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Robert Habeck und sein Prinzip Verantwortung
Aus Sternstunde Philosophie vom 13.12.2020.
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Klima und Politik Robert Habeck: «Ich verstehe die Ungeduld der Klimajugend»

Der Klimaschutz sei eines der wichtigsten Themen des Jahrzehnts, sagt Robert Habeck, Co-Vorsitzender der deutschen Grünen. Aber die Demokratie opfern, um den Planeten zu retten? Das geht zu weit, findet Habeck.

Robert Habeck

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Robert Habeck, geboren 1969, studierte in Freiburg, Roskilde (Dänemark) und Hamburg Philosophie und Germanistik und promovierte 2000 in Literaturwissenschaft. Ein politisch spätberufener Senkrechtstarter, der heute gemeinsam mit Annalena Baerbock die Doppelspitze von Bündnis 90/Die Grünen bildet

SRF: Sie sind studierter Philosoph und Politiker. Nun gilt die Philosophie als kompromisslos, Politik hingegen als kompromissbereit. Wie bringen Sie diese gegensätzlichen Ansprüche zusammen?

Robert Habeck: Auch in der Philosophie gibt es Ansätze zur Vermittlung. Umgekehrt wäre die Politik ärmlich, wenn sie nicht mit gewissen Prinzipien und Werten arbeiten würde. Insofern kann man beides gut verbinden.

Die «Grüne Welle» wurde durch die Pandemie gebremst, auch weil die Grünen nicht in der Exekutive vertreten sind. Ist nun der richtige Moment, um das Kanzleramt anzustreben?

Im Moment dreht sich alles um die Gegenwart. Im nächsten Jahr wird sich der Fokus wieder auf die Zukunft richten und dann geht es um die drei grossen Fragen des nächsten Jahrzehnts: Klimaschutz, Zusammenhalt in Europa und Kampf für die liberale Demokratie. Daraus leiten wir Grünen den Führungsanspruch aufs Kanzleramt ab.

Das Buch «Das Prinzip Verantwortung» von Hans Jonas erschien 1979. In der Neuauflage 2020 verfassten Sie ein fulminantes Nachwort. Wie kam es dazu?

Ich habe als Jugendlicher dieses schwer zugängliche Buch gelesen und dabei den Zusammenhang zwischen Verantwortung und Liebe, Freiheit und moralischer Souveränität für mich entdeckt. Ich war damals verliebt in das Leben, Tschernobyl explodierte und auf meinen Kopf fiel atomarer Regen.

Buchhinweis

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Hans Jonas: «Das Prinzip Verantwortung. Versuch einer Ethik für die technologische Zivilisation.» Suhrkamp, 2020.

Das Ringen mit der Atomkraft hat auch Hans Jonas dazu bewogen, das Buch zu schreiben. Inwiefern hat Tschernobyl Sie persönlich politisiert?

Wir haben damals in der Schule «Sommernachtstraum» aufgeführt. Am Abend nach der Premiere waren wir alle glücklich mit uns selbst und strömten nach draussen auf die Strassen. Da fing es plötzlich an zu regnen und voller Angst rannten wir alle sofort nach Hause.

Ich möchte nicht in einer Gesellschaft ohne Kompromisse leben.

Mich überkam das Gefühl, dass eine anonyme Macht mir meine Freiheit und mein Lebens- und Liebesglück genommen hat. Da wurde mir klar, dass zwischen einer selbstbestimmten Freiheit und einer unbeherrschbaren Technik ein politischer Zusammenhang besteht, der mich bis heute prägt.

Sie üben aber auch Kritik am Buch. Wieso?

Bei Hans Jonas muss die Natur, um ihrer selbst willen erhalten bleiben. Das halte ich für falsch. Mit der Personifizierung und diesem Anspruch der Natur kann eine Radikalität erwachsen, die in totalitäres Denken abdriftet.

Hans Jonas propagiert in seinem Buch eine Heuristik der Furcht und liebäugelt mit einem kommunistischen Staat, der nötigenfalls die Klimaziele mit Zwang durchsetzt.

Hans Jonas muss als Philosoph nicht politisch argumentieren. Aber in einer Gesellschaft ohne Kompromisse und Relativierungen möchte ich nicht leben.

Radikal zu sein liegt im Trend. Die Klimabewegung fordert zivilen Ungehorsam und überholt die grüne Parteienpolitik. Ist die Zeit für Kompromisse abgelaufen?

Die Klimajugend darf radikal sein, ich verstehe ihre Ungeduld. Man darf sich aber keinesfalls über das Gesetz stellen und muss sich an Mehrheitsprinzipien, Abstimmungen und den Rechtsstaat halten.

Eine stählerne Politik hatten wir schon und das war nicht erfolgreich.

Wenn wir eine offene Gesellschaft schützen wollen, dann macht es keinen Sinn, sie um des Klimaschutzwillens zu zerstören.

Gemäss Hans Jonas ist die Zeit für gute Absichten abgelaufen. Wir müssen unser Denken aus Watte in Stahl transformieren. Hantieren Sie selbst nicht mit Watte?

Ein stählernes Denken meinetwegen, eine stählerne Politik hatten wir schon. Und die war nicht erfolgreich. Eine angstmachende Politik weckt die stärksten Emotionen und ist deswegen besonders wirksam. Aber führt sie zu einer Lösung? Wir brauchen keine Heuristik der Furcht, um Dinge umzusetzen.

Findet sich denn in Ihrem Denkprinzip der Verantwortung auch das Prinzip der Hoffnung?

Ja, unbedingt. Eine Gesellschaft ohne Hoffnung hiesse ja, dass eine bessere Zukunft nicht möglich wäre. Wie soll sich eine Gesellschaft zu grossen Taten aufraffen, wenn sie nicht mehr auf eine bessere Welt hoffen kann?

Das Gespräch führte Barbara Bleisch.

Das Interview ist eine verkürzte Fassung des Gesprächs in der «Sternstunde Philosophie».

Sendung: SRF 1, Sternstunde Philosophie, 13.12.2020, 11:00 Uhr;

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