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Kinderrecht im Unterricht, der Praxistest: zu Besuch in einer Schule
Aus Kontext vom 17.12.2020.
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Kinderrechte in der Schule Wie steht es um die Mitbestimmung in Schweizer Klassenzimmern?

Im Unterricht können Kinder meist nicht mitbestimmen – sie dürften aber, laut der UNO-Kinderrechtskonvention. Wie es funktionieren könnte, zeigt ein Besuch im Kanton Aargau.

Jeden Montag um 9 Uhr ist im Schulzimmer von Primarlehrerin Conny Isenegger im aargauischen Würenlingen Klassenrat angesagt. Dann übernehmen die Schülerinnen und Schüler der Klasse 4c die Regie. Vorne an einem langen Tisch nehmen die vier «Vorsitzenden» Platz, ihnen gegenüber sitzen die übrigen Viertklässler im Halbkreis.

Die Kinder bestimmen

Die Lehrerin steht an ihrem Pult, hält sich aber im Hintergrund. Ratsleiterin Victoria bittet um Ruhe und eröffnet die Sitzung. «Positive Runde: 30 Sekunden», verkündet die Zehnjährige. Zum Aufwärmen sollen die Kinder in 30 Sekunden positive Erlebnisse der vergangenen Woche berichten.

Dann kommen sie zum Haupttraktandum. Es geht darum, den Schlussmorgen vor den Weihnachtsferien zu planen. In Vierergruppen setzen sich die Kinder zusammen und besprechen Ideen. Das Programm bestimmen sie – nicht die Lehrerin.

Klassenrat als politisches Übungsfeld

Der Klassenrat ist eine spezifische Form, um die sogenannte Partizipation der Schülerinnen und Schüler im Unterricht zu fördern. Kinder mitreden, sie mitbestimmen zu lassen – das ist ganz im Sinne der UNO-Kinderrechtskonvention (siehe Box), die in Artikel 12 und 13 festhält: «Das Kind hat das Recht auf freie Meinungsäusserung.»

Die UNO-Kinderrechtskonvention

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Die Schweiz hat 1997 die Kinderrechtskonvention der Vereinten Nationen, Link öffnet in einem neuen Fenster unterzeichnet – als letztes Land in Europa. Galten Kinder bis dahin als Objekte der Fürsorge, das den Eltern gehörte, wurden sie nun zu Rechtsträgern, also zu Subjekten mit eigenen Rechten. Ein Paradigmenwechsel.

Mit der Unterzeichnung der Kinderrechtskonvention änderte sich in der Schweiz die rechtliche und gesellschaftliche Wahrnehmung von Kindern. «Die Unterzeichnung war ein Meilenstein», so Rahel Wartenweiler vom Netzwerk Kinderrechte Schweiz, Link öffnet in einem neuen Fenster, «und doch bleibt noch vieles zu tun.»

Alle fünf Jahre muss die Schweiz dem UNO-Kinderrechtsausschuss Bericht darüber erstatten, wie es um die Umsetzung der Kinderrechte in der Schweiz steht. Ergänzend zum Bericht der offiziellen Schweiz verfasst das Netzwerk Kinderrechte Schweiz, Link öffnet in einem neuen Fenster einen Parallelbericht aus Sicht der zivilgesellschaftlichen NGOs, quasi als Korrektiv zur Sichtweise der Behörden.

«Behördenberichte haben die Tendenz etwas schönfärberisch zu sein. Wir legen den Finger auf die wunden Punkte», so Wartenweiler. Und deren gibt es aus Sicht der NGOs viele: Fast 50 dringliche Themen hat der Bericht identifiziert. Im Frühjahr wird die Schweiz von der UNO zu den Berichten befragt. (Anna Jungen)

Diesem Recht fühlt sich Lehrerin Conny Isenegger grundsätzlich verpflichtet. «Die Erwachsenenwelt bestimmt schon genug», sagt sie, «und im Klassenzimmer gibt es viele Wege, um Kinder teilhaben zu lassen.» Der Klassenrat zum Beispiel sei dazu da, den Kindern demokratische Spielregeln beizubringen. Er ist sozusagen ein politisches Übungsfeld.

Mitreden auch beim Schulstoff

Auch beim Schulstoff können die Kinder der Klasse 4c teilweise mitreden, «der Lehrplan lässt hier Spielraum», so Conny Isenegger. Etwa im Realien-Unterricht: Sollen zuerst die Planeten und dann die Kontinente drankommen – oder umgekehrt? Sollen Säugetiere anhand von Hunden oder von Schweinen behandelt, gruppenweise oder im Plenum erarbeitet werden?

«Partizipation heisst auch, Kindern immer wieder die Wahl zu lassen», sagt die routinierte Lehrerin. «Sie sollen auswählen aus Arbeitsblättern auf verschiedenen Niveaus, aus Lesestoff, der den individuellen Neigungen entspricht, wählen zwischen roten und grünen Matheblättern.»

Kinder, die entscheiden können, beklagen sich weniger, etwas machen zu müssen. Sondern sie fühlen sich im besten Sinne selbstwirksam.

Lehrpersonen stehen stark unter Druck

Allerdings wirken in den Klassenzimmern von Schweizer Schulen noch ganz andere, der Partizipation zuwiderlaufende Kräfte: Leistungsdruck zum Beispiel. Elke Hildebrandt ist Professorin an der Pädagogischen Hochschule der Fachhochschule Nordwestschweiz, sie leitet ein Projekt zu Partizipation auf der Primarstufe.

«Die Situation ist sehr herausfordernd», sagt Hildebrandt. «Durch die Diskussionen rund um Pisa und andere Schulleistungsstudien stehen die Lehrpersonen sehr stark unter Druck, dass die Schüler und Schülerinnen Leistungen zeigen.»

Dieser Druck werde durch schulübergreifende Checks, Selektionsverfahren für die weiterführenden Schulen und andere Prüfungen noch verstärkt. «Das führt dann dazu, dass Lehrpersonen den ganzen Bereich von Partizipation und Partizipationsförderung eher hinten anstellen», so Elke Hildebrandt.

Video
Aus dem Archiv: Kinderrechte in der Schweiz – Kinder sprechen mit
Aus 10 vor 10 vom 15.11.2019.
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Für die Fachhochschul-Professorin stellt sich beim Thema Kinderrechte ganz grundsätzlich die Frage: Was ist Schule in einer demokratischen Gesellschaft? «Ist das eine Institution, die Kinder vor allem darauf vorbereitet, in der Wirtschaft zurechtzukommen, oder sollte sie nicht eher eine Demokratie im Kleinen sein?» Zwischen diesen beiden Polen werde die schulische Partizipationsförderung oft zerrieben.

Erwachsene müssen zuerst wollen

In der Schweiz gibt es zum Stellenwert der UNO-Kinderrechte an den Schulen oder zur Partizipation im Unterricht nur wenig Daten. Elke Hildebrandt hat in einer eigenen, kleinen Untersuchung an Schulen in der Nordwestschweiz festgestellt, dass für Lehrpersonen das Loslassen von Kontrolle gar nicht so einfach ist.

«Dass Kinder mitbestimmen, müssen Erwachsene erst einmal wollen – und lernen», lautet ihr Fazit. Hildebrandt sieht deshalb die Kantone in der Pflicht: Diese sollten die Schulen zu mehr Partizipationsförderung ermutigen, «auch über den gesetzgeberischen Weg.»

Dass sich Partizipation auszahlen kann, zeigt sich bei der Primarklasse 4c in Würenlingen. «Wir finden es toll, dass nicht nur die Lehrerin entscheidet, sondern dass wir bestimmte Dinge selber regeln können», sagen die neun- und zehnjährigen Kinder durchs Band.

Auch die Erfahrungen von Lehrerin Conny Isenegger sind gut: «Wo die Kinder mitbestimmt haben, da stehen sie dann ganz dahinter», sagt sie. Das sei durchaus nachhaltig: Diejenigen Kinder, die sich einbringen und merken, dass sie etwas verändern können, seien auch später in anderen Klassen und Kontexten motivierter.

Radio SRF 2 Kultur, Kontext, 18.12.2020, 9:03 Uhr

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9 Kommentare

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  • Kommentar von Andreas Wiedler  (infonews)
    Und wieder einmal die "Pisa-Studie". Warum vergleichen wir unsere Kinder nicht einmal auf der Basis einer "Alltags-Intelligenz"? Wenn ich junge Touristen aus allen Herren Länder bei uns beobachte, haben wir einen grossen Vorsprung. Was andere in ihren Köpfen herumtragen mag fachspezifisch hochstehend sein, aber das alleine nützt nun mal nichts, um einen fähigen Staat zu bilden, in dem Menschen selbstbestimmend, praktisch, engagiert, frei und zufrieden sind. Arbeit ist gut, aber nicht alles!
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  • Kommentar von markus kohler  (nonickname)
    Kinder sind in diesem Alter nicht fähig die längeren Konsequenzen ihres Handelns zu verstehen. Kinder ernst nehmen heisst sie in ihren Möglichkeiten und Limiten zu erkennen, hier werden sie überfordert und ihr Kindsein wird nicht respektiert.
    Typischerweise sind 3 von 4 Vorsitzende (das tönt doch ganz nach marxistischer Terminologie) Mädchen, das heisst die Klasse wird noch mehr nur auf die Bedürfnisse der Mädchen getrimmt, was bestimmt den linken Pädagoginnen sehr gut passen wird.
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    1. Antwort von Reto Bieri  (Yo-Han Kapuzi)
      Die "Vorsitzenden" oder wie auch immer sie bezeichnet werden, entscheiden ja nicht allein, sie leiten nur die Sitzung. Üblicherweise moderiert jemand entlang der Traktandenliste, jemand achtet darauf, dass der Zeitplan eingehalten wird, jemand achtet darauf, dass die Gesprächsregeln eingehalten werden und jemand schreibt das Protokoll.
      Übrigens gibts glücklicherweise auch Männer in den Primarschulen. Und es dürften mehr sein, da gebe ich Ihnen recht. Herzlich willkommen.
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    2. Antwort von David López Garcia  (David López)
      Längere Konsequenzen? Wo waren die Vorausschauenden Erkenntnisse von Erwachsenen als man sich dachte, dass der ganze Abfall in Indien gut aufgehoben ist, Atommüll in die Meere gehört oder Waffen in Schweizer Seen versenken ne tolle Idee ist?

      Anderen nicht die Chance zu geben an etwasem zu reifen, ist eine harte Bevormundung.
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  • Kommentar von Manu Meier  (Manuel Meier)
    Ich habe 2 mal im Jugendriegenunterricht die Kinder die Stunde bestimmen lassen. Nie wieder
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    1. Antwort von Reto Bieri  (Yo-Han Kapuzi)
      Bestimmen lassen ist nicht gleich mitbestimmen lassen. Nicht sie machen, was sie wollen. Sie erhalten Entscheidungsspielraum innerhalb eines festgelegten Rahmens. So einfach ist das nicht. Und wichtig, wie es in dem Artikel dargelegt wird.
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