Eigentlich der schönste Moment jeder Reise: Wenn man zum ersten Mal die Tür des Hotelzimmers schliesst und weiss, dass man sich in den nächsten Tagen um nichts kümmern muss. Kaffeekochen, Staubsaugen? Machen andere. Ab jetzt heisst es: einfach nur leben. Seufz! So sollte es immer sein.
Es gibt Menschen, die so leben oder gelebt haben: für Jahre oder gar Jahrzehnte im Hotel. Darunter prominente Kulturschaffende wie Udo Lindenberg. Seit 1995 lebt der Musiker im Hotel Atlantic in Hamburg. Die «Panikzentrale», wie das Zimmer im Udo-Jargon heisst, kann man bald im «rock’n’popmuseum» ansehen. Das Museum in Gronau, Lindenbergs Geburtsstadt, ehrt den Musiker ab Juni mit einer Sonderausstellung.
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Bild 1 von 2. Seit über 30 Jahren lebt Udo Lindenberg im Hotel Atlantic in Hamburg. Hier feierte er seinen 50. Geburtstag (17. Mai 1996). Bildquelle: IMAGO / United Archives / Hartwig Valdmanis.
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Bild 2 von 2. Das Hotel Atlantic in Hamburg wurde 1909 als Grand Hotel für die Passagiere der Hamburg‑Amerika‑Linie eröffnet, einer grossen Übersee‑Schifffahrtslinie. Bildquelle: Depositphotos / Datenschutz-Stockfoto.
Was Dauergäste im Hotel schätzen? Den Service. Oder, wie Udo Lindenberg einmal sagte: «Wenn Bach den Kehricht hätte hinunterbringen müssen, wären weniger Kantaten von ihm erschienen.» Im Hotel kümmert sich das Personal um den grossen Kleinkram. Und die Gäste haben den Kopf frei für anderes.
Von Patti Smith bis Oscar Wilde
Dauergäste im Hotel trifft man entweder ganz oben in der Fünf‑Sterne‑Hotellerie. Oder ganz unten – in einfachen, oft heruntergekommenen Lokalitäten, in denen Staubsaugen schon als überflüssiger Luxus gilt. In dieser Kategorie steigt ab, wer kein Geld hat. Oder wer den rauen, unbürgerlichen Rock’n’Roll‑Charme solcher Orte schätzt.
Die Liste der Langzeit‑Gäste im Chelsea Hotel in New York liest sich wie ein Who is Who der US‑amerikanischen Undergroundkultur: Patti Smith, Charles Bukowski, William S. Burroughs und Jackson Pollock lebten hier. Der walisische Dichter Dylan Thomas starb im Chelsea-Hotel.
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Bild 1 von 3. Patti Smith zusammen mit dem Fotografen Robert Mapplethorpe, während eines Aufenthalts 1971 im Chelsea-Hotel. Bildquelle: IMAGO / Cola Images.
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Bild 2 von 3. Das zwölfstöckige Hotel Chelsea in New York war Zufluchtsort für viele kreative Gäste. 1884 zunächst als Appartementkomplex eröffnet, wurde es 1905 in ein Hotel umgewandelt. Bildquelle: IMAGO / glasshouseimages.
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Bild 3 von 3. Auch der Schriftsteller Arthur C. Clarke wohnte gerne im Hotel Chelsea. Hier schrieb er das Drehbuch für «2001: A Space Odyssey». (ca. 1964). Bildquelle: IMAGO / mptv.
Sein irischer Berufskollege Oscar Wilde starb am 30. November 1900 im Hotel d’Alsace in Paris. Damals alles andere als eine elegante Adresse. Wilde, einst gefeierter Dichter und Dandy, war nach seiner Verurteilung wegen homosexueller Beziehungen tief gefallen. Heute ist im luxussanierten Hotel d’Alsace nicht mehr viel von dem Ort übrig, an dem Wilde unter der Hässlichkeit der Einrichtung und vor allem der Tapeten litt.
Mit dem Motorrad durch die Lobby
Hans Ulrich Obrist machte den Aufenthalt in einem bescheidenen Pariser Hotel zur Erfolgsgeschichte: Der Schweizer Kurator lebte als junger Mann einige Zeit in einem kleinen Dachzimmer im Hotel Carlton Palace. «Es war ein ehemaliges 4-Sterne-Hotel. Ein Stern war von der Fassade heruntergefallen…», schreibt Obrist in seinen Memoiren «Ein Leben in Progress». In diesem Ambiente begann Obrist, Ausstellungen zu veranstalten – ohne die Hotelleitung zu informieren.
Einen etwas zweifelhaften Ruf hatte einst auch das Chateau Marmont in Hollywood. Prominenz aus Film und Musik gehörte hier zu den Gästen, die gern auch etwas länger blieben: Regisseur Billy Wilder, Schauspieler Keanu Reeves, Fotograf Helmut Newton.
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Bild 1 von 3. Das Chateau Marmont liegt am Sunset Boulevard im Stadtteil Hollywood von Los Angeles. Es wurde 1929 nach dem Vorbild von Schloss Amboise im französischen Loiretal erbaut. Bildquelle: GC Images / AaronP / Bauer-Griffin.
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Bild 2 von 3. Fotograf Helmut Newton 1990 im Chateau Marmont. Bildquelle: Getty Images / Ron Galella / Ron Galella Collection.
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Bild 3 von 3. 1969 gastierte die Band Led Zeppelin im Hotel Chateau Marmont – und war für ein lustiges Fotoshooting aufgelegt. Bildquelle: IMAGO / ZUMA Press Wire.
John Bonham von der Rockband Led Zeppelin durchquerte die Lobby auf einer Harley-Davidson. Allerdings sind die wilden Zeiten im Chateau Marmont vorbei. Gründlich renoviert erhält es heute auf Booking.com Top-Bewertungen für Sauberkeit.
Neugier und leichtes Gepäck
Sauberkeit ist im Luxussegment eine Selbstverständlichkeit. Mode-Ikone Coco Chanel lebte über 30 Jahre im Ritz Paris – vermutlich auch, um sich und anderen zu zeigen, dass sie es geschafft hatte, sich als Frau eine eigene Existenz aufzubauen.
Warum Menschen dauerhaft in Hotels leben, das ist nicht ganz einfach zu beantworten. Vermutlich suchen sie nicht nur jemanden, der die Bettwäsche wechselt. «Manchmal führten die Neugier auf das Leben der anderen Gäste, der Traum von diskreter Mobilität oder die Angst vor Einsamkeit und Entfremdung Menschen für lange Zeiträume ins Hotel», schreibt Marion Löhndorf in ihrem Buch «Leben im Hotel».
Für Hans Ulrich Obrist war das Leben im Hotel die Erfüllung eines Traumes, wie er in seiner Autobiografie schreibt: «Es gab kleine Rituale, beispielsweise die Notizzettel mit Mitteilungen, die man erhielt, oder die Möglichkeit, sich am Morgen telefonisch wecken zu lassen.»
Obrist gefiel auch, dass er im Hotel gezwungen war, mit wenigen Dingen zu leben: «Die Notwendigkeit, sich auf leichtes Gepäck zu beschränken, sorgt für Freiheit, denn so kann man jederzeit ausziehen.» Auch Marion Löhndorf attestiert Dauergästen in Hotels eine gewisse Atemlosigkeit: «Die Vorbehalte gegen die Sesshaftigkeit mochten mit dem Gefühl der Unzugehörigkeit zu tun haben, (…) oder auch mit einem Gefühl der Rastlosigkeit.»
Namensschildchen am Marmeladenglas
Einer, auf den das sicher zutraf, war Vladimir Nabokov, der 16 Jahre im Montreux Palace lebte. Nabokov stammte aus einer reichen Familie im damals noch zaristischen St. Petersburg. Er war an das Leben mit Personal gewöhnt, aber auch an das Gefühl von Heimatlosigkeit. Nabokov verliess Russland 1917 und kehrte nie zurück. Mit Frau und Sohn lebte er in möblierten Zimmern und Appartements. Und ab 1961 im Montreux Palace.
Der Schauspieler Peter Ustinov logierte kurze Zeit ebenfalls im Montreux Palace. In einem Interview, das er 1996 der Zeitschrift «Du» gab, erinnert er sich: «Nabokov fühlte sich wirklich sehr zu Hause. (…) er liebte diese Atmosphäre: mit den alten Damen, die ihr Marmeladenglas markieren, um sicherzugehen, dass niemand etwas stibitzt. Er hatte das gern, es erinnerte ihn ständig daran, wer sie einmal gewesen waren, früher.»
Gäste, die heute für längere Zeit in ein Hotel einchecken, suchen nicht den Glanz vergangener Zeiten, sondern einen ruhigen und doch anregenden Ort zum Arbeiten. Sie reisen nicht mit Koffern voller Erinnerungen, sondern mit dem Laptop. Und meist bleiben sie nicht jahrelang im gleichen Hotel. Ein paar Wochen oder Monate können es aber schon sein.
Das Leben im Luxushotel werde gerade zum Trend, sagt Nathalie Seiler-Hayez, Managerin des Verbandes Swiss Deluxe Hotels. «Für viele ist das besser, als ein Zweithaus zu kaufen», so Seiler-Hayez. «Der Wunsch nach Einfachheit ist zentral. Man verzichtet bewusst auf den Besitz einer Zweitresidenz, auf Personal und auf die Verpflichtungen, die damit verbunden sind. Zudem bietet diese Wohnform eine gemeinschaftliche Dimension, die für viele Gäste wichtig ist.»
Nicht nur Kreativen gefalle diese Möglichkeit des Wohnens, betont sie und verweist auf die mobiler werdende Arbeitswelt. Viele Hotels richten sich auf diese neue Art von Langzeit-Gästen ein und bieten kleine Apartments an, mit Kitchenette, Schreibtisch und gutem WLAN. Fast wie eine kleine Wohnung, aber mit Hotel-Service. Klingt komfortabel, hat nur einen kleinen Haken: Es ist nicht ganz billig.