«Hinter jedem Kleber steckt ein Mensch», sagt Eulenheulen. Hinter dem Namen «Eulenheulen» steckt ebenfalls ein Mensch – der lieber anonym bleiben möchte, weil er Aufkleber oder Sticker anfertigt und verbreitet – also klebt: auf Laternenpfähle, Abflussrohre, Zäune. Vor allem in Zürich. Das ist illegal. Warum Eulenheulen trotzdem «stickern» geht? «Weil Sticker Städte wärmer, schöner, lebenswerter machen!»
Das sehen nicht alle Menschen so. Im Gegenteil. Sticker-Forscherin Yvette Bürki erinnert sich an ein Gespräch im Kollegenkreis. Ein Professor sagte dabei: Sticker seien Müll. Sie verschandelten die Städte.
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Bild 1 von 9. Ein Sticker bleibt selten allein: Wie es scheint, sind Aufkleber Rudeltiere …. Bildquelle: Sticker Research Platform/Walter Benjamin Kolleg/Universität Bern.
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Bild 2 von 9. … bei denen gerne mal ein Kampf um die besten Plätze herrscht. Bildquelle: Sticker Research Platform/Walter Benjamin Kolleg/Universität Bern.
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Bild 3 von 9. Ist das Verzierung oder Vandalismus der Landschaft? Darüber scheiden sich die Geister. Bildquelle: Sticker Research Platform/Walter Benjamin Kolleg/Universität Bern.
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Bild 4 von 9. Besonders beliebte Flächen beim «Stickern» sind unter anderem Abflussrohre, Schilder oder Zäune. Diese werden quasi im Vorbeigehen be- und überklebt. Bildquelle: Sticker Research Platform/Walter Benjamin Kolleg/Universität Bern.
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Bild 5 von 9. Einige der Stickerbotschaften sind zuckersüss – und bitterernst. Bildquelle: Sticker Research Platform/Walter Benjamin Kolleg/Universität Bern.
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Bild 6 von 9. Andere spielen mit bekannten Grafikdesigns – und gleichen einer Kampfansage. Bildquelle: Sticker Research Platform/Walter Benjamin Kolleg/Universität Bern.
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Bild 7 von 9. Wichtig ist, dass die Sticker Aufmerksamkeit für das eigene Anliegen erzeugen. Bildquelle: Sticker Research Platform/Walter Benjamin Kolleg/Universität Bern.
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Bild 8 von 9. Dabei kann es auch schon mal recht bunt und flächendeckend zugehen. Bildquelle: Keystone/Peter Beutler.
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Bild 9 von 9. Doch Obacht: Teuer kann es auch werden, wenn man beim «Stickern» erwischt wird. Schliesslich handelt es sich beim Geländer nicht um eine öffentliche Pinnwand oder Werbefläche. Bildquelle: Sticker Research Platform/Walter Benjamin Kolleg/Universität Bern.
Yvette Bürki lehrt am Institut für spanische Sprachen und Literatur der Universität Bern. Und sie erforscht Sticker. Auch Kellie Gonçalves, Sprachwissenschaftlerin am English Department der Uni Bern, forscht zu den bunten Klebern. Gemeinsam haben die beiden eine Rechercheplattform aufgebaut.
Zusammen mit ihren Studierenden sammeln, kategorisieren und analysieren sie Sticker in verschiedenen Schweizer Städten. Die Sprachwissenschaftlerinnen wollen eine umfassende Sammlung von Schweizer Stickern anlegen. Dafür gehen sie auch in Bergregionen. Denn auch dort gibt es Sticker.
Kleine Kleber auf grosser Reise
Sticker sind überall, nicht nur in der Schweiz. Angefangen hat die Kleber-Kunst in den USA: Obey, mit bürgerlichem Namen Shepard Fairey, studierte in Rhode Island Design und gestaltete 1989 einen Sticker, auf dem stand: «André the Giant Has a Posse». Das Gesicht des Wrestlers André the Giant dient als Chiffre, während «Posse» (Hip-Hop-Slang für Clique oder Gang) die kollektive Stärke der Strasse repräsentiert.
Fairey wollte damit zum Hinterfragen von Propaganda und gesellschaftlichen Normen anregen. Weitere Sticker folgten und verbreiteten sich flächendeckend. In den USA, aber auch in Europa.
«Sticker machen Menschen, Ideen, Kunst sichtbar», sagt Gabriela Domeisen, die in Zürich das Streetartarchive aufgebaut hat. Seit 2006 dokumentiert sie farbige Graffiti, kleine Tags – also Schriftzüge –, aber eben auch Sticker in Zürich und anderen Städten. Die Sticker-Community sei sehr aktiv, sagt Domeisen. Geklebt werde nach dem Motto: «Mehr ist mehr».
Die Leute aus der Sticker-Community versuchen, ihre Sticker so weit wie möglich zu streuen. Längst gibt es Tauschbörsen, internationale Netzwerke. «Meine Kleber kommen weit herum: nach Mexiko, Los Angeles – an Orte, an denen ich selbst noch nie war», sagt Eulenheulen.
Umgekehrt hat Eulenheulen neben den eigenen Klebern auch immer ein paar Sticker aus Berlin klebebereit in der Tasche. Oder fast immer: «Manchmal sehe ich schöne Spots und habe keinen Sticker dabei. Das ärgert mich.» Was ein guter Spot ist? «Ein Ort, wo viele Leute vorbeikommen. Und wo es schon andere Sticker hat, das finde ich lässig.»
Sticker sind öffentlich und anonym zugleich
Nicht nur Eulenheulen findet das lässig. Sticker seien eine sehr kommunikative Kunstform, sagt Forscherin Kellie Gonçalves: «Wir finden oft Sticker, die überklebt werden. Das ist wie eine Diskussion im öffentlichen Raum, in der ein Sticker-Kleber dem anderen sagt, er habe eine andere Meinung.»
Das betrifft vor allem Sticker, die politische Aussagen transportieren. Eine Kategorie, von der Kellie Gonçalves und Yvette Bürki sehr viele Sticker gefunden haben. Das Feld der politischen Sticker ist sogar so gross, dass sie Unterkategorien bilden mussten: Wirtschaftsfragen. Umweltfragen. Oft haben Sticker mehr als eine Aussage. Zum Beispiel können Fussballsticker auch auf Umweltprobleme aufmerksam machen.
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Bild 1 von 2. Früher klebte man Fussballsticker ausschliesslich in ein eigens dafür vorgesehenes Heft... Bildquelle: Keystone/Laurent Gillieron.
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Bild 2 von 2. Heute hinterlassen sie Fans gerne als Visitenkarte und zeigen, wo sie überall schon gewesen sind. Bildquelle: Keystone/Peter Klaunzer.
Warum Menschen ihre politischen Ansichten per Sticker verkünden? Kellie Gonçalves hat dazu eine Theorie: «Die Leute, die diese Sticker kleben, sind quasi unsichtbar, und dadurch dürfen sie alles sagen.»
Auch Eulenheulen hat schon andere Sticker überklebt: «Scheissdreck wie Nazi-Zeugs. Da kleb' ich was drüber, dann ist es weg!» Was Eulenheulen ebenfalls nervt, ist die wachsende Zahl von Werbeklebern für Plattenlabels oder Modemarken. Diese kommerziellen Kleber seien weder besonders kreativ noch kommunikativ.
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Bild 1 von 2. Dieser Werbesticker für das deutsche Bundesland Baden-Württemberg hat weltweite Berühmtheit erlangt. Bildquelle: Imago/Bihlmayerfotografie.
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Bild 2 von 2. Und weit herum gekommen ist er auch. Neben der ursprünglichen Werbebotschaft gibt es den Sticker inzwischen in unzähligen Abwandlungen. Etwa um auf das Klima hinzuweisen: «Nett hier. Aber wie lange noch?». Bildquelle: Imago/Bihlmayerfotografie.
Was Eulenheulen liebt: Wenn Sticker einen eigenen Charakter, eine eigene Sprache haben und auf die Künstlerpersönlichkeit dahinter verweisen. Besonders spannend seien handgemachte Sticker: gezeichnet, nicht gedruckt.
Sticker können sagen: «Du bist nicht allein»
Eulenheulen klebt gedruckte, vegane Sticker, solche, die nicht mit Fischleim hergestellt werden. Wenn man sie in Deutschland drucken lässt, kostet das um die 15 Rappen pro Stück. In der Schweiz ist es teurer. Je nach Motiv und Aufwand kann der Druck bis zu einem Franken pro Kleber kosten. Ab Stückzahlen von 500 wird es wieder günstiger.
Eulenheulen hat zurzeit etwas über 20 Motive parat. Unter anderem einen Regenbogen, der bei vielen Leuten gut ankommt: «Queere junge Menschen finden das lässig, dass sie da nicht allein sind. Sie fühlen sich gesehen.»
Mit Klebern kann man recht klar kommunizieren. Aber nicht nur das. Für die Sprachwissenschaftlerinnen der Uni Bern ist spannend, dass Sticker nicht nur mit Text arbeiten. «Es geht auch um Bild, Farben und Schrift», sagt Yvette Bürki.
Die Beschäftigung mit den Stickern hilft, vielschichtige visuelle Informationen zu erfassen und einzuordnen. Und das ist immerhin eine Fähigkeit, die auch ausserhalb der Sticker-Welt an Bedeutung gewinnt.