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Zu Besuch im islamischen Religionsunterricht
Aus Kontext vom 01.12.2020.
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Islamunterricht in der Schweiz Seltener Einblick: zu Besuch im islamischen Religionsunterricht

Fast jeder Moscheeverein bietet in der Schweiz Islamunterricht an. Was lernen die Kinder hier – und ist der Islamunterricht in der Moschee kritisch genug? Schüler, Eltern und eine Expertin berichten.

Nein, leise ist es nicht, im Islamunterricht von Lehrerin Esther Fouzi im Zürcherischen Rüti. «Ich weiss es, ich weiss es», ruft Sukeyna und kann kaum auf ihrem Stuhl sitzen bleiben.

Ihre Mitschülerin hat soeben ein kleines Kärtchen mit einer Frage gezogen. «Wie oft muss man die Kaaba umrunden?», liest sie vor. «Sieben Mal», lautet die Antwort.

Zwei Mädchen von hinten, die an einem Pult stehen.
Legende: Im Islamunterricht von Esther Fouzi lernen Kinder ihren Glauben spielerisch kennen. SRF / Nicole Freudiger

Die Kinder spielen eine Art Eile mit Weile. Sie würfeln, ziehen mit ihren Spielfiguren von Feld zu Feld, und wer auf einem grünen oder rosa Feld landet, muss eine Frage beantworten. Alles dreht sich um den Hadsch, die muslimische Pilgerfahrt.

«Ich weiss, dass ich es später brauche»

Die Kinder sind im Primarschulalter, früher an diesem Morgen hat Lehrerin Esther Fouzi den Stoff wiederholt. Sie wissen, wie der Hadsch abläuft, welche Tiere man opfert, wo und wann man sich die Haare schneidet – ein Thema, das sie zu faszinieren scheint.

Ein quadratisches Spielbrett mit zahlreichen weissen, grünen und pinkfarbenen Feldern, die im Kreis angeordnet sind, liegt auf einem Tisch.
Legende: Spielerische Annäherung an den Islam: Mit einer Art Eile mit Weile lernen die Kinder den Hadsch, die muslimische Pilgerfahrt, kennen. SRF / Nicole Freudiger

Den Kindern macht der Unterricht Spass: «Frau Fouzi erzählt uns Geschichten», sagen sie, und: «Ja, und wir lernen neue Dinge.» Nur manchmal sei es mühsam, am Samstag früh aufzustehen. «Aber ich weiss, dass ich es später brauche – und wenn ich da bin, macht’s meistens Spass.»

Bekenntnisorientiert nennt Esther Fouzi ihren Unterricht. Zu Beginn sagen alle gemeinsam die Schahada auf, das muslimische Glaubensbekenntnis. Danach lernen die jüngeren Schülerinnen und Schüler in der ersten Stunde jeweils die Grundlagen des Islams.

In der zweiten Stunde ist Arabisch angesagt – und Suren, also Koranverse, auswendig lernen. «Wir haben immer zwei Wochen Zeit», erklären die Kinder. «Und neben dem arabischen Text steht die Übersetzung auf Deutsch.»

Der Koran fordert: Setzt euren Verstand ein

Die Kinder sollen mit den Suren den Koran kennen lernen. Denn Esther Fouzi will die Kinder ermächtigen, ihnen nicht einfach nur Wissen beibringen, sondern die Grundlagen liefern, damit sie sich selbst ein Bild machen können. «Gott fordert uns im Koran immer wieder auf: Denkt nach über die Verse. Setzt Euren Verstand ein», erklärt die Lehrerin.

Ein Junge steht an einem Punlt und spielt mit farbigen Pyramiden, daneben steht eine Lehrerin mit Maske.
Legende: Wo sind die Stationen des Hadsch, der Pilgerfahrt nach Mekka? Im Unterricht von Esther Fouzi (rechts) platzieren Kinder Figuren, Berge, Schafe und Zelte am richtigen Ort und setzen sich so mit ihrem Glauben auseinander. SRF / Nicole Freudiger

Die Eltern der Kinder, die am Samstagmorgen in Rüti in den Islamunterricht gehen, schätzen das: «Mir ist es wichtig, dass meine Tochter lernt, selber zu denken, sich ein Urteil zu bilden», sagt Sabine Rashad. Dabei gehe es nicht nur, aber auch um Radikalisierungsprävention. «Kinder, die wenig über ihre Religion wissen, sind anfälliger für Radikalisierung. Deshalb ist der Unterricht ein wichtiger Bestandteil der Prävention.»

Eine weitere Mutter schätzt zudem, dass Esther Fouzi auf Deutsch unterrichtet und dass die Kinder nachfragen und alles hinterfragen könnten. Sie hofft, dass sich ihre Kinder so später bewusst für die Religion entscheiden.

Wer hat im Koran Vorrang, Mann oder Frau?

Wie dieses Hinterfragen aussieht, zeigt sich am späteren Vormittag, beim Unterricht mit Teenagern. Esther Fouzi beginnt ein neues Thema: «Männer und Frauen im Islam – oder auch Frauen und Männer im Islam?» Wer kommt zuerst? Wer ist aus wem entstanden? Macht Gott einen Unterschied zwischen Männern und Frauen?

Diese Fragen sollen die Jugendlichen beantworten. Esther Fouzi schaut mit ihnen ausgewählte Textstellen im Koran an. Sie weist dabei auch auf Unschärfen in der Übersetzung hin und fragt die Jugendlichen nach ihren Vorstellungen über Männer und Frauen und über die Ehe.

Blick über die Schulter eines jugendlichen Mädchens, das am Tisch sitzt und ein Buch liest.
Legende: Auch Fragen zur Sexualität oder zu politisch aufgeladenen Themen wie dem Kopftuch haben Platz im Unterricht: Eine ältere Schülerin im Unterricht von Esther Fouzi. SRF / Nicole Freudiger

Offen für alle Fragen

«Ich selbst habe schon viele Vorurteile erlebt», erklärt die Lehrerin. «Vielleicht hatte ich sie im Kopf, als ich die Stunde vorbereitet habe.» Die Stossrichtung ist klar: Vor Gott sind Männer und Frauen im Koran gleich. Das will Esther Fouzi ihren Schülerinnen mitgeben.

Die Teenager schätzen den Unterricht. «Wir können Frau Fouzi alles fragen – und sie hat immer eine Antwort», sagen sie. Auch Fragen zur Sexualität oder zu politisch aufgeladenen Themen wie dem Kopftuch haben Platz im Unterricht.

Islamunterricht soll muslimische Kinder «empowern»

Und genau darum gehe es: «Guter Islamunterricht soll muslimische Kinder ermächtigen», sagt Religionspädagogin Nadire Mustafi. Sie forscht am Schweizerischen Zentrum für Islam und Gesellschaft der Universität Freiburg über den Islamunterricht in der Schweiz.

Die muslimischen Kinder sollen sich in ihrer Religion auskennen und diese Religion auch in einer säkularen Gesellschaft erklären können. Zentral sei dabei, dass die Lehrerinnen und Lehrer gut ausgebildet seien.

Allerdings sei der pädagogisch unterlegte Unterricht, den Esther Fouzi in Rüti anbietet, noch nicht in allen Moscheen angekommen. «Das liegt an den Strukturen und an den Ressourcen», erklärt Nadire Mustafi. Den Moscheevereinen, die den Unterricht anbietet, fehle es oft an Geld. «Die Lehrerinnen und Lehrer arbeiten meist auf freiwilliger Basis, ohne Lohn.»

Zudem gebe es keine religionspädagogische Ausbildung für den bekenntnisorientierten Unterricht. Hier seien pragmatische Lösungen gefragt, ein niederschwelliges Weiterbildungsangebot etwa. Denn gute Lehrerinnen und Lehrer bieten guten Islamunterricht. Und nur dieser ermöglicht es den Kindern, zu selbstbewussten und selbstkritischen Musliminnen und Muslimen heranzuwachsen.

Radio SRF 2 Kultur, Kontext, 2.12.2020, 9:03 Uhr

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28 Kommentare

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  • Kommentar von Ernesto Asher Meng  (Ashi Ernesto)
    Kenne die Situation in D, wo sämtliche Lehrmittel und Lehrer von der Türkei bezahlt werden. Ob das auch auf die Schweiz zutrifft, weiss ich nicht sicher. Fakt ist, dass einige Moscheen von der Türkei und anderen Arabischen Länder bezahlt wurden. Das müsste man genau abklären. Fakt ist auch, dass die Kinder in Israel und Arabischen Länder, Lehrmittel erhalten wo der Juden Hass geschürt wird und dies eine Gute Tat sei, wenn Muslime so denken würden. Das ist verheerend und schürt Hass.Viele Fragen.
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    1. Antwort von Wädi Tschann  (Wädi57)
      Tut mir leid, alle Fragen haben nix mit dem Bericht zu tun. Auch die SVP stellt nur Fragen ohne Antworten zu haben. Der Bericht zeigt höchstens einen Weg, wie all der bullshit verhindert werden kann.
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  • Kommentar von Aaron Dettwiler  (Aaron1984)
    Sure 9 Vers 5, tötet die Ungläubigen woimmer ihr sie findet. Ach ja, die Umfragen zu Homosexuellen und Frauenrechte habe ich mir auch gegeben.. aufschlussreich.
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    1. Antwort von Beat. Mosimann  (AG)
      @Aaron Dettwiler (Aaron1984)
      Könnte diese ungefähre Übersetzung heissen, Tötet die Ungläubigen Gedanken und Handlungen, die keine guten Wege aufzeigen?
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    2. Antwort von Beppie Hermann  (Eine rechte Grüne)
      AG, im Koran wird an diversen Stellen zu Gewalt, sogar gegen Frauen und Ungläubige aufgerufen. Jeder kann ihn kaufen, lesen, umsetzen wie geschrieben, eine differenzierte Auslegung interessiert kaum einen. Radikale Muslime seien im Westen kein Randphänomen, dies das Ergebnis einer repräsentativen Studie des Wissenschaftszentrums für Sozialforschung Berlin aus 6 Ländern Europas: 2/3 stellen relig.Gesetze über die des Landes, in dem sie leben. 3/4 akzeptieren nur eine gültige Auslegung des Korans.
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    3. Antwort von Wädi Tschann  (Wädi57)
      Die Aussage ist völlig aus dem Zusammenhang gerissen und wird von jedem benutzt, der gerade Belege für seine Aussage braucht. Das Alte Testament liesst sich auch eher wie ein Ritterroman und die Kreuzzüge waren auch nicht wirklich Friedensprozessionen. Die im Artikel erwähnten Frauen verdienen Respekt für ihre Arbeit und danke für endlich wieder mal einen ausgewogenen, informativen Artikeln.
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  • Kommentar von Liridona Zejnullahi  (Liridona)
    Islam steht ebenfalls für Diversität. Wer den Text liest, ist im Vorteil. Es wird eben richtig weiter vermittelt das vor Gott Frauen und Männer gleich sind. Sind Frauen und Männer in der so fortschrittlichen Schweiz tatsächlich gleichberechtigt? Nein, leider nicht. Erst vor 39 Jahren kennt der Kanton AI das Stimmrecht für Frauen. Ich habe den Text gelesen und danke SRF dafür! Eine gelungene Intergration fängt mit solchen Texten ab und auch damit dass man sich für einander interessiert.
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    1. Antwort von Alex Volkart  (Lex18)
      Ich las auch schon im Koran um die Religion meiner muslimischen Kollegen/innen besser zu verstehen. Das vor Gott Mann und Frau gleich sind wird aber weder im Koran noch in der Bibel rübergebracht. Wenn ich mich nicht täusche wird in der Bibel erwähnt das Eva aus der Rippe Adams entstand, eine klare Abwertung der Frau. Im Koran wird die Frau mit einem Acker gleichgesetzt den man beackern muss, eine klare Abwertung der Frau. Was mir auch die meisten Muslime die ich kenne bestätigten.
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    2. Antwort von Aaron Dettwiler  (Aaron1984)
      Islam ist Frieden, Toleranz und Frauenrechte? Haben Sie sich mal die Daten von Umfragen betreffend Scharia, Homosexualität, etc. in Islamischen Ländern angesehen? Ja, es gibt liberale Muslime und der Islam hat eine interessante Theologie. Dennoch möchte ich dem Islam als politische Ideologie in unseren Breitengraden keinen Raum geben.
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    3. Antwort von Beat. Mosimann  (AG)
      @ Alex Volkart (Lex18) könnte es sein, dass sie hier, ein Glas eher als halb leer sehen, als halb voll?
      Tatsache, dass die Frau aus der Rippe des Adams bestehe, muss nicht unbedingt als NACHTEIL angesehen werden. Die Frau wird auch als Krug betitelt, was der Mann ihr hineinlegt wird Früchte tragen? Das muss kein Nachteil sein, sondern kann auch als ein Willkommendes Geschenk akzeptiert werden:)
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    4. Antwort von Fabian Malovini  (malovini.ch)
      gemäss koran stehen männer über den frauen (sure 4, vers 34). von gleichberechtigung sehe ich da nichts.
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    5. Antwort von Wolfgang Paul  (Wfpaul3322)
      Zur Bibel:
      In Gen 1,27 schuf Gott die Menschen als männlich und weiblich.
      In Gen 2,21f ist die Erschaffung der Frau aus der Rippe Adams zu finden.
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