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Vertieft hinschauen bleibt exklusiv
Aus Kontext vom 29.08.2019.
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Holocaust in der Schule Vertieft hingeschaut wird nur im Gymnasium

Die junge Generation soll über Nationalsozialismus und Antisemitismus aufgeklärt werden und erfahren, dass eine Diktatur nicht vom Himmel fällt. Doch nur 20 Prozent der Jugendlichen setzen sich mit dem Zweiten Weltkrieg und dem Holocaust vertieft auseinander: jene, die eine Matura machen.

In der Berufsschule dagegen bleibt das Thema aussen vor. Das ist ein Defizit, sagt Sabina Brändli, Dozentin für Geschichtsdidaktik in Zürich.

Sabina Brändli

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Sabina Brändli ist Dozentin für Geschichte und Geschichtsdidaktik an der Pädagogischen Hochschule Zürich. Sie ist in der Ausbildung von Lehrpersonen für die Sekundarstufe tätig.

Zudem ist sie Mitglied der Schweizer Delegation der International Holocaust Remembrance Alliance (IHRA), Link öffnet in einem neuen Fenster. Dabei handelt es sich um eine zwischenstaatliche Organisation mit 33 Mitgliedsländern. Sie bringt Regierungen und Fachleute zusammen, um die Aufklärung, Forschung und das Erinnern an den Holocaust weltweit zu fördern.

SRF: Wer an seinen weit zurückliegenden Geschichtsunterricht denkt, erinnert sich an Pfahlbauern, Römer und Eidgenossen – und daran, dass der Zweite Weltkrieg und der Holocaust ausgespart blieben. Kommt das heute noch vor?

Sabina Brändli: Nur noch bei den über 40-Jährigen. Junge Menschen befassen sich heute in der obligatorischen Schulzeit mit dem Thema. Es ist im Lehrplan 21 vorgesehen.

Deutsche Jugendliche wissen heute nicht mehr viel über den Holocaust. Was weiss die Bildungsforschung über das Wissen der jungen Generation über den Zweiten Weltkrieg und den Völkermord?

Die Person Hitlers steht nach wie vor stark im Vordergrund. Wenig Wissen ist hingegen darüber vorhanden, wie es zum Faschismus, zur nationalsozialistischen Diktatur und zum Holocaust gekommen ist.

Wichtig für das historische Lernen ist, dass Jugendliche erkennen, wie eine Demokratie zur Diktatur werden kann und dass es auf dem Weg dazu Handlungsmöglichkeiten gibt.

Verbreitet ist auch die naive Vorstellung, dass ein solches Regime praktisch vom Himmel fällt: Dass Hitler als Diktator mächtig wurde, ohne dass es Möglichkeiten gegeben hätte, dagegen anzukämpfen.

Wichtig für das historische Lernen ist, dass Jugendliche erkennen, wie eine Demokratie zur Diktatur werden kann und dass es auf dem Weg dazu Handlungsmöglichkeiten gibt.

Das Bewusstsein, dass es Handlungsmöglichkeiten gibt, soll Jugendlichen in der Schweiz in der Sekundarschule, das heisst im Alter zwischen 12 und 15 Jahren, vermittelt werden. Sie arbeiten in der Geschichtsdidaktik. Wie gelingt es Lehrkräften, das schwierige Thema angemessen zu vermitteln?

Es gibt sehr gute neue Lehrmittel. Online sind zudem Aussagen von Zeitzeuginnen und Zeitzeugen verfügbar, die deutlich machen, wie der Prozess der zunehmenden Ausgrenzung und Verfolgung der jüdischen Bevölkerung vor sich ging.

Für die Lehrpersonen sind Unterrichtseinheiten skizziert, wie anhand von zeitgenössischen Fotografien eine kritische Betrachtungsweise eingeübt werden kann. Auch populäre Darstellungen in Spielfilmen, Comics und Games können kritisch geprüft werden.

Die Schweiz hat eine geringe Maturitätsquote. Die grosse Mehrheit befasst sich nach der obligatorischen Schulzeit nicht mehr mit dem Thema.

Die Schülerinnen und Schüler sollen sich fragen: Welche Geschichte wird mir erzählt? Wer ist der Bösewicht? Mit wem soll ich mich identifizieren? Und warum? Was ist erfunden und was stützt sich auf durch Forschung gesichertes Wissen? Sie sollen erkennen, dass es auch «Fake History» gibt. Ein solcher Lernprozess muss auf dieser Stufe beginnen.

Der Geschichtsunterricht in der obligatorischen Schulzeit wurde in den letzten Jahren gekürzt. Da stellt sich die Frage, was zum Zweiten Weltkrieg und Holocaust an den Berufsschulen oder den Gymnasien vermittelt wird.

Im Gymnasium kommt das Thema erneut und intensiv zur Sprache, oft nicht nur im Geschichts-, sondern auch im Deutschunterricht. Wir wissen zum Beispiel, dass Gespräche mit Zeitzeuginnen und Zeitzeugen für Jugendliche wichtig sind und eine grosse Wirkung haben. Auch der Besuch von ehemaligen Konzentrationslagern ist prägend.

Die Frage, wie aus Bürgerinnen und Bürgern Faschistinnen und Nationalsozialisten wurden, ist bei der Vermittlung zentral, wird aber häufig erst im Gymnasium vertieft bearbeitet.

Das ist ein Defizit. Die Schweiz hat eine geringe Maturitätsquote im internationalen Vergleich. Das heisst, die grosse Mehrheit, rund 80 Prozent, die einen anderen Bildungsweg wählen, befasst sich nach der obligatorischen Schulzeit in der Ausbildung nicht mehr mit dem Thema.

Das ist ein Mangel, denn für die politische Sozialisation ist das die entscheidende Phase, in der sich Werthaltungen verfestigen.

Das Gespräch führte Sabine Bitter.

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