Zum Inhalt springen

Header

Navigation

Legende: Audio Wie Facebook mit Kommentaren in Mundart umgeht abspielen. Laufzeit 03:42 Minuten.
03:42 min, aus Kultur-Aktualität vom 03.05.2019.
Inhalt

Hasskommentare in Mundart Versteht Facebook kein Schweizerdeutsch?

Betroffene sagen, Facebook tue zu wenig gegen Hasskommentare auf Schweizerdeutsch. Hat Facebook ein Mundart-Problem?

«Alles flach mache mit H Bombe wer perfekt.»

Arabische Städte sollten mit Wasserstoffbomben vernichtet werden, schrieb kürzlich ein Facebook-Nutzer. Der Kommentar wurde als problematisch gemeldet, doch dann geschah nichts.

«Auf Hochdeutsch wäre er entfernt worden»

«Meine Erfahrung ist: Wenn etwas in Mundart verfasst ist, wird es nicht gelöscht. Wenn der Kommentar mit der Wasserstoffbombe auf Hochdeutsch gewesen wäre, wäre er entfernt worden.»

Das sagt Jolanda Spiess-Hegglin. Mit ihrem Verein «Netzcourage», Link öffnet in einem neuen Fenster unterstützt sie Menschen, die von Hasskommentaren betroffen sind. Sie meldet regelmässig Posts und Kommentare – viele davon in Mundart.

Dass diese nicht gelöscht werden, beobachtet Spiess-Hegglin immer wieder.

Was versteht der Algorithmus?

Facebook wird nicht nur von Nutzern auf problematische Posts aufmerksam gemacht – sondern auch durch Software, die automatisch nach unerwünschten Kommentaren sucht.

«Die Verarbeitung von Sprachen wie der Schweizer Mundart ist eindeutig schwieriger» sagt Julia Krasselt, die an der Zürcher Hochschule für angewandte Wissenschaften zu digitaler Linguistik forscht.

Der wichtigste Grund sei, dass die verfügbaren Instrumente nicht auf das Schweizerdeutsche ausgelegt sind: «Bei Englisch, Deutsch oder Französisch funktioniert das sehr gut. Bei weniger gut erforschten Sprachen wird es viel, viel schwieriger.»

Legende: Video Aus dem Archiv: Warum Facebook viele Gewaltvideos nicht löscht abspielen. Laufzeit 05:42 Minuten.
Aus 10vor10 vom 22.03.2019.

Unübersichtliches Schweizerdeutsch

Zum Schweizerdeutschen gibt es wenig Material, mit dem eine künstliche Intelligenz lernen kann, problematische Inhalte zu erkennen. Hinzu kommt: Es gibt eine Vielzahl verschiedener Dialekte und es fehlt eine einheitliche Schreibweise.

Facebook beschäftigt weltweit rund 15'000 Personen, die problematische Kommentare sichten und wenn nötig löschen. Auch in Deutschland gibt es zwei Löschzentren mit insgesamt rund 2000 Angestellten.

Können diese Mitarbeiter Schweizerdeutsch? Auf Anfrage teilt Facebook mit: «Wir haben ein Team, das sich um deutschsprachige Inhalte kümmert, jedoch nicht spezifisch um Dialekte wie Schweizerdeutsch. Hierbei greifen unsere deutschsprachigen Experten bei Bedarf auf Übersetzungssoftware zurück.»

Facebook lernt eifrig Sprachen

Die Linguistin Julia Krasselt geht davon aus, dass Facebook eine eigene Software für die Übersetzung verwendet: «Facebook arbeitet intensiv daran, Übersetzungstools zu erstellen». Man habe auch schon beachtliche Resultate präsentieren können.

Facebooks globales Sprachproblem

Personen-Box aufklappenPersonen-Box zuklappen

Eine Recherche von Reuters, Link öffnet in einem neuen Fenster zeigte kürzlich, dass Facebook ein massives Sprachproblem hat. Facebook wird in 111 verschiedenen Sprachen angeboten. Aber nur schon die Gemeinschaftsstandarts, Link öffnet in einem neuen Fenster sind bloss in 41 Sprachen verfügbar. Sie definieren, welche Inhalte auf Facebook erlaubt sind. Facebook bemüht sich um Besserung: In Burma zum Beispiel, wo es massive Probleme mit Hasskommentaren gibt, seien die Regeln nun in die burmesische Sprache übersetzt worden sowie 100 Mitarbeiter, die der Sprache mächtig sind, eingestellt worden.

Wie zuverlässig die Software von Facebook für Schweizerdeutsch funktioniert, weiss man nicht. Krasselt ist der Ansicht, dass es für Mitarbeiter, die kein Schweizerdeutsch verstehen, so oder so schwierig ist: «Man muss schon eine sehr hohe Sprachkompetenz im Schweizerdeutschen besitzen, um das zuverlässig analysieren zu können.»

Facebook hat grössere Sorgen

Dass Facebook keine Mitarbeiter hat, die Schweizerdeutsch sprechen, zeigt: Das Mundart-Problem scheint keine sehr hohe Priorität zu geniessen.

«Ich nehme an, dass man bei Facebook das Problem in der Schweiz nicht so gross findet», sagt Jolanda Spiess-Hegglin. In Anbetracht der weit grösseren Probleme, die Facebook mit anderen Sprachen hat, ist bei Hasskommentaren in Mundart in absehbarer Zeit wohl keine Verbesserung zu erwarten.

7 Kommentare

Navigation aufklappen Navigation zuklappen

Sie sind angemeldet als Who ? (whoareyou) (abmelden)

Kommentarfunktion deaktiviert

Uns ist es wichtig, Kommentare möglichst schnell zu sichten und freizugeben. Deshalb ist das Kommentieren bei älteren Artikeln und Sendungen nicht mehr möglich.