Absprung von der Karriereleiter

Nein, danke, ich will nicht mehr – Thomas Frischknecht hat seinen CEO-Posten an den Nagel gehängt und gegen einen Alltag eingetauscht mit deutlich weniger Geld und Prestige, aber umso mehr Lebensqualität. Downshifting ist ein Phänomen, das zeigt: Eine Karriere ist nicht alles.

Thomas Frischknecht im Gespräch mit Reto Lipp. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Den CEO-Posten aufgegeben: Thomas Frischknecht erklärt seine Beweggründe. SRF

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«ECO» zur Arbeitszufriedenheit

«ECO» zur Arbeitszufriedenheit

In einer 3-teiligen Serie stellt sich «ECO»-Moderator Reto Lipp die Frage, was uns am Arbeitsplatz gut tut – und was uns schadet. Die Berichte entstehen aus Zuschriften der Zuschauer. Thomas Frischknecht hat sich via Twitter gemeldet.

25. April bis 9. Mai 2016

Rückenschmerzen, Schlafprobleme – «Irgendwann habe ich gefunden, dass es das nicht wert sei», sagt Thomas Frischknecht im Interview mit Reto Lipp. Er war sieben Jahre lang CEO der Fluggesellschaft Belair Airlines und damit Chef über 300 Angestellte. Eine Position, die für viele der Gipfel einer Karriere ist.

Die Entscheidung, den Job aufzugeben, sei kein plötzlicher Moment gewesen. «Ich konnte wenig machen, aber habe gleichzeitig viel Verantwortung getragen. Das war eine Situation, die mich je länger desto mehr belastet hat», sagt Thomas Frischknecht im Interview mit «ECO». Belair Airlines ist eine Tochtergesellschaft der deutschen Air Berlin. Thomas Frischknecht fühlte sich rein als Abwickler der Anweisungen aus Deutschland.

Ein Auftrag hat den Anfang vom Ende eingeläutet: Thomas Frischknecht sollte die Personalkosten um 30 Prozent senken. Eine Massnahme, hinter der er nicht stehen konnte, die er aber dennoch umsetzen musste: «Wenn es darum geht, den Leuten Geld wegzunehmen, dann ist das belastend. Das raubt einem auch den Schlaf. Es ist mit der Zeit auch körperlich belastend.»

«Weiterarbeiten nach dem Abendessen war normal»

Heute berät der 47-Jährige gemeinsam mit einem Partner Firmen im Umgang mit Krisen und Katastrophen. Ein Knowhow, das er aus der Luftfahrtbranche mitgebracht hat. Die Firma ist überschaubar: zwei Partner, zwei Angestellte, 10 Freelancer. «Ich arbeite massiv weniger, und ich stelle mir keinen Wecker mehr», sagt Thomas Frischknecht, wenn man ihn fragt, was sich verändert hat. Früher sei es normal gewesen, nach der Arbeit mit der Familie zu Abend zu essen und anschliessend weiterzuarbeiten. Ob etwas fehlt? «Die günstigen Flüge mit der Familie an Fernziele» – mehr fällt ihm nicht ein.

Theo Wehner. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Arbeitspsychologe Theo Wehner: Belastungen dürfen Ressourcen nicht dauerhaft übersteigen. SRF

Thomas Frischknecht ist ein Downshifter. Ein selbstbestimmteres, erfüllteres Leben ist das Ziel einer solchen Handlung. Das bestätigt auch Arbeitspsychologe Theo Wehner: «Er will selbst wieder einen Handlungsspielraum haben, um Entscheidungsmöglichkeiten zu nutzen und Optionen auszuloten.»

Sei man nur Exekutierer von Entscheidungen, habe man das Gefühl, auch ein Roboter könne diese Arbeit übernehmen. Hohe Verantwortung in Kombination mit wenig Entscheidungsspielraum ist psychologisch gesehen eine besonders unheilige Allianz.

Sinn überwiegt Geld

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Jeder Vierte gefährdet

Laut einer repräsentativen Umfrage der Universität Bern läuft knapp ein Viertel der Schweizer Erwerbstätigen im roten Bereich: 23 Prozent. Die Belastungen dieser Personen übersteigen deutlich deren Ressourcen. Durch Stress entstehen Produktivitäts-Verluste von 5 Milliarden Franken, schätzt die ZHAW.
Zum Job-Stress-Index 2015

Das Bedürfnis, die Dinge selbst in der Hand zu haben, überwog Faktoren wie Prestige und Gehalt. Thomas Frischknechts Lohn liegt heute unter 100‘000 Franken und bewegt sich damit noch bei etwa einem Drittel des einstigen CEO-Gehalts. Der emeritierte ETH-Professor Theo Wehner sagt: «Wir haben in mehreren Befragungen ein Gedanken-Experiment gemacht: Würden Sie für eine sinnvolle Tätigkeit ein Stück auf Status oder auch auf Gehalt verzichten? Und da sagen durchgängig über 50, bis zu 70 Prozent der Befragten: Ja. Ob sie es dann tun würden, müssten wir allerdings genauer überprüfen.»

Eine Reduktion der Arbeitszeit muss man sich allerdings leisten können. Nur wenige können auf zwei Drittel ihres Gehalts verzichten. Die Alternative zum Downshifting mag ein Wechsel in eine andere Stelle sein. Denn wer in einem Job verbleibt, der ihn zu sehr belastet, wird unweigerlich krank. An dieser Konsequenz lässt Arbeitspsychologe Theo Wehner keinen Zweifel.

Das Modell der Ressourcen und Belastungen

Die Arbeitspsychologie verwendet im Bereich der Arbeitszufriedenheit das Modell der Ressourcen und Belastungen. Im Arbeitsalltag ist der Angestellte Belastungen ausgesetzt (z. B. ständige Unterbrechungen, Zeitdruck, unklare Rollen). Diese kann er mit Ressourcen kompensieren (z. B. Anerkennung, Weiterentwicklungsmöglichkeiten, Sinnhaftigkeit).

Temporäre Schwankungen sind normal. Übersteigen die Belastungen aber dauerhaft die Ressourcen, hat das negative Konsequenzen: körperliche Beschwerden wie Rückenprobleme, psychophysische Krankheiten wie Migräne oder – und das immer häufiger – rein psychische Auswirkungen wie Burnout oder Depressionen.

Sendungsbeiträge zu diesem Artikel

  • Serie Arbeitszufriedenheit Teil 2: Wenn es kippt

    Aus ECO vom 2.5.2016

    Damit es Arbeitnehmern in ihrem Job gut geht, muss es ihnen möglich sein, zahlreiche Belastungen auszugleichen. Andernfalls drohen sie zu erkranken. Wie viel hält der Einzelne aus? Und wie viel ist eine Karriere wert? Im zweiten Teil der Serie trifft Reto Lipp einen Zuschauer, der von der Karriereleiter abgesprungen ist. Er hat seinen CEO-Posten an den Nagel gehängt und gegen einen Alltag eingetauscht mit deutlich weniger Geld und Prestige, aber umso mehr Leben.

  • Arbeitszufriedenheit Teil 1: Wie geht es Arbeitnehmern?

    Aus ECO vom 25.4.2016

    Wer im Job zufrieden ist, ist erfüllter, produktiver und gesünder. Wie steht es um die Arbeitnehmer in der Schweiz? Reto Lipp hat aufgerufen, über Freud und Leid bei der Arbeit zu berichten. Im ersten Teil der Serie trifft er deshalb einen Angestellten eines Grossbetriebs, der sich offen über zu wenig Wertschätzung beklagt. Laut Arbeitspsychologe Theo Wehner ist mangelnde Anerkennung das grösste Problem am Arbeitsplatz. «ECO» zeigt, welche Arbeitsbedingungen das sensible Gleichgewicht der Arbeitszufriedenheit erhalten oder stören können.