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Gesellschaft & Religion «Ich bin raus»: Wie wir uns von den Fesseln der Arbeit befreien

Wer hat nicht schon einmal daran gedacht, seinen Job zu kündigen und ganz anders zu leben? Robert Wringham hat genau das getan. Statt wie die meisten Menschen zig Stunden mit Arbeit zu verbringen und dennoch verschuldet zu sein, plädiert der Brite im Buch «Ich bin raus» für lustvollen Minimalismus.

Eine Frau, deren Hände an Seile gebunden sind, schneidet das eine Seil durch und schreit dabei.
Legende: Endlich keine Marionette mehr: Die «neuen Entfesselungskünstler» wollen wieder selbstbestimmter leben. Photocase/benicce

Robert Wringham erinnert sich noch gut daran, wie seine Mutter ihm als kleinen Jungen erklärte, dass man arbeiten müsse, um Essen und Wohnung zu bezahlen. Und er antwortete: «Dann will ich keine Wohnung haben.»

Inzwischen ist er 33 und lebt seit zehn Jahren – nicht auf der Strasse, sondern als moderner «Entfesselungskünstler».

Houdini sprengte die Fesseln des Konsums

Sein Vorbild ist Harry Houdini, der zu Beginn des 20. Jahrhunderts mit seinen magischen Performances Millionen von Menschen faszinierte. Nicht nur, meint Wringham, weil er die Kunst der Entfesselung beherrschte, sondern auch, weil diese Fertigkeit etwas symbolisierte: die Befreiung von den Fesseln der aufkommenden Konsumgesellschaft. Zu dieser gesellte sich bereits damals eine rasante technologische Beschleunigung.

Wenig Zeit für echte Freude

Die Fesseln, aus denen es sich heutzutage zu befreien gilt, sind nach Wringhams Ansicht vor allem zwei Dinge: Lohnarbeit und Konsum. Die beiden Götzen der westlichen Welt.

Denn, so der Autor: Wenn man Arbeitszeit, Konsumzeit und Schlafzeit abrechne – wie viel Zeit bleibt dann noch, um wirkliche Freude zu empfinden? Und um über uns nachzudenken? Wann dürfen wir lesen, ausschlafen, unsere Freunde treffen oder uns lieben?

Ein Forum für die Flucht aus der Falle

In seinem Buch analysiert Robert Wringham die Mechanismen der, wie er es nennt, «Arbeits-Konsum-Falle» und zeigt mögliche Fluchtwege auf – mit viel oder ohne viel Geld. Er selbst verbannte vor zehn Jahren als erstes Auto, Fernsehapparat und Mobiltelefon aus seinem Leben, um Geld für einen «Flucht-Fonds» anzusparen.

Dann kündigte er seinen Bürojob. Ein halbes Jahr später startete er sein Magazin «The New Escapologist» – als Forum für die internationale Gemeinde der «Neuen Entfesselungskünstler».

Das Spiel zu seinen Gunsten wenden

Die Lösung sei, das Spiel nicht mehr mitzuspielen, meint Wringham: «Wenn ein Nachbar sich einen fetten Porsche kauft, kann man sagen: ‹Ich lege mir ein verrostetes Fahrrad zu – und das ist dann mein Statussymbol›.»

Mit etwas Glück machten die anderen Leute es einem nach – und alle werden entfesselt.

Robert Wringham diskutiert die uralte philosophische Frage «Wie sollen wir leben?» in Bezug auf unsere gegenwärtige Wirklichkeit. Dabei bleibt er realistisch: Nicht jeder will und kann aussteigen oder auf Teilzeit, Jobsharing oder Zeitarbeit umsteigen.

Was aber jeder tun könne, schreibt er, sei: die Lebenshaltungskosten senken und weniger materiellen Besitz anhäufen.

Weniger Stress durch Konsumverzicht

Jeder Gegenstand, den man besitze, bedeute eine Verantwortung. Wringhams Rat: «Schaffen Sie sich weniger an! Dann haben Sie weniger Verantwortung und auch weniger Stress.»

Sogar mit Kindern könnte man sich entfesseln, meint der Autor, wenn man wirklich wolle – müsste dann allerdings mit höheren Ausgaben und mit Einschränkungen durch die Schulpflicht rechnen.

Anders als der Titel seines Buchs «Ich bin raus» vermuten liesse, propagiert Wringham nicht, einfach nicht mehr zu arbeiten, sondern das zu tun, was Befriedigung verschafft. Ein Buch für alle, die schon einmal ans Aussteigen gedacht haben.

Und für alle anderen? Erst recht.

Sendung: Radio SRF 2 Kultur, Kultur kompakt, 29.08.2016, 16.50 Uhr

Der Autor

Robert Wringham.
Legende: Robert Wringham. Stuart Crawford Photography

Robert Wringham lebt als Schriftsteller und Schauspieler in Glasgow und Montreal. Er gibt die Zeitschrift «New Escapologist» heraus. Daneben schreibt er für verschiedene Magazine satirische und essayistische Artikel.

Buchhinweis

Robert Wringham: «Ich bin raus. Wege aus der Arbeit, dem Konsum und der Verzweiflung». Aus dem Englischen von Ronald Gutberlet. Heyne Encore, 2016.

4 Kommentare

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  • Kommentar von Beat Reuteler (br)
    Ich habe nur die Schlagzeile gelesen und die Box beim Foto. Mein "takeaway" davon: Er macht 4 Jobs, ich einen. Somit bin ich vermutlich besser raus als er.
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  • Kommentar von Tom Bachmann-Wittwer (Tom Bachmann-Wittwer)
    Das Buch hab ich nicht gelesen. Was ich aber sehe in der Zusammenfassung ist für mich ein falscher Ansatz. Wir befreien uns nicht indem wir weniger haben ! Es ist immer noch "haben" Mein Ansatz beginnt das ich in dem was ich tue und habe , meine Zufriedenheit suche und glücklichsein in allen schritten als wichtigstes Ziel betrachte. Denn wenn ich glücklichsein als wichtigstes Gut meines daseins betrachte , kann mich nichts mehr unglücklich machen . Simpel oder ?
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  • Kommentar von Rolf Künzi (Unbestimmt)
    Sehr wichtiges Buch. Danke. Ein Riesenthema. Allerdings haben wir Gesamtgesellschaftlich wirklich ein Arbeitsverteilproblem und das wird überhaupt nicht thematisiert. Die Widerstands- und Arbeitsfähigkeit des Einzelnen ist vermutlich noch nie so weit auseinder geklafft wie heute. Denn auch jemand der es schafft sich aus dem Hamsterrad zu nehmen benutzt die Infrastruktur, und allgemeinen Möglichkeiten. Noch nie wurde so leichtfertig Geld umverteilt ohne die geringste Gegenleistung abzurufen.
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    1. Antwort von Severin Heck (Selber denken und prüfen)
      Der Körper lebt nicht von Sonnenstrahlen... Sondern von der Materiellen Welt. Der Welt der Güter. Und die Welt der Güter und die Menschen die sich damit befassen (u.a. Naturwissenschaften, angewandte Naturwissenschaften, Ökonomie) werden von der derzeitigen Politik mit den Füssen getreten...
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