Integration durch Theater: «Hier darf man Dinge falsch machen»

Geflüchtete Jugendliche und Schweizer Teenager trafen sich in Basel für das Experiment «Theaterflucht»: Während einer Woche tauchten sie gemeinsam in die Welt des Theaters ein. Theaterpädagogin Sarah Besch spricht über die Schwierigkeiten und Hoffnungen des Projekts.

Was war das Ziel beim Projekt «Theaterflucht»?

Sarah Besch: Ein Ziel ist die Begegnung zwischen Gruppen, die sich im Alltag selten begegnen: lokale Jugendliche und geflüchtete Jugendliche. Andererseits ist unser Ziel die Entdeckung vom Theater, vom eigenen Körper auf der Bühne, die Erfahrung sich in Neues hineinzustürzen.

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Zur Person

Zur Person

Sarah Besch studierte Sozialanthropologie und Geschichte in Bern, und Lateinamerikastudien in Berlin. Gleichzeitig bildete sie sich zur Theaterpädagogin aus. Seither arbeitet sie an verschiedenen Theaterprojekten in Europa und Lateinamerika.

Wie hilft diese Theatererfahrung den Flüchtlingen im Alltag?

Meine Kollegen Josema Enriquez, Ouelgo Téné und ich haben die Hoffnung, dass aus diesen Begegnungen längerfristige Freundschaften entstehen. Und, dass die Jugendlichen mit der Theatererfahrung ein neues Selbstbewusstsein entwickeln können.

Eine Prognose, ob das so eintreffen wird, ist schwierig. Es sieht jedoch sieht gut aus: Die Jugendlichen haben eine Whatsapp-Gruppe eingerichtet und aus eigener Initiative bereits ein Nachtreffen im September geplant.

Für das Projekt meldeten sich jedoch nur zwei Schweizer Jugendliche an, neben den acht Gleichaltrigen aus Somalia, Afghanistan, Eritrea und Syrien. Warum?

Das fragen wir uns auch. Wir können nur schwer einschätzen, ob es an fehlenden Interesse liegt, oder ob wir zu wenig Werbung gemacht haben. Es braucht sicher eine gewisse Anlaufzeit. In anderen Schweizer Städten gibt es das Projekt «Theaterflucht» auch und dort brauchte es Zeit, sich zu etablieren.

Wie kann «Theaterflucht» konkret integrativ wirken?

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Theaterflucht

Das Projekt «Theaterflucht» wurde vom Service Civil International (SCI Schweiz) in Zusammenarbeit mit dem Jugendkulturzentrum Dynamo in Zürich gestartet. Dabei begleiten und unterstützen verschiedene Freiwillige die Theaterpädagoginnen oder -pädagogen bei ihrer Arbeit mit den Jugendlichen.

Wir versuchten einen Raum zu kreieren in dem Begegnungen entstehen – über sprachliche und kulturelle Barrieren hinaus. So fanden wir mit den unterschiedlichen Jugendlichen eine gemeinsame Sprache, die zum Teil Deutsch war, zum Teil aber auch eine Körpersprache.

Viele interessante Gespräche entstanden auch beim Mittagessen, wo sie anfingen, sich gegenseitig über ihre Geschichten und Hintergründe auszufragen.

Wo lagen die Schwierigkeiten?

Wir haben Theaterübungen gemacht, die ohne Sprache auskommen und oft mit Assoziationen aus dem Alltag gearbeitet – unter anderem auch mit Genderthemen. Darüber zu diskutieren war jedoch wiederum schwierig wegen der Sprache.

Hatten die Jugendlichen Berührungsängste?

Es gab sicherlich eine grosse Unsicherheit am Anfang. Die Berührungsängste haben sich aber erstaunlich schnell abgebaut. Auch Personen, die extrem verschlossen und unsicher gewirkt hatten, sind nach drei Tagen aufgeblüht. Das war sehr eindrücklich zu beobachten.

Nach sechs Tagen gab es eine Aufführung für die Öffentlichkeit. Wie war das für die Flüchtlinge?

Der Faktor Publikum war ausschlaggebend. Das Hauptaugenmerk beim Projekt «Theaterflucht» lag klar auf dem Prozess, wir arbeiteten nicht auf ein Resultat hin. Es war aber wichtig, dass es sich zuspitzt und die Aufführung hat dabei geholfen. Für die Jugendlichen ist es wichtig zu erleben: Ich kann vor 30, 40 Leute stehen und das Erlebte nach aussen tragen.

Theater steuert so einen wichtigen Teil zur Integrationsarbeit bei. Es ist spielerisch und man darf Dinge «falsch» machen – auch auf einer körperlichen Ebene, die oft zu kurz kommt.