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Freundschaft im Erwachsenenalter - wie finde ich Gleichgesinnte?
Aus Input vom 30.08.2023. Bild: Imago/Image Source
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Gute Gesellschaft gesucht So knüpfen auch Menschen über 30 neue Freundschaften

Freundschaften fürs Leben findet man im Kindergarten, in der Schule oder im Studium. Danach wird es komplizierter. Diese Erfahrung machen viele – auch Yaron und Yasmin. Wie wir uns ab 30 in guter Gesellschaft wiederfinden und was gute Freunde von Bekanntschaften unterscheidet, erklärt eine Expertin.

Um uns mit jemandem anzufreunden, sind zwei Dinge entscheidend: gemeinsamer Raum und Zeit, die wir mit einer Person teilen. «In der Kindheit ist es noch ziemlich einfach. Da sind wir in der Regel mit den Kindern befreundet, die mit uns spielen», sagt die Entwicklungspsychologin Lisa Wagner.

Als Kinder und Jugendliche können wir von einem gemeinsamen Umfeld und Zeitplan profitieren. Wir sehen unsere Freundinnen und Freunde in der Schule und während der Freizeit. Wenn wir älter werden, ändert sich das.

Lisa Wagner

Lisa Wagner

Entwicklungspsychologin

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In ihrer Forschung beschäftigt sich die Entwicklungspsychologin unter anderem mit dem Thema Freundschaft. Sie arbeitet am Psychologischen Institut der Universität Zürich (UZH).

Spätestens wenn Job, Familie und Care-Arbeit den Alltag bestimmen, gäbe es oft nicht mehr viel Raum für neue Bekanntschaften. «In dieser Lebensphase versucht man ganz häufig, verschiedenen Anforderungen gerecht zu werden», sagt Wagner. Dazu komme, dass unsere Gesellschaft nicht darauf ausgelegt ist, dass wir im Erwachsenenalter vielen neuen Personen begegnen.

Freunde fürs Leben - oder bloss nette Bekanntschaften?

Diese Erfahrung macht auch Yasmin aus Winterthur: «Ich suche seit Langem nach tiefgründigen Freundschaften.» Die 47-Jährige ist in einer Partnerschaft und hat zwei, drei gute Kolleginnen. Yasmin sehnt sich nach einer Person, der sie sich anvertrauen kann, die ehrlich zu ihr ist und ihr auch mal die Meinung sagt.

Freundschaften pflegen lohnt sich

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Wer seine aktuellen Freundschaften pflegt, hat bessere Chancen, neue Freundinnen und Freunde zu finden. Zu diesem Schluss kommt die Studie «In guter Gesellschaft» des Gottlieb Duttweiler Institutes.

Die Wahrscheinlichkeit, neue Freundinnen und Freunde zu finden, hängt von der Frequenz des Treffens bestehender Freunde und Freundinnen ab. Mehr als ein Viertel der Befragten, die diese fast täglich treffen, hat im letzten Monat eine neue enge Freundschaft geschlossen.

Wer sich häufiger in soziale Situationen begibt, hat also bessere Chancen auf neue Freundschaften. Zum Vergleich: Nur etwa zwei Prozent der Menschen, die sich etwa einmal jährlich treffen, machten auf diesem Weg neue Bekanntschaften.

Sie lernt zwar Leute kennen, neue Bekanntschaften lösen sich aber nach kurzer Zeit wieder in Luft auf. Das geht ihr an die Substanz, es drängt sich die Frage auf: Liegt es an mir, dass es nicht funktioniert? «Selbstzweifel kenne ich sehr gut», sagt Yasmin.

Gleichgesinnte online finden

Um ihre Suche zu erweitern, hat sich Yasmin auf einem Online-Portal angemeldet. «Es ist eigentlich wie Dating, einfach ohne die Romantik», sagt sie. Und es erfordert Selbstreflexion. «Wie möchte ich rüberkommen? Wie verhindere ich Missverständnisse? Es sind nur ein paar wenige Sätze und da ist das sehr schwierig.»

Illustration, Mittig Smartphone-Bildschirm mit Dating-App, rechts und links Profilbilder von Nutzenden
Legende: Immer mehr Menschen nutzen Apps und Online-Plattformen, um neue Leute kennenzulernen – so auch Yasmin aus Winterthur. Getty Images / miakievy

In ihrem Inserat schreibt sie, dass sie gerne Zeit in der Natur verbringt, an einem Austausch über Literatur interessiert ist und gerne Tanzen geht. Es kommt zu mehreren Treffen, netten Begegnungen, aber es entstehen keine tiefen Freundschaften.

Erwartungen verändern sich

Dass es mit dem Älterwerden schwieriger wird, Freundschaften zu knüpfen, hat auch damit zu tun, dass sich unsere Erwartungen verändern. «Kinder erwarten jemanden, der mit ihnen spielt. Jugendliche möchten jemanden, der ihnen zuhört oder etwas mit ihnen unternimmt. Und bei Erwachsenen verändert sich die Erwartung an die Tiefe unserer Gespräche und die Übereinstimmung unserer Überzeugungen», so die Entwicklungspsychologin Lisa Wagner.

Junger Mann sitzt auf einer Wiese im Park, im Hintergrund Gruppe
Legende: Yaron auf der Grossen Schanze in Bern: Seine extrovertierte Art erleichtert ihm die Suche nach neuen Bekanntschaften. SRF

Gemeinsames Hobby als Chance

Auch Yaron muss sich auf neue Menschen einlassen. Ursprünglich kommt der 30-Jährige aus Israel, der Liebe wegen ist er nach Bern gezogen. Ihm fällt es leicht, auf Fremde zuzugehen. «Eigentlich ist es ganz einfach», sagt er, «man muss einfach das tun, was einem selbst Freude macht. Dann trifft man automatisch Gleichgesinnte.»

Sein Tipp: Vereine, davon gäbe es in der Schweiz eine Menge. So habe ich auch schon mal jemanden auf der Skipiste kennengelernt. «Ich habe ihm ein Kompliment zu seiner Jacke gemacht und seither sind wir zusammen wandern und biwakieren gegangen.»

Langfristige Freundschaften als Stütze

Yaron hat problemlos Anschluss gefunden. Durch seine Offenheit traf er schnell andere Menschen, die seine Interessen teilen, mit ihm Ski fahren, Pilze sammeln oder mit dem Hund spazieren gehen. Doch manchmal ist auch das nicht genug.

Freundschaften knüpfen als Zugezogene

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Personen, die neu in die Deutschschweiz ziehen, erkennen einen langfristigen und loyalen Charakter hiesiger Freundschaften. Gleichzeitig empfinden sie diese Freundschaften als ausgrenzend. Sie beobachten feststehende, abgeschlossene Freundeskreise, in die es von aussen schwierig scheint, aufgenommen zu werden.

Weiter kritisieren Zugezogene häufig, dass Schweizer Freundschaften sehr strukturiert und organisiert seien. Das führe dazu, dass spontane Treffen und ungezwungene Entstehung von Freundschaften erschwert oder sogar unmöglich gemacht würden. Das zeigt die Studie «In guter Gesellschaft» des Gottlieb Duttweiler Institutes.

«Wenn mir etwas auf der Seele brennt, melde ich mich bei meinen alten Freunden in Israel. Manchmal reicht es schon, eine Stunde per Videocall zu telefonieren, um ein Problem zu besprechen und sich Rat zu holen», sagt Yaron. Diese Vertrautheit würde er auch gerne in der Schweiz wieder finden. Aber: «Das braucht Zeit.»

Die drei Funktionen der Freundschaft

Sich jemandem anvertrauen zu können, sei eine von drei Funktionen, die Freundschaft für uns übernehmen kann, so die Psychologin Lisa Wagner. Insgesamt gibt es drei:

  • Intimität, mit jemandem über alles reden zu können.
  • Loyalität, jemanden zu haben, der oder die immer für einen da ist.
  • Und Spass zu haben, zum Beispiel bei der gemeinsamen Freizeitgestaltung.
  • Bevor man sich also auf die Suche nach neuen Freundschaften macht, kann man sich überlegen, welche Funktion man abdecken möchte.

Sich in ein neues Umfeld begeben

Auch Yasmin entdeckt ihre extrovertierte Seite. Sie schreibt seit Jahren und hat sich getraut, ihrer Leidenschaft nachzugehen. Sie hat inzwischen mehrere Science-Fiction-Romane veröffentlicht. «Das Publizieren hat mich Mut gekostet», sagt sie. Dieser Schritt habe sich aber gelohnt.

Durch ihre Auftritte in der Öffentlichkeit lernt sie neue Leute kennen, die sich für die gleiche Sache interessieren. Für Yasmin eine Bereicherung und ein Grund zur Hoffnung: «Vielleicht lerne ich jetzt ja die Menschen kennen, die zu mir passen.»

Radio SRF 3, Input, 30.08.2023, 15:00 Uhr

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