel