Tanzen trotz Widerstand Im Tutu gegen bigotte Traditionen

In der ägyptischen Provinz Minya stehen sich Christen und Muslime feindlich gegenüber. Eine Ballettschule bringt Menschen beider Glaubensrichtungen zusammen.

Mädchen im Tutu, die trainieren. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Knochen- und vor allem Beinarbeit: Rund 150 Schülerinnen und Schüler trainieren regelmässig im Alwanat-Zentrum. Flemming Weiß-Andersen

  • Die ägyptische Provinz Minya gilt als Hochburg extremer Muslime in Ägypten, gleichzeitig leben dort viele Christen.
  • Allen Widerständen zum Trotz haben Marco Adel und seine Mitstreiter genau dort eine Ballettschule eröffnet.
  • Die Schule hat Erfolg: Sowohl Muslime als auch Christen im Alter von vier bis 18 Jahre tanzen dort regelmässig.

«Bravo, sehr gut.» Die junge Lehrerin korrigiert hier und da noch ein wenig die Beinstellung der zwölf kleinen Ballerinas. Sie tippeln über die pastellfarbenen Matten im Probenraum. Weisse Strumpfhosen, schwarze Gymnastikanzüge, die lockigen, schwarzen Haare streng nach hinten gekämmt. Im Hintergrund klimpert Klaviermusik vom Band. An den Wänden hängen grosse Spiegel.

Reni kommt seit ein paar Monaten ins Alwanat-Zentrum in der ägyptischen Stadt Minya und tanzt Ballett. Was so leicht und elegant aussieht, sei harte Arbeit, versichert die Siebenjährige in fliessendem Englisch. Das habe sie von Youtube gelernt: «Man muss seine Beine dehnen und das tut ziemlich weh. Aber das ist es mir wert.»

Kinder, die tanzen. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Eine Balanceakt: Die Eröffnung der Ballettschule bereitete nicht allen Freude – den Kindern sichtlich schon. Flemming Weiß-Andersen

Gespaltene Gesellschaft

Die Provinz Minya, rund 250 Kilometer südlich von Kairo, gilt als Hochburg extremer Muslime in Ägypten. Gleichzeitig leben hier aber auch besonders viele Christen. Während sie im Rest des Landes nur etwa sechs Prozent der Bevölkerung ausmachen, sind es rund um Minya mehr als 30 Prozent.

Die Gesellschaft ist stark gespalten und polarisiert, es kommt immer wieder zu Gewalt. Schon Gerüchte, etwa dass jemand eine neue Kirche baue, reichen aus, um die Situation eskalieren zu lassen. Erst im Sommer sind ganz in der Nähe vier Häuser christlicher Familien in Flammen aufgegangen. Vor zwei Jahren ist in Minya ein Theater abgebrannt – angezündet von gewaltbereiten Muslimen.

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Ballett und Politik

Tanzen ist nicht unpolitisch – das zeigt auch die Batsheva Dance Company, das «heimliches Nationalballett» Israels.

Ein riskanter Ort für eine Ballettschule

Marco Adel und seine Mitstreiter haben daher auch lange überlegt, ob sie in dieser Gegend eine Ballettschule eröffnen sollen.

«Natürlich weiss ich, dass es ein grosses Risiko ist. Aber bis jetzt haben wir das einfach ignoriert.» Vor einem Jahr haben sie ihren Traum dann realisiert.

Tanzen – wider die Tradition?

Im Flur begrüsst ein grosses «Welcome» aus Papierbuchstaben die Gäste, die Wände sind mit bunten Tieren, Blumen und Bäumen geschmückt. Die Reaktion liess nicht lange auf sich warten, erzählt Adel.

Auf Facebook habe es Beschimpfungen gegen das Alwanat-Zentrum gegeben: «Viele Menschen haben eine sehr dunkle, negative Haltung. Sie glauben, dass Kunst im Islam verboten ist. Sie werfen uns vor, die Sitten und Traditionen der Gesellschaft zu beschmutzen. Und dass wir hier Nudismus und so praktizieren.»

Eine Mutter macht einem Kind die Haare. Es trägt ein Tutu und Make-up. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Schön machen muss sein: Noura, einer der Schülerinnen des Alwanat-Zentrums. Flemming Weiß-Andersen

Tanzen als Sünde

Doch Adel sieht auch, dass die Ballettschule gut angenommen wird. Und zwar von Muslimen und Christen. 150 Schüler zwischen vier und 18 Jahren kommen mittlerweile regelmässig. Zum Beispiel Noura. Sie übt mehrmals in der Woche. Dafür muss ihre Mutter Dalia Haridi fast zwei Stunden pro Strecke fahren.

«Das Problem ist, dass Kunst und Musik an öffentlichen Schulen vernachlässigt werden. Und bei uns in der Stadt gibt es keine anderen Angebote für Kinder», sagt Adel. Sie habe noch einen Sohn, erzählt die 35-Jährige. Der spiele Fussball. Da müsse sie genauso weit fahren. Doch nach Fussball sind die Ägypter verrückt, Tanzen hingegen gilt vielen als Sünde.

Tanzend die Jungfräulichkeit verlieren? Unsinn!

In einem der Probenräume lebt die kleine Noura ihren Traum von einer Ballerina. Lippenstift, toupierte Haare, rosa Tüllrock. Könnten die Nachbarn zu Hause sie so sehen, sie würden umfallen, sagt Haridi und lacht: «Sie sagen immer: Wie kannst du ihr nur erlauben, sich so zu bewegen! Sie verliert ihre Jungfräulichkeit.»

Haridi ist eine schlagfertige Frau. Sie erklärt den Nachbarn, dass es Unsinn ist, was sie reden. Und sie macht die Erfahrung, dass einige Frauen im Dorf sie insgeheim bewundern. Dafür, dass sie den Mut hat, ihre Tochter zum Ballett zu schicken. Haridi hofft, dass vielleicht noch ein paar mehr ihrem Beispiel folgen.

Sendung: Radio SRF 2 Kultur, Kultur aktuell, 24.1.17, 17.25 Uhr.