Zum Inhalt springen

Header

Navigation

Legende: Video Die besten Reportagen der Welt in Bern abspielen. Laufzeit 28:32 Minuten.
Aus Kulturplatz vom 04.09.2019.
Inhalt

Journalismus in Russland «Die Realität sieht nicht so finster aus»

Zum ersten Mal im deutschsprachigen Raum hat sich ein Festival der geschriebenen Reportage gewidmet. 60 Reporterinnen und Reporter aus aller Welt präsentierten vergangenes Wochenende ihre Geschichten in einem Wettbewerb in Bern.

Der 1. Preis ging an den russischen Journalisten Shura Burtin für seine Reportage über den Menschenrechtsaktivisten Oyub Titiyev in Tschetschenien. Dass Shura Burtin den Preis bekommen hat, ist unter anderem Mikhail Ratgauz zu verdanken. Der russische Journalist war Jurymitglied am Festival. Im Gespräch erklärt er, welche Themen die russische Reportage dominieren.

Mikhail Ratgauz

Mikhail Ratgauz

Journalist

Personen-Box aufklappenPersonen-Box zuklappen

Mikhail Ratgauz ist stellvertretender Chefredakteur des Online Magazins Colta.ru, Link öffnet in einem neuen Fenster. und leitet zudem das Ressort Gesellschaft. Die Redakteure haben laut Ratgauz «einen Freiraum, ihre Politik zu treiben.» Seit sechs Jahren funktioniert Colta.ru. crowdfinanziert.

SRF: Wie ist die Situation für Journalisten in Russland?

Michail Ratgauz: Ökonomisch gesehen gleich schwierig wie im Westen. Die politische Situation für mich als unabhängigen Journalisten ist aber eine andere: Die Medien werden kontrolliert von der Zensurbehörde Roskomnadzor.

Seit 2000 wurden Fernsehsender vom Staat übernommen. Der erste Sender, dem das so erging, war NTW. Heute ist er einer der schärfsten staatlichen Propagandasender.

In den letzten neun Jahren wurden wichtige Print- und Onlinemedien übernommen und Gesetze erlassen: Man darf über Themen wie Suizid, Drogen, Homosexualität nur begrenzt berichten.

Legende: Video Ein Artikel zuviel - Der Mord an Anna Politkowskaja abspielen. Laufzeit 53:40 Minuten.
Aus DOK vom 18.02.2008.

In der Realität sieht es allerdings nicht so finster aus. Das hat mit den unterschiedlichen Strömungen im Kreml zu tun. Da gibt es die Partei der Geheimdienste und des Militärs. Die unterstützen den radikalen Kurs: nach innen durchgreifen, nach aussen abschotten.

Die anderen stehen für Kooperation. Putin kann sich nicht dazu entscheiden, aus Russland ein Nordkorea zu machen.

Putin ist innerhalb des Kremls vergleichsweise liberal?

Ja klar, im Vergleich zu denen, die sich abschotten wollen. Die Situation in Russland ist divers. Es gibt unabhängige Medien, aber mit der Angst vor Repression. Die ist nicht immer präsent, bei heissen Themen jedoch schon.

Ein Beispiel: Die Anwesenheit russischen Militärs in der Ukraine war ein Staatsgeheimnis. Zu diesem Thema bekam ich die Kolumne eines Kollegen. Er schrieb, russische Soldaten seien in der Ostukraine getötet worden und würden heimlich in Russland beerdigt.

Ich verbrachte eine unruhige Nacht und entschied dann: Wir publizieren. Als erste. Am selben Tag publizierte eine kleine Zeitung aus Pskow das gleiche. Das war eine politische Heldentat. Erst danach kamen grössere Medien.

Im Westen denkt man, nur Pressefreiheit gewähre gute Presse. Was sagen Sie?

Ich sehe keinen Unterschied zwischen guter Journalistik im Westen und in Russland. Die Standards sind dieselben.

Woher kommen denn unsere Annahmen?

Sie haben hier nur eine ungefähre Vorstellung von Russland. Die schärfsten Signale halten Sie für das ganze Bild.

Was sagen Sie zum Gegensatz «Propaganda in Russland – objektive Berichterstattung im Westen»?

Putins Propaganda funktioniert durch «Priming» und «Framing». «Priming» meint: Eine Information wird hervorgehoben, die andere weggeschoben. Beim «Framing» geht es um kulturelle Klischees, die bedient werden. Die sind manipulativ und gehen tiefer. Damit werden einseitige Images geprägt. Aber ich finde, so funktionieren Medien überall.

Welche Themen beschäftigen russische Journalisten und ihr Publikum?

Die Reportagen, die in Bern eingereicht wurden, zeigen das gut: Polizei- und rechtliche Willkür sind beispielsweise Themen des alternativen Medienunternehmens MediaZona. Sie berichten nur über Gefängnisse und Folter.

Reportagen Festival Bern

Das Reportagen Festival Bern, Link öffnet in einem neuen Fenster fand vom 30.8. bis 1.9.2019 statt. An 50 öffentlichen Veranstaltungen kamen Reporter und Reporterinnen aus der ganzen Welt zusammen.

Ein Höhepunkt war die Verleihung des True Story Awards für die beste Reportage. Der 1. Preis ging an den russischen Journalisten Shura Burtin für seine Reportage über den Menschenrechtsaktivisten Oyub Titiyev in Tschetschenien. Die Reportage in englischer Version: https://truestoryaward.org/story/63, Link öffnet in einem neuen Fenster

Alle ausgezeichneten Reportagen sind hier auf Englisch zu lesen: https://truestoryaward.org/winners, Link öffnet in einem neuen Fenster

Ansonsten wird über soziale Ungleichheit berichtet, zum Beispiel über Kredite, die Menschen aufnehmen, um ihre Hochzeit zu finanzieren und sie dann in den Bankrott treiben. Die Gewinner-, Link öffnet in einem neuen FensterGeschichte, Link öffnet in einem neuen Fenster geht über einen Menschenrechtsaktivisten, der Menschen in Tschetschenien rettet.

Legende: Video Die Gewinner-Reportage von Shura Burtin abspielen. Laufzeit 07:07 Minuten.
Aus Kulturplatz vom 04.09.2019.

Ein anderer Text handelt von einer Mutter, deren Sohn in Syrien getötet wurde. Er war inoffiziell da und bekommt kein ehrenvolles Begräbnis als Soldat.

Unser Alltag ist vielfältig und widersprüchlich. Es ist ein Katz-und-Maus-Spiel. Als Maus kann man sehr listig sein – oder sich totstellen.

8 Kommentare

Navigation aufklappen Navigation zuklappen

Sie sind angemeldet als Who ? (whoareyou) (abmelden)

Wir haben Ihren Kommentar erhalten und werden ihn nach Prüfung freischalten.

Einen Kommentar schreiben

verfügbar sind noch 500 Zeichen

Mit dem Absenden dieses Kommentars stimme ich der Netiquette von srf.ch zu.

Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.

  • Kommentar von Fritz Meier  (FriMe)
    Das SRF und das Reportagen-Festival bieten (wohl unfreiwillig) einem russischen Spindoctor unkritisch eine Plattform: Die Russische Föderation (RF) steht in punkto Pressefreiheit an 149. Stelle (CH 6); Quelle: RoG. Die Aussage von Mikhail Ratgauz erinnert an eine der RF-Trollrelgel: "wir sind schlecht, ihr aber genauso". Das ist feinste Putinsche Propaganda. Gute Gefässe dagegen bieten stopfake.org, euvsdisinfo.eu und bellincat.com.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen Antworten anwählen um auf den Kommentar zu antworten
    1. Antwort von Hans Bernoulli  (H.Bernoulli)
      Ist Ihnen schon klar, dass stopfake.org ungefiltert Nato-Propaganda verbreitert während es alles was von russischer Seite kommt der Propaganda bezichtigt? Bellincat ist nicht anders. Die Pressefreiheit im Westen besteht in einer "eingeimpften" Schere im Kopf - Journalisten wissen, was sie wie zu schreiben haben, um die Karriere nicht zu gefährden bzw. zu fördern. Oder haben Sie etwas über die entlarvten offiziellen Lügen zu 9/11 (v.a. WTC7) in den westlichen Medien gelesen?
      Ablehnen den Kommentar ablehnen
    2. Antwort von Fritz Meier  (FriMe)
      Mit den YT-Suchbegriffen "From Propaganda to reality Tim Snyder Deutsch" wird die Arbeitsweise von RF-Propaganda und RF-Trolls ausgezeichnet wiedergeben. Das Ziel der RF-Trollen ist, dass der Leser an nichts mehr glauben soll. Je genauer die RF-Trollen entlarvt werden, desto aggressiver ihre Antwort (diese Plattform bietet besten Anschauungsunterricht). Siehe auch "How to deal with pro kremlin troll". Viel Spass beim üben.
      Ablehnen den Kommentar ablehnen
    3. Antwort von Hans Bernoulli  (H.Bernoulli)
      @F. Meier: Genau, das sind RF-Trolle, welche die Kriegslügen Washingtons aufdecken. Habe mir das Video angeschaut: typisch US-Propaganda: "Washington erzählt die Wahrheit, was ihr anderes hört, das kommt von RF-Trollen, also passt ja auf ihnen nicht auf den Leim zu kriechen bzw. ihr braucht das gar nicht ernst zu nehmen." Wer Brzezinski gelesen hat, etwas von der Wolfowitz-Doktrin versteht usw. fällt auf solche Erklärungen nicht herein, die einem nur davon abhalten wollen, selbst zu denken.
      Ablehnen den Kommentar ablehnen
    4. Antwort von Fritz Meier  (FriMe)
      Mein Ansatz soll die LeserInnen dazu befähigen, ihre eigene Meinung zu bilden. Der Troll-Ansatz ist, vom Thema abzulenken und die Themenführerschaft mit bewusst falschen Schlussfolgerungen und mit den immer den gleichen Stichworten zu übernehmen. Aber da sich die RF-Trollfactory offenbar angegriffen fühlt, hier noch zwei Tipps: NZZ-Artikel "Wie Russland Trolle und Hacker ins Internet setzt" oder das Buch von Ulrich Schmid "Technologien der Seelen".
      Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von Werner Christmann  (chrischi1)
    Mikhail Ratgauz sollte sich mal mit David Nauer treffen
    Ablehnen den Kommentar ablehnen Antworten anwählen um auf den Kommentar zu antworten
  • Kommentar von frank müller  (frankysrf)
    wunderbar, ein schöner und klarer seitenhieb an die westlichen medien, die meistens meinen, sie seien besser als alle anderen, aber eben selber doch nicht so objektiv sind und genauso einseitig, unausgegoren oder lückenhaft schreiben. aber solche selbstkritik der westlichen medien ist leider sehr selten !!
    Ablehnen den Kommentar ablehnen Antworten anwählen um auf den Kommentar zu antworten
    1. Antwort von u. Felber  (Keule)
      Na dann, wenigstens wird's auf SRF veröffentlicht. Somit sind die hier wenigstens auch noch selbstkritisch.
      Ablehnen den Kommentar ablehnen