«Hallo liebe Exies!»: Wenn die beiden Moderatorinnen des deutschen True-Crime-Podcasts «Mord auf Ex» ihre Fangemeinde begrüssen, sind die Massen begeistert. In den vergangenen Jahren auch zunehmend bei Liveauftritten, zuletzt zum Beispiel im Zürcher Hallenstadion im Januar.
Mit im Publikum an diesem Abend war Salima, 28, Primarlehrkraft aus Luzern. «Das war schon eine starke Show», erzählt sie, «mit Bühnenbild, eigener Band und Schauspielern, die die Geschichten unterstützten. Das war sehr unterhaltend», erinnert sie sich an diesen Abend.
Podcasts für Millionen
Aber natürlich sind Produktionen wie «Mord auf Ex» nicht als Live-Shows, sondern vor allem als Podcasts bekannt. Ihre Begeisterung für die gesprochenen Verbrechens-Storys teilt die junge Luzernerin Salima mit unzähligen anderen Fans.
Teilweise verzeichnen die Produktionen auf den Streaming-Plattformen Wiedergabezahlen in Millionenhöhe. Zu den erfolgreichsten Podcasts im deutschsprachigen Raum gehören «Mordlust», «Zeit Verbrechen», «Plot House» oder eben «Mord auf Ex». Letzterer ist auch die Nummer eins in Salimas Hitliste. «Ich habe während Corona begonnen, True-Crime-Podcasts zu hören», erinnert sie sich. «Zuerst war ‹Zeit Verbrechen› mein Favorit, aber seit dort neue Hosts dazugekommen sind, habe ich zu ‹Mord auf Ex› gewechselt.»
Salima mag es zum Beispiel, dass die Moderatorinnen Linn Schütze und Leonie Bartsch ihre Emotionen zeigen, zu einem Fall oder einem Täter. «Ich rege mich zum Teil über das Gleiche auf und kann mich darum mit ihnen identifizieren», sagt Salima, «man hat fast das Gefühl, wir sitzen am gleichen Tisch.»
Die Menschen nicht vergessen
Die Emotionen der Hosts, die Tatsache, dass hier Geschichten von wahren Verbrechen erzählt werden und zwischendurch auch mal eine grosse Live-Show – alles Faktoren, die für True-Crime-Fans wie Salima die Faszination des Genres ausmachen.
Verbrechen darf nie zur Unterhaltung dienen.
Der 63-jährige Hanspeter Krüsi, der 17 Jahre lang Sprecher der Kantonspolizei St. Gallen war, teilt diese Faszination nicht. Er betrachtet den True‑Crime‑Boom der letzten Jahre mit Skepsis. Der seit Februar pensionierte Polizist ist heute als Unterhalter und Kabarettist mit eigenem Programm unterwegs und macht sich dort über vieles aus dem Alltag lustig. Kriminalität gehört nicht dazu.
«Verbrechen darf nie zur Unterhaltung dienen», sagt Krüsi. Sein Hauptkritikpunkt: Für die Betroffenen eines Verbrechens sei es belastend, vielleicht sogar retraumatisierend, wenn ein früherer Fall wieder öffentlich behandelt werde.
Kriminalität als gesellschaftliches Thema muss selbstverständlich in den Medien behandelt werden.
«Ich sehe natürlich den Erfolg, den diese Formate haben», sagt der Ex-Polizist mit insgesamt über 40 Jahren Dienstzeit, «aber trotzdem darf man die Menschen dahinter nicht vergessen.» Wer als Opfer oder als Angehörige ein Verbrechen erlebt habe, dessen Leben sei nie mehr das gleiche, sagt Krüsi, und darum müsse man solche Ereignisse ruhen lassen.
«Kriminalität als gesellschaftliches Thema», sagt Hanspeter Krüsi, «muss selbstverständlich in den Medien behandelt werden, aber auf einer allgemeinen Ebene, mit Fachleuten, nicht am konkreten Einzelfall und in allen Details.»
«Wunden können manchmal auch heilen»
Auch die Hosts von «True Crime Schweiz», dem neuen Podcast-Format von SRF, sind überzeugt, dass Verbrechen viel über unsere Gesellschaft aussagen. Anders als Hanspeter Krüsi, finden sie jedoch, sei auch die Diskussion am Beispiel eines Einzelfalls legitim – gerade weil es ein Gesellschaftsthema ist.
«Wenn jemand ein Verbrechen begeht», erklärt Matthias von Wartburg, Co-Host bei «True Crime Schweiz», «verstösst er oder sie damit gegen die Regeln, die wir uns als Gesellschaft gegeben haben. Am Einzelfall können wir dann die Frage behandeln, wie wir als Gesellschaft damit umgehen.»
Was sagen er und seine Podcast-Kollegin Ramona Drosner zur Kritik, dass True-Crime-Storys bei Betroffenen alte Wunden aufreissen können? «Auf diesen Punkt werden wir oft angesprochen», erklärt Ramona Drosner, «aber wir haben auch schon die umgekehrte Erfahrung gemacht, dass uns aus der Hinterbliebenenfamilie eines Falles jemand geschrieben hat, es tue gut, dass das Schweigen endlich gebrochen worden sei. Wunden können eben manchmal auch heilen, wenn das Thema besprochen wird.»
Informieren, nicht nur unterhalten
Allerdings ist für die beiden «True Crime Schweiz»-Hosts klar, dass gesellschaftliche Relevanz bei der Themenwahl und sachliche Distanz zur Geschichte und den Protagonisten für sie an erster Stelle stehen. «Ich will informieren», sagt Drosner. «Wenn uns Menschen zuhören, weil sie gerne Geschichten hören, dann kann ich damit leben, aber mein Ziel ist es nicht, zu unterhalten.»
Wir bleiben bei den Fakten.
Für die Spannung, das Storytelling, ergänzt Matthias von Wartburg, könnten detaillierte Schilderungen helfen, etwa zur Dunkelheit der Tatnacht oder der Stille im Wald. «Aber wenn wir solche Details nicht wissen, lassen wir sie weg und bleiben bei den bekannten Fakten.»
Nähe und Emotionen
Ebenso tabu sind für die beiden die eigenen Emotionen zu einem Verbrechen, einer Täterin oder einem Täter. «Die Geschichten, die wir besprechen, lassen uns auch nicht kalt», sagt von Wartburg, aber wichtig sei, dass diese Betroffenheit nie vergleichbar sei mit derjenigen der Opfer des Verbrechens. «Wenn wir unsere eigenen Gefühle hier einbringen würden», sind sich die beiden «True Crime Schweiz»-Hosts einig, «würde das den direkt Betroffenen nicht gerecht.»
Darf Verbrechen auch unterhalten? In der Podcast-Landschaft wird diese Frage also unterschiedlich beantwortet. Formate wie «Mord auf Ex» setzen stärker auf Storytelling und Nahbarkeit, Podcasts wie «Zeit Verbrechen» oder eben «True Crime Schweiz» pflegen in ihren Erzählungen eher journalistische Distanz.
Gleichzeitig ist der Grat zwischen Unterhaltung und Sachlichkeit offensichtlich ein schmaler und es ist spannend zu beobachten, wo die unterschiedlichen Podcast-Produktionen diese Linie für sich ziehen. Beide Konzepte finden bisher ihr Publikum.