Glitzer verleiht Alltäglichem einen Hauch von Magie. Und dabei braucht es nicht mal viel von der funkelnden Materie, denn schon kleine Mengen erzeugen viel Aufmerksamkeit. Mit ein bisschen Glitzer wird man im Handumdrehen zum Star.
Seit es Menschen gibt, scheinen sie von glitzernden Stoffen angetan zu sein, das zeigt aktuell die Ausstellung «Glitzer» in Winterthur. Bereits in Höhlenmalereien liessen sich glitzernde Mineralien finden und die ägyptische Königin Cleopatra soll Glitzer-Make-up getragen haben, hergestellt aus schillernden Käferflügeln.
Im Mittelalter wurden Gold- und Silberfäden in Kleidung eingewoben, in den 1930er-Jahren stieg dank Film, Mode und Theater die Nachfrage nach Strass frappant.
Die Geschichte von Glitzer als kleinteilige funkelnde Plastikmaterie beginnt 1934 auf einer Farm in New Jersey. Der deutsche Einwanderer Henry Ruschmann bemerkte zufällige Ablagerungen in seiner Schneidemaschine für Fotopapier. Daraufhin baute er eine Maschine, die Kunststoff in kleine, gleichmässige Teile schneidet.
Von «Schnibbles» zur Massenware
Diese Partikel, die Ruschmann «Schnibbles» nannte, reflektierten Licht und wirkten wie funkelnde Splitter. Ursprünglich als Nebengeschäft gedacht, wurde Ruschmanns Glitzer schnell populär, nicht zuletzt, weil während des Zweiten Weltkriegs Weihnachtsdekoration ohne Kerzen gefragt war.
Heute ist Glitzer omnipräsent im Showbusiness und im Alltag, etwa in Grusskarten, Dekorationsgegenständen, Stickern, Handyhüllen, Kleidern, Seifen, Gebäck oder Nagellack. Einer der grössten Abnehmer von Glitzerstoffen ist die Autoindustrie, die daraus Metallic-Lacke herstellt.
In der Kosmetikindustrie widmen sich zudem ganze Forschungsabteilungen der Wirkung von Glitzer.
Glitzer als Lebensgefühl und Symbol
Glitzer ist aber nicht einfach eine funkelnde Materie, sondern auch eine Metapher für ein Lebensgefühl und Werkzeug der Verwandlung. Weil Glitzer billig, leicht verfügbar und doch effektvoll ist, ist es ein äusserst demokratisches Schmuckmittel. Einige tun es als kitschig und billig ab, für andere ist es gerade deswegen rebellisches Material.
Glitzer klebt und verhakt oft und lässt sich nur schwer entfernen. Das Material hat also eine subversive Qualität, die es auch zu einem Sinnbild der Selbstermächtigung macht. In der Queer-Community ist Glitzer ein starkes Symbol, das für Sichtbarkeit und Empowerment steht. Als Dragqueen komme man an Glitzer nicht vorbei, sagt etwa Didine van der Platenvlotbrug.
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Bild 1 von 4. Dragqueen Shiky gewinnt mit opulentem Glitzerkopfschmuck auf den kanarischen Inseln den ersten Preis bei einer Drag Queen Gala. (2023). Bildquelle: Keystone/EPA/Angel Medina.
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Bild 2 von 4. Auch bei Paraden wie der Pride in London (2025) glitzert und funkelt es …. Bildquelle: Getty Images/Alishia Abodunde.
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Bild 3 von 4. … ebenso am Christopher Street Day 2025 in Berlin unter dem Motto «Never be silent again!» …. Bildquelle: Getty Images/Omer Messinger.
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Bild 4 von 4. … bei dem Glitzer und Regenbogenfarben als Symbol für Sichtbarkeit und Vielfalt in der Queer-Community stehen. Bildquelle: Getty Images/SOPA Images.
Glitter ist ein magisches Material, das uns erlaubt, die Person zu sein, die wir sein wollen, und darin steckt für Didine van der Platenvlotbrug denn auch der rebellische Aspekt des Materials: «Glitzer nimmt uns aus dem Alltag heraus, vielleicht auch aus der Heteronormativität, und macht uns zu dem Anderen, zu dem Besonderen, zu dem Hervorstechenden, dadurch ist Glitzer widerständig und unangepasst.»
Glitzer ist mehr als Dekoration. Er ist ein kollektives Zeichen von Freude, Vielfalt und Ausgelassenheit. Ein Material, das uns aus dem Alltag heraushebt und ein magisches, manchmal schrilles, immer funkelndes Symbol dafür, dass man mehr sein kann und darf, als die Norm es erlaubt.