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Legende: Audio Vom Wachstumszwang abspielen. Laufzeit 49:11 Minuten.
49:11 min, aus Kontext vom 03.06.2019.
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Im Teufelskreis Die Wirtschaft muss wachsen – um jeden Preis?

Wir haben alles, was wir brauchen. Und doch produzieren Industrienationen laufend noch mehr. Die Wirtschaft unterliege einem Wachstumszwang, sagt der Schweizer Ökonom Mathias Binswanger in seinem neuesten Buch.

«Vom Heilsversprechen zur Zwangshandlung», so bezeichnet Mathias Binswanger die Entwicklung des Wirtschaftswachstums. Wirtschaftswachstum generiert Wohlstand. Das habe bisher in reichen Ländern gut funktioniert. Nun würden zunehmend Nachteile sichtbar: Stress oder hohe Umweltbelastung.

Bedürfnisse wecken statt decken

Mathias Binswanger stellt fest, dass wir in eine Art Teufelskreis geraten sind: «Aus einer Ökonomie der Bedürfnisdeckung ist eine Ökonomie der Bedürfnisweckung geworden».

Laufend müssten neue Bedürfnisse geweckt werden, um den Konsum und das Wirtschaftswachstum anzukurbeln. Der Automarkt zum Beispiel sei längst gesättigt. Es gehe nur mehr darum, schnellere, schwerere, luxuriösere oder effizientere Autos auf den Markt zu bringen.

Mathias Binswanger

Mathias Binswanger

Ökonom

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Mathias Binswanger, Link öffnet in einem neuen Fenster ist Professor für Volkswirtschaftslehre an der Fachhochschule Nordwestschweiz in Olten und Privatdozent an der Universität St. Gallen. Er war Gastprofessor in Freiberg in Deutschland, an der Qingdao Technological University in China und an der Banking University in Saigon (Vietnam).

Mathias Binswanger ist Autor von zahlreichen Büchern und Artikeln in Fachzeitschriften und in der Presse. Seine Forschungsschwerpunkte liegen in den Bereichen Makroökonomie, Finanzmarkttheorie, Umweltökonomie sowie in der Erforschung des Zusammenhangs zwischen Glück und Einkommen.

Die Neue Zürcher Zeitung zählte Mathias Binswanger im Jahr 2017 gemessen an ihrem Einfluss in der Öffentlichkeit zu den drei bedeutendsten Ökonomen der Schweiz. Seine Thesen bestechen. Er spricht gerne von den «Tretmühlen des Glücks»: Mehr Wohlstand mache die Menschen in reichen Ländern nicht mehr zufriedener oder glücklicher.

Es gibt andere Modelle

Mathias Binswanger kommt in seiner Analyse zum Schluss: «Wettbewerb gehört zum Kapitalismus wie der Wettkampf zum Sport». Aktiengesellschaften hält er für Wachstumstreiber. Es gebe jedoch kooperative Formen des Wirtschaftens wie Carsharing oder Genossenschaften für Wohnbau oder Energie.

Mathias Binswanger nennt Beispiele von KMU, die ohne Wachstum erfolgreich seien: ein Holzmöbel-Hersteller, eine Brauerei, eine Druckerei oder ein Schuhhändler.

Buchhinweis

Mathias Binswanger: «Der Wachstumszwang. Warum die Volkswirtschaft immer weiterwachsen muss, selbst wenn wir genug haben», Wiley-VCH Verlag, Berlin 2019

Für seine Kritiker sind das «Sandkastenspiele». Sie entgegnen: Ohne Wachstum keine Innovation, keine Entwicklung, kein Wohlstand. Durch Wirtschaftswachstum und Steuereinnahmen würden Schulen, Gesundheitsvorsorge, Sozialwerke oder die Altersvorsorge finanziert.

Kapitalismus umbauen

Die Stärke des Buches von Mathias Binswanger liegt in der Analyse. Messerscharf seziert er den Zwang zum Wachstum. Er greift ein Unbehagen auf. Viele Menschen spüren: Wir haben eine Grenze erreicht. So geht es nicht weiter, das Streben nach Wachstum und ökologische Ziele lassen sich nicht unter einen Hut bringen.

Wer pfannenfertige Lösungen erwartet, wird enttäuscht. Mathias Binswanger bezeichnet sein Buch als «wachstumsfreundlich und wachstumskritisch». Er regt an, den Wachstumsdrang zu mildern und zeigt auf, wie ein rein kapitalistisches Wirtschaftssystem umgebaut werden könnte. Die generelle Richtung ist klar: Weniger ist mehr.

27 Kommentare

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  • Kommentar von A. Keller  (eyko)
    Ich will keine Mehr-Wirtschaft sein. Ich will nicht mehr wachsen, nicht mehr von Jahr zu Jahr so viel mehr produzieren wie früher. Unendliches Wachstum ist auf einem endlichen Planeten nicht möglich! Unendliches Wirtschaftswachstum kann nicht existieren, da nur begrenzt Flächen, Rohstoffe existieren. Sobald diese an ein Limit gestossen sind kann es kein Wirtschaftswachstum mehr geben. Unser Planet leidet immer mehr und keiner will es sehen. Wirtschaftsgier begrenzen, damit es allen gut geht.
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    1. Antwort von Olivier Wetli  ("nicht von dieser Welt")
      Ich sehe das noch nicht mal wegen begrenzten Ressourcen, denn hätten wir schier unbegrenzte Ressourcen, die ausgelebte Gier würde nur noch grösser! Ich kann ihren 1. Satz aber voll und ganz unterzeichnen! Muss mich dabei aber immer wieder selber überprüfen. Die Gier die schlummert in uns allen. Und wie sie einen Beitrag vorher schrieben: Es hat gar nichts mit rechts oder links zu tun, das sind nur verschiedene Wege dieselbe Gier zu befriedigen.
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  • Kommentar von A. Keller  (eyko)
    Unsere Wirtschaft muss ständig wachsen. Seit einer Ewigkeit halten rechte wie linke Politiker daran fest. Es ist an der Zeit, damit aufzuhören! Bislang war das eine gute Sache. Viele Menschen glaubten an das Mehr am folgenden Tag, im folgenden Jahr, im folgenden Jahrzehnt, Unternehmer vertrauten auf den Erfolg ihrer Erfindungen und Vorhaben, und meistens hatten die Menschen dann tatsächlich mehr Geld, mehr Fernsehgeräte, mehr Wohlstand. Die Wirtschaft muss gedämpft werden, zum Wohle aller.
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  • Kommentar von Michael Suter  (Michel)
    Wie wäre es denn, wenn wir uns mal darum kümmerten, das Bestehende sinnvoller zu verteilen, anstatt immer nur noch mehr anzuhäufen?
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    1. Antwort von Olivier Wetli  ("nicht von dieser Welt")
      Ich denke nicht an ein generelles Verteilen des Vorhandenen, sondern an die Frage: Weshalb müssen wir immer noch mehr besitzen und sind dabei nicht einmal dankbar für das, was uns genügen würde? Persönlich danke ich dem Schöpfer und Heiland, dass ich alles erarbeiten und nutzen darf was ich habe und dass ich dabei sogar mehr als genug habe und davon gerne von Herzen denen schenke, welche weniger oder gar Nöte haben, ohne mich dabei irgendwie in den Mittelpunkt zu stellen.
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