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Gesellschaft & Religion «Keine Religion ist vom Himmel gefallen»

Adam und Eva, Kain und Abel, die Sintflut – das sind Geschichten aus der Bibel. Die Autoren Carel van Schaik und Kai Michel sehen in diesen Erzählungen nicht das Wort Gottes, sondern ein wichtiges Zeugnis der kulturellen Evolution. Was hält der Theologe Konrad Schmid von solcher Bibelanthropologie?

Zwei Männer berühren sich mit ihren Zeigefingern.
Legende: Schmid: «Die Bibel nähert sich der Frage, was der Mensch ist und was ihn ausmacht, indem sie Geschichten erzählt.» Wikimedia

Carel van Schaik und Kai Michel schreiben in ihrem Buch, «Das Tagebuch der Menschheit»: Religion, Gott und die Bibel seien Produkte der kulturellen Evolution des Menschen. Haben sie Recht?

Konrad Schmid: Ja, keine Religion ist vom Himmel gefallen. Es ist selbstverständlich richtig, dass alle Religionen kulturell und historisch determiniert sind. Und das gilt auch für die Bibel.

Die Hauptthese des «Tagebuchs der Menschheit» besagt, dass die Sesshaftwerdung der Menschen in den Texten der Bibel reflektiert worden ist. Die Bibel spiegle die Anstrengungen, die damals entstandenen Probleme, wie Krankheiten oder Erbschaftsstreitereien, in den Griff zu bekommen.
Wie ordnen Sie das ein?

Ich finde diese Lesart sehr gelungen. Es stellt sich die Frage, weshalb die evolutionsanthropologische Perspektive so gut funktioniert. Die Antwort fällt nicht schwer.

Sowohl die Autoren der Bibel als auch die evolutionäre Anthropologie setzen sich mit den anthropologischen Grundbedingungen des Menschseins auseinander – wenn auch mit einer anderen Herangehensweise.

Würden wir die Bibel wortwörtlich übernehmen, würden wir uns ein sehr altes Gesellschaftsmodell aufhalsen.

Die Bibel nähert sich der Frage, was der Mensch ist und was ihn ausmacht, indem sie Geschichten erzählt, die Paradieserzählung oder die Sintfluterzählung zum Beispiel.

Van Schaik und Michel veranschaulichen dieselbe Thematik anhand der Entwicklung des Menschen. Sie beginnen mit der Sesshaftwerdung, erklären das enge Zusammenleben, den Ackerbau und den neu entstandenen Begriff des Eigentums.

In beiden Fällen geht es um dieselben grundsätzlichen Fragen, die Antworten unterscheiden sich aber voneinander.

Durch die Sesshaftigkeit wurden die Menschen vor neue Herausforderungen gestellt. Gemäss van Schaik und Michel sind die 10 Gebote und die Gesetze des Alten Testaments Hilfsmittel, um die aus dem Lot geratene Ordnung wieder herzustellen. Beispielsweise die Idee der Reinheitsgesetze als Krankheitsprophylaxe: Heute haben wir für die damaligen Probleme Lösungen gefunden. Machen die alttestamentlichen Gesetze noch Sinn?

Konrad Schmid: Hier muss man aufpassen, Ursache und Wirkung nicht zu verwechseln. Ich bezweifle, dass die Reinheitsgesetze konzipiert wurden, weil sie hygienetechnisch sinnvolle Folgen hatten.

Viel wahrscheinlicher ist es, dass es bereits gewisse Vorstellungen von «rein» und «unrein» gab, deren positive Nebenwirkung darin bestand, Infektionen zu vermeiden.

Ausserdem darf man nicht vergessen, dass es sich bei der Bibel um einen 2000 Jahre alten Text handelt. Würden wir ihn wortwörtlich übernehmen, würden wir uns ein sehr altes Gesellschaftsmodell inklusive zahlreicher Diskriminierungen aufhalsen.

Für mich ist die Bibel ein religiöses, literarisches und historisches Universum.

Sie sehen also kein Problem darin, dass in der frühen Kirche ein fester Bibelkanon entstanden ist, der nicht mehr verändert werden konnte – nachdem die Texte über ein Jahrtausend den Bedürfnissen der Zeit angepasst wurden?

Konrad Schmid: Nein, denn das Festlegen eines Kanons impliziert nicht das Ende der Bibelauslegungen – im Gegenteil: Die Auslegungen vorgegebener Texte wurden nur nicht mehr in die Bibel selbst hineingeschrieben.

Seit man in der frühen Neuzeit realisiert hat, dass die Bibel ein Buch ist, das historisch bedingte Positionen enthält und nicht zeitlose Wahrheiten formuliert, steht fest: Die Bibel braucht eine kritische und der Zeit angepasste Auslegung.

Und wie stehen Sie zur im Buch angesprochenen Aussage, die protestantischen Kirchen würden als Welterklärung nicht mehr gebraucht und drohen, zu musealen Institutionen zu verkommen?

Konrad Schmid: Das empfinde ich als eine regional beschränkte Wahrnehmung. Es stimmt, dass das institutionalisierte Christentum in Mitteleuropa auf dem Rückzug ist.

Doch mit Blick auf die gesamte Welt lässt sich sagen, dass das Christentum noch immer mit Abstand die grösste Weltreligion ist und nach wie vor stark wächst.

Die Bibel ist Ihr Forschungsgebiet. Was bedeutet sie Ihnen persönlich?

Konrad Schmid: Für mich ist die Bibel ein religiöses, literarisches und historisches Universum. Ich kann mein eigenes Interesse als Theologe sogar in van Schaiks und Michels Perspektive wiederfinden.

Die Bibel als Dokument, das die Grundlagen des Menschseins thematisiert und aber auch die Art und Weise, wie wir über den Menschen denken, entscheidend beeinflusst hat – das sind hochinteressante Fragestellungen.

Konrad Schmid

Konrad Schmid
Legende: Brigitta Rotach

Der Theologe ist seit 2002 Professor für alttestamentliche Wissenschaft und frühjüdische Religionsgeschichte an der Theologischen Fakultät der Universität Zürich. Einer seiner Forschungsschwerpunkte ist die historische Interpretation der Bibel.

Sendehinweis

Der Anthropologe Carel van Schaik ist zu Gast in «Sternstunde Religion» am 6.11.2016 um 10 Uhr.

Buchhinweis

Carel van Schaik und Kai Michel: «Das Tagebuch der Menschheit. Was die Bibel über unsere Evolution verrät». Rowohlt, 2016.

21 Kommentare

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  • Kommentar von Juha Stump (Juha Ilkka Stump)
    Und wenn die Geschichte mit dem Apfel im Paradies - genau genommen konnte es irgendeine Frucht sein - doch stimmen sollte? Wie es einer meiner Bekannten so formuliert hat: Das wäre dann zu peinlich, weil man sich dann ändern müsste, und zwar gründlich, und gerade das will man nicht. - Bis heute gibt es keinen einzigen klaren Beweis dafür, dass die biblischen Angaben NICHT stimmen. Zu H. Baumgartner: Stimmt, Jesus hat das nicht so gesagt, aber diese Worte: Ich und mein Vater sind EINS.
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    1. Antwort von Jakob Meier (jakob.meier)
      Das kann nicht Ihr Ernst sein?! Schauen Sie sich doch nur mal die Zeitrechnung innerhalb der Bibel an. Es wäre eben gerade für Christen zu peinlich, weil sie sich ändern müssten und zwar gründlich, nur gerade das wollen sie nicht. Und zu behaupten, was Jesus gesagt hat und was nicht, ist wiederum verfehlt, denn gerade das können Sie nicht wissen.
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  • Kommentar von Olivier Wetli ("nicht von dieser Welt")
    Wenn es nicht stimmt: Johannes 14,6 Jesus spricht zu ihm: "Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben. Niemand kommt zum Vater, als nur durch mich." Dann ist Jesus Christus ein elender Lügner. Wenn aber nicht...? Schon Pilatus wusste genau wer vor ihm steht, besänftigte sein pochendes Gewissen mit der rhetorischen Frage "Was ist Wahrheit" Joh 18,28ff, Pilatus wusste ganz genau welche Konsequenz ein Bekennen seines Verstehens gehabt hätte. Es ist heute noch dieselbe persönliche Verantwortung.
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  • Kommentar von Elisabeth Frehner-Isenring (Denia)
    Sehr interessanter Ansatz und überzeugend formuliert. Entspricht ganz meinen Erfahrungen und meiner "Gottessuche". Niemand kann absolut sagen, die Wahrheit zu besitzen, wie unten von "Christen" erwähnt. So entwickelt sich ein Fanatismus. Zweifel an sich und an Theorien ist nötig, um nicht fanatisch zu werden und die Evolutionstheorie muss in die Bibelauslegung einbezogen werden. Ich bin neugierig darauf, mehr von diesem Buch zu lesen.
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    1. Antwort von Baumgartner Horst (Baumgartner Horst)
      Frau Frehner-Isenring hat es ganz gut formuliert, Zitat: Zweifel an sich und an Theorien ist nötig, um nicht fanatisch zu werden.....Genau, man muss zweifeln, an sich und vor allem an Geheimnissen, Mysterien, Mythologien, vor allem wenn sie von Menschen entwickelt und ausgedacht wurden. Vorsicht, die wollen uns vor machen, ein Apfel sei eine Birne.
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