Zum Inhalt springen

Gesellschaft & Religion Leben wir in einer Angst-Gesellschaft?

Das Weltgeschehen liefert derzeit viele gute Gründe für Angst. Der Soziologe Heinz Bude spricht gar von einer «Gesellschaft der Angst». Er beschreibt die Fallstricke von unserem modernen Zusammenleben und wovor wir uns fürchten.

Das Gesicht eines Mannes das von Angst zeugt: Er kneift seine Augen zusammen und stützt sein Gesicht in seine Hand.
Legende: Wir haben nicht einfach Angst. Wir reagieren auf historisch gegebene Verhältnisse. Getty Images

Jeder von uns kennt Angst. Doch was steckt hinter dem verstörenden, meist diffusen Gefühl? Angst scheint in erster Linie die Reaktion auf eine gefühlte Bedrohung zu sein und veranlasst uns, davor zu fliehen oder diese abzuwehren.

Soziologe Heinz Bude erläutert in seinem Buch «Gesellschaft der Angst» in essayistischen Ausführungen, wie die Angst des Menschen an sozialhistorische Bedingungen geknüpft ist. Wir haben nicht einfach Angst. Wir reagieren auf historisch gegebene Verhältnisse aufgrund unserer eigenen sozialen Prägung. Gerade in modernen Gesellschaften sieht Bude Angst als ein allgegenwärtiges Thema, das keine sozialen Grenzen kennt.

Vom Aufstiegsversprechen zur Exklusionsdrohung

Die Antwort auf Angst vor Arbeitsunfähigkeit, Arbeitslosigkeit und Altersarmut war die Entstehung des Sozialstaates, beginnt Bude. Dabei schwang für die Menschen das Integrations- und Aufstiegsversprechen mit, den eigenen rechtmässigen Platz in der Gesellschaft zu finden. In der heutigen Gesellschaft hat sich dies jedoch zu einer Exklusionsdrohung gewandelt.

«Je besser es einem geht, aber auch je unwahrscheinlicher eine weitere Steigerung des Lebensstandards ist und je ähnlicher sich die Lebenslagen werden, umso mehr Angst haben die Leute vor Verlust, Beschneidung und Zurücksetzung», so Bude. Dem gegenüber steht die Angst vor dem Kollaps des Ganzen: Die Finanzwirtschaft und die ausufernde Datenansammlung des World Wide Webs erschufen ein schwer fassbares System der «Niemandsherrschaft».

Sensible Kontaktmenschen

Wie wir heute Angst erleben, hängt laut Bude zudem mit einem «epochalen Wechsel in der Verhaltensprogrammierung» des Menschen zusammen. Dieser verlief vom innengeleiteten Gewissens- zum aussengeleiteten Kontaktmenschen. Das Verhalten des aussengeleiteten Ichs wird nicht mehr durch verinnerlichte Werte und Normen geformt, sondern durch «die buchstäblich im Sekundentakt ausgehandelten Erwartungen und Erwartungserwartungen zwischen den gerade an einer Situation Beteiligten».

Man orientiert sich ständig an den Anderen und was diese von einem denken. Diese Handlungsgrundlage ist jedoch in hohem Masse unsicher und generiert Angst, mit den Anderen nicht mithalten zu können.

Wenn Freiheit lähmt

Und dann ist da noch der grosse Preis der vermeintlichen Freiheit, die sich in der modernen Gesellschaft auftut. Einerseits haben wir unzählige Möglichkeiten zur freien Wahl, andererseits stellen sich uns auch viele widersprüchliche Ansprüche und Erwartungen. Der Entscheidungs- und Optimierungsdruck auf das Individuum wirkt überfordernd, es besteht ständig das Risiko etwas zu verpassen oder sich mit einer falschen Entscheidung ins Abseits zu befördern. Bude spricht von einer lähmenden Angst: Sie sät Zweifel, macht unentschlossen und treibt uns latent um.

Fragile Beziehungen

Ein Beispiel ist die Liebe: Die Partnersuche im Netz eröffnet uns unzählige Möglichkeiten. Wir werden wählerisch und hegen den Verdacht, es könnte doch noch jemand passenderes, intelligenteres oder hübscheres auftauchen. Trotzdem sehnen wir uns nach einer unkündbaren Beziehung, die allein auf Liebe gründen soll. Sich auf eine solche Beziehung einzulassen, beruht auf einer gegenseitigen Wahl und somit auch auf der Freiheit des Anderen, wieder auszusteigen.

«Bindung macht Angst, weil die Freiheit des Ichs von der Freiheit des Anderen abhängig wird», erklärt Bude. Es ist das «moderne Prinzip der Kündbarkeit aller Sozialbeziehungen», das uns widersprüchlichen Beziehungsängsten aussetzt.

Angst ist menschlich

Neben Bindungsangst benennt Bude ausserdem die Status- und Bildungspanik der erodierenden Mittelschichten und deren Abstiegsängste, den Unmut der Verlierer und die Angst der Unentschlossenen. Sind wir deshalb eine Gesellschaft der Angst? Vielleicht. Aber die Angst wird wohl immer ein Bestandteil des Menschen sein und gewisse Formen der Angst werden immer wiederkehren.

Wir sind also nicht weniger eine Gesellschaft der Angst, wie es unzählige Gesellschaften vor uns auch schon waren. Bude zeigt jedoch, wie wir immer auch in sozialhistorische Entwicklungen eingebettet sind, die neue Ängste hervorbringen können – und die wiederum unseren Umgang mit der Umwelt und uns selbst beeinflussen. Denn Angst kann uns letztlich auch vorantreiben und Veränderung suchen lassen.

Buchhinweis

Heinz Bude: «Gesellschaft der Angst». Hamburger Edition, 2014.

Jetzt online

Jetzt online

Sehen Sie hier die «Sternstunde Philosophie» vom 1. März zur Angst als Grundgefühl der Gegenwart, wie einige Soziologen meinen. Und wie lässt sich die Angst besiegen? Barbara Bleisch fragt den Angsttherapeuten Borwin Bandelow.

Hilfe gegen Angst

Die Hotline der Angst- und Panikhilfe Schweiz: 0848 801 109. Die APhS ist eine gemeinnützige Non-Profit-Organisation mit Sitz in Bern. Sie richtet sich an Menschen, die an einer Angststörung leiden, bietet Hilfe und Beratung, vielfältige Informationen und die Möglichkeit zur Diskussion zwischen Patienten, Angehörigen und Fachleuten an.

3 Kommentare

Navigation aufklappen Navigation zuklappen

Sie sind angemeldet als Who ? (whoareyou) (abmelden)

Kommentarfunktion deaktiviert

Uns ist es wichtig, Kommentare möglichst schnell zu sichten und freizugeben. Deshalb ist das Kommentieren bei älteren Artikeln und Sendungen nicht mehr möglich.

  • Kommentar von M. Roe, Gwatt
    Wieder einmal eine Aussage eines Menschen, der die Entwicklung weg von unseren menschlichen Werten befürwortet + damit bei der Destabilisierung aller Völker tapfer mithilft. Eine destabilisierte Bevölkerung lässt sich dann am Ende von ein paar Regenten ohne Mühe überzeugen, leiten +ausnutzen. Ein weiteres Instrument für die Destabilisierung der Menschen ist das Überschwemmen mit Drogen. Eine Kriegsmacht hat dies bereits vor vielen hundert Jahren praktiziert + ist dann ohne Krieg einmarschiert.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von M.Kaiser, Rebstein
    Ja eindeutig -das zeigen die Ausfallraten durch psychischen Erkrankungen in allen Stufen der Arbeitswelt . Ab 30 Jahren geht's los mit Selbstmorden und Flucht vor der Verantwortung. Entschleunigung der Abläufe ist das Rezept und Gruppen -Entscheidungen anstreben .
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von Hans Vader, Luzern
    Und schuld an vielen Ängsten sind die Medien. Sie schüren aktiv Angst in der Bevölkerung. Dann wird den falschen, von Medien angepriesenen, Idealen hinterher gerannt, so dass die Angst vom Ideal abzuweichen entsteht. Angst ist auch der treibende Faktor für unsere Politik, welche total am Volk vorbei geht. Gewisse Ängste sind überlebensnotwendig, aber nicht die Ängste des modernen Wahnsinns. Aber genau dieses Duckmäusertum ist heute die grösse Gefahr für die Menschheit.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen