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Die Imamin – Eine Dänin will den Islam reformieren
Aus Sternstunde Religion vom 20.10.2019.
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Imaminnen in Europa «Schon zu Zeiten des Propheten durften Frauen vorbeten»

Imaminnen werden für gemischt-geschlechtliche Kongregationen von einem Grossteil der Gläubigen und Gelehrten abgelehnt. Die Gegner stützen sich auf bestimmte Traditionen oder Aussagen im Koran.

Islamwissenschaftlerin Lamya Kaddor beobachtet Bemühungen von muslimischen Frauen in Europa und erklärt die Gründe, die für eine Zulässigkeit von Frauen als Imaminnen sprechen.

Lamya Kaddor

Lamya Kaddor

Islamwissenschaftlerin

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Lamya Kaddor ist Islamwissenschaftlerin, islamische Religionspädagogin und Publizistin. Sie ist Gründungsvorsitzende des Liberal-Islamischen Bundes e.V. und hat mehrere Bestseller publiziert, darunter «Zum Töten bereit – Warum deutsche Jugendliche in den Dschihad ziehen» (2015) und «Die Zerreißprobe –wie die Angst vor dem Fremden unsere Demokratie bedroht» (2016). Derzeit leitet sie das Forschungsprojekt «Islamfeindlichkeit im Jugendalter» an der Universität Duisburg-Essen.

SRF: In Frankreich gab es dieses Jahr das erste Mal eine weibliche Imamin. Wieso kommt es gerade jetzt, dass mehr Frauen diese Rolle übernehmen wollen?

Lamya Kaddor: Ich glaube nicht, dass muslimische Frauen in Europa erst seit Kurzem so weit sind, dass sie als Imaminnen arbeiten möchten. Ich beobachte diese Bemühungen sicher bereits seit zehn, fünfzehn Jahren. Die öffentliche Aufmerksamkeit liegt jetzt einfach stärker auf dieser Bewegung als früher.

Es steht nirgendwo wortwörtlich im Koran, dass Frauen nicht vorbeten dürfen.
Autor: Lamya Kaddor

Weibliche Vorbeterinnen werden zumindest für gemischt-geschlechtliche Kongregationen von einem Grossteil der Gläubigen und Gelehrten abgelehnt. Weshalb?

Die Gegner stützen sich auf bestimmte Traditionen oder Aussagen im Koran, die so interpretiert werden, dass sie gut in ein patriarchales Weltbild passen. Es steht nirgendwo wortwörtlich im Koran, dass Frauen nicht vorbeten dürfen.

In Stellen wie Sure 4:1, «Der Mann steht über der Frau» geht es nicht darum, dass das männliche Geschlecht über dem weiblichen steht, sondern dass der Mann in Bezug auf seine gesellschaftliche Verantwortung früher über der Frau stand. Solche Verse muss man immer im Kontext der Zeit lesen.

Eine junge Frau im Porträt.
Legende: Es träfe einen Nerv, wenn wir darüber diskutierten, ob Frauen bestimmte Ämter einnehmen sollten, sagt Lamya Kaddor. Getty Images / ullstein

Was sind denn die Gründe, die für eine Zulässigkeit von Frauen als Imaminnen sprechen?

Eine Hauptbegründung liegt in einem Hadith. Das sind Aussagen des Propheten Mohammed oder Erzählungen über ihn. In der Geschichte geht es darum, das Gemeinschaftsgebet zu beten, für das immer vorher der Gebetsruf erklingen muss.

Der Prophet wird gefragt, wer den Gebetsruf machen solle und sagt, dass diejenige Person das tun solle, die es am besten könne. Man antwortet ihm, dass es sich dabei um Umm Waraqa, eine Frau, handle. Der Prophet erklärt, dass in dem Fall sie das Gebet leiten solle. Wenn es scheinbar zu Zeiten des Propheten schon offensichtlich war, dass auch Frauen vorbeten dürfen, wieso stellen wir uns dann heute also so an?

Wir spüren eine zunehmende Frauenverachtung, Radikalisierung und Feindseligkeit gegenüber allen möglichen sozialen Gruppen.
Autor: Lamya Kaddor

Beim Diskurs über weibliche Imaminnen denkt man schnell an weibliche Priesterinnen im Katholizismus. Gibt es da Parallelen?

In beiden Fällen besteht dem Grunde nach die patriarchale Leseart darin, Frauen von irgendwelchen Ämtern fernzuhalten. Der grosse Unterschied ist aber, dass der Akt des Vorbetens im Islam keines Weihezustands oder Amtes bedarf, in das man eingeführt werden muss. In der katholischen Lehre ist die Weihe unabdingbar für die Ausübung des Amtes.

Von säkularer Seite her hagelt es für Imaminnen oft Beifall, von den Gläubigen oft nicht. Wie sehen Sie diesen Konflikt?

Sämtliche Minderheiten haben es momentan schwerer als noch vor zehn oder 20 Jahren. Wir spüren eine zunehmende Frauenverachtung, Radikalisierung und Feindseligkeit gegenüber allen möglichen sozialen Gruppen. Natürlich trifft es einen Nerv, wenn wir darüber diskutieren, ob Frauen bestimmte Ämter einnehmen sollen.

Das ist aber insgesamt eine Bewegung, die man vielleicht ein Stück weit auch als Gegenprotest gegen das Wiedererstarken von rechts deuten kann, und nicht per se ein genuin islamisches Problem.

Das Gespräch führte Gina Messerli.

1 Kommentar

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  • Kommentar von Richard Meier  (meierschweiz)
    In der christlichen Kirche ging und geht die Zunahme der Pfarrerinnen mit einer Abnahme der gesellschaftlichen Bedeutung des Christentums einher. Es ist davon auszugehen, dass das im Islam mit Imaninnen ebenso wäre. Dies vor allem, weil es bei der Übernahme dieser Ämter wohl mehr um die plakative Durchsetzung des Feminismus als um die Stärkung des im Koran bzw. der Bibel beschriebenen Glaubens geht.
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