Schon lange vor den Römern lebten in «Amiternum» – dem heutigen L’Aquila – die Sabiner. Ein italisches Volk, das die Stadt auf mehr als 700 Metern Höhe in den Bergen der Abruzzen höchstwahrscheinlich gegründet hatte. Bis 2009 präsentierte sich die uralte Stadt mit mittelalterlichen Türmen und Kirchen, Renaissance-Palästen und barocken Gotteshäusern. Ein kommunales Juwel, umgeben von den hohen Bergen einer Region, die bislang vom Massentourismus verschont worden ist.
Dann, Anfang April 2009, die Zäsur: Ein schweres Erdbeben kostete 309 Menschenleben, machte mehr als 65'000 Menschen obdachlos und verursachte Zerstörungen an den wichtigsten historischen Bauwerken l’Aquilas.
Ein Blick zurück: Das Erdbeben von L'Aquila
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Bild 1 von 11. L'Aquila, 6. April 2009. Zerstörte Häuserreihen am Tag des Erdbebens. Etwa 70'000 Menschen wurden obdachlos. Bildquelle: Reuters.
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Bild 2 von 11. L'Aquila, 6. April 2009: Der damalige Premier Sivio Berlusconi überfliegt das Katastrophengebiet. Anschliessend verspricht er schnelle Hilfe beim Wiederaufbau – passiert ist wenig. Bildquelle: Reuters.
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Bild 3 von 11. L'Aquila, 7. April 2009. Ohne Zuhause: Eine der rund 70'000 Obdachlosen, die nach dem Erdbeben in Zeltstätten untergebracht wurden. Bildquelle: Reuters.
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Bild 4 von 11. L'Aquila, 7. April 2009. Gibt es noch Überlebende? Ein komplett in sich zusammengestürztes Haus einen Tag nach dem Beben. Bildquelle: Reuters.
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Bild 5 von 11. L'Aquila, 10. April 2009: Ein Priester spricht zu den Überlebenden dieses verehrenden Erdbebens. Bildquelle: Reuters.
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Bild 6 von 11. L'Aquila, 10. April 2009. Kardinal Tarcisio Bertone während des Staatsbegräbnisses der Erdbeben-Opfer am Karfreitag. Die Zahl der Toten stieg innert vier Tage auf über 300. Bildquelle: Reuters.
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Bild 7 von 11. L'Aquila, 10. April 2009: Die Trauer war gross. Eine lange Fahrzeugkolonne von Leichenwagen bildete sich vor dem Friedhof. Bildquelle: Reuters.
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Bild 8 von 11. L'Aquila, 13. April 2009. Die Basilika St. Maria di Collemaggio. Die hier aufbewahrten Überreste von Papst Coelestin V blieben unversehrt. Bildquelle: Reuters.
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Bild 9 von 11. L'Aquila, 28. April 2009. Papst Benedikt XVI spendet den Überlebenden Trost und hält eine Messe. Bildquelle: Reuters.
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Bild 10 von 11. L'Aquila, 6. Juli 2009. Die Trauer hält an. Bewohner erinnern mit einem Fackelmarsch an die Katastrophe. Der Fackelmarsch wird zum Gedenken auch 2015 abgehalten. Bildquelle: Reuters.
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Bild 11 von 11. Rom, 7. Juli 2010. Bewohner von L'Aquila demonstrieren gegen den schleppenden Wiederaufbau ihrer Stadt. Bildquelle: Reuters.
Viel Geld, wenige Resultate
Der damalige italienische Regierungschef Silvio Berlusconi versprach das Blaue vom Himmel in Sachen schnellem Wiederaufbau. Geld floss in Massen nach l’Aquila. Die EU, der italienische Staat und private Grossspender stellten insgesamt rund 13 Milliarden Franken zur Verfügung. Fast 17 Jahre sind seit der Katastrophe vergangen. Wer geglaubt hatte, dass die vielen Milliarden ein Wunder vollbringen werden, sieht sich getäuscht. Die Tageszeitung «La Repubblica» spricht nicht zu Unrecht im Fall l’Aquilas von einem «Bluff».
Immer noch präsentiert sich die Regionalhauptstadt als Grossbaustelle: Zahllose Restaurierungs- und Wiederaufbauprojekte wurden entweder noch nicht beendet – oder noch gar nicht begonnen. Baugerüste zieren nach wie vor viele Strassen und Plätze. Sogar der barocke Dom und das Stadttheater aus dem 19. Jahrhundert, architektonische Perlen in der Altstadt, sind immer noch nicht wieder restauriert.
Der Fall des Stadttheaters erzürnt besonders viele Bürger. Denn noch immer finden musikalische Veranstaltungen als auch das Sprechtheater in einer hässlichen modernen Multifunktionshalle statt.
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Bild 1 von 4. Das Stadttheater ist auch 17 Jahre nach dem Erdbeben noch nicht vollständig restauriert. Bildquelle: Thomas Migge.
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Bild 2 von 4. Der zähe Fortschritt bei den Bauarbeiten lähmt die lokale Kultur, die weiter auf andere, unattraktivere Spielorte ausweichen muss. Bildquelle: Thomas Migge.
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Bild 3 von 4. Unzählige Kirchen in der Altstadt von L’Aquila befinden sich noch immer im Wiederaufbau. Bildquelle: Thomas Migge.
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Bild 4 von 4. Eine ungestörte Sicht hat man fast nur auf die vielen Bauzäune und Verkleidungen, wie bei diesem Palazzo. Bildquelle: Thomas Migge.
Zu früh ernannt?
So verwundert es nicht, dass zahlreiche Kunsthistoriker und Architekten, Lokalpolitiker und viele Bürger nicht nur gegen diese Realität protestieren, sondern auch gegen den Umstand, eine Stadt im Wiederaufbau zur Kulturhauptstadt zu ernennen. Und auch angesichts umstrittener Restaurierungsarbeiten wird fleissig protestiert. Wie etwa im Fall des Domplatzes, dem urbanen Herz von l’Aquila.
Der Platz wird, so sieht es der Projektplan vor, mit weissen Marmorplatten aus Istrien bedeckt. Doch, so die vielen Kritiker, Marmor aus Istrien hat mit der Architekturgeschichte der Stadt in den Abruzzen nichts zu tun. Das gelte auch, klagen Kritiker, für den grossen Beton-Kiosk, der schräg gegenüber der Fassade des Doms errichtet wurde. In der Umgebung des Platzes mit seinen historischen Gebäuden wirkt dieser Kiosk wie ein ästhetischer Schlag aufs Auge.
Hätte man also nicht warten sollen mit der Ernennung zur Kulturhauptstadt? Das fragen sich viele Italiener. Aber die Würfel sind gefallen, und so werden viele Besucher vor allem aus Rom und von der Adriaküste l’Aquila in diesem Jahr einen Besuch abstatten – und feststellen müssen, wie viel es hier noch zu tun gibt.