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Der Ethiker Frank Mathwig zur Pandemie
Aus Kultur-Talk vom 22.09.2021.
abspielen. Laufzeit 28:00 Minuten.
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Lehren aus Corona «Meine Freiheit ist auch die Freiheit jeder anderen Person»

Die Corona-Pandemie beschäftigt uns seit eineinhalb Jahren und wirft viele Fragen auf, die unser Zusammenleben betreffen. In Zeiten der Pandemie sei der Respekt zwischen Andersdenkenden besonders wichtig, sagt der Ethiker und Theologe Frank Mathwig. Es gehe nicht um maximale Freiheit, sondern um maximalen Schutz vor dem Virus.

Frank Mathwig

Frank Mathwig

Theologe und Ethiker

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Frank Mathwig ist Titularprofessor für Ethik am Institut für Systematische Theologie der Universität Bern, Mitglied der Nationalen Ethikkommission im Bereich Humanmedizin (NEK) und Beauftragter für Theologie und Ethik der Evangelisch-reformierten Kirche Schweiz (SEK) in Bern.

SRF: Was bedeutet Freiheit in der Pandemie?

Frank Mathwig: Wir haben die Erfahrung gemacht, dass die Freiheit nicht schrankenlos ist. Sie muss mit der Freiheit jeder anderen Person abgewogen werden.

Wir mussten Freiheit als kollektives Gut kennenlernen und diese Dimension viel stärker in den Vordergrund rücken, als wir es vor der Pandemie gewohnt waren. Unsere individualistische Lebensweise wurde teilweise revidiert. In diesem Gemeinschaftsdenken mussten wir Freiheit neu entdecken.

Nach Immanuel Kant endet die Freiheit des Einzelnen dort, wo die Freiheit des anderen beginnt. Freiheit ist also per se beschränkt. Es gibt Spannungen zwischen Geimpften und Ungeimpften – und während der ersten Welle zwischen Alt und Jung. Wer muss in dieser Situation auf wen Rücksicht nehmen?

Die Kant'sche Formulierung hat ja keine besondere gesellschaftliche Gruppe im Blick, sondern die einzelne Person: jede und jeder gegenüber jeder anderen Person.

Das ist, glaube ich, die Pointe, warum Kant mit diesem Satz so berühmt wurde: Er nennt keine Kriterien, hebt also nicht besonders vulnerable Gruppen hervor. Kant sagt: Wir müssen in einer liberalen Gesellschaft eine Regel akzeptieren. Nämlich die: Meine Freiheit ist auch die Freiheit jeder anderen Person.

Rosa Luxemburg hat zugespitzt, dass es eigentlich um die Freiheit der Andersdenkenden geht. Das sind nicht nur die Bedingungen des Diskurses, sondern auch des Zusammenlebens.

Ethisch relevant wären der Respekt vor der anderen Person, der Verzicht auf Sündenböcke und ein starkes Bewusstsein für die Verantwortung
Autor: Frank Mathwig Ethiker

Die Leute zeigen gerne mit dem Finger auf jene, die es eben «nicht so gut» machen wie sie selber. Stichwort: Ferienrückkehrer vom Balkan, die Leute, die Party machen. Was kann die Gesellschaft tun, um nicht einem solchen Sündenbock-Denken zu verfallen?

Das ist die grosse Herausforderung. Im Recht finden wir keine Normen, die das verhindern. Die liberale Gesellschaft ist insofern die anspruchsvollste Gesellschaft, weil sie am stärksten eine ethische Reflexion ihrer Bürgerinnen und Bürger einfordert.

Ethisch relevant wären der Respekt vor der anderen Person, der Verzicht auf Sündenböcke und ein starkes Bewusstsein für die Verantwortung, die die Mitglieder der Gesellschaft sich wechselseitig schulden.

In einer freien Gesellschaft, die weitgehend auf sanktionierte Grenzen zwischen den Interessen der einen und anderen Person verzichtet, können wir nur klar kommen, wenn wir uns darauf verpflichten, fair miteinander umzugehen.

Der Staat befindet sich in einem Dauerexperiment.
Autor: Frank Mathwig Ethiker

Eine leise Mehrheit findet, der Staat macht seine Sache gar nicht so schlecht. Zu hören sind aber vor allem die lauten Stimmen. Die einen finden, der Staat tue zu wenig, um uns vor der Pandemie zu schützen. Andere sagen, die Einschränkungen gleichen einer Diktatur. Warum wurde der Staat für manche zum Feindbild?

Natürlich hat er als Absender von Freiheitsbeschränkungen die unkomfortabelste Rolle in dieser Pandemie. Wer keine Verantwortung trägt oder sie verweigert, kann sich problemlos über Freiheitsbeschränkungen aufregen.

Die Behörden erlassen Einschränkungen, weil sie weitreichende Schutzpflichten gegenüber der Bevölkerung haben. Die Freiheitsrechte und die Schutzpflichten müssen immer zusammen gedacht werden.

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"Freiheit" als politisches Schlagwort
05:29 min, aus Echo der Zeit vom 05.09.2021.
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Der Staat befindet sich in einem Dauerexperiment, besonders jetzt, wo er nicht auf Erfahrungen zurückgreifen kann, wie wir durch die Pandemiekrise kommen und wie das ideale Gleichgewicht zwischen Schutzpflicht und Freiheitsrechten aussieht.

Ich erwarte aber von jeder Person, die dagegen protestiert, dass sie diese doppelte Herausforderung im Blick hat. Das scheint mir etwas verloren gegangen zu sein. Protest muss eine konstruktive Idee verfolgen.

Das Ziel, die eigene Freiheit zu maximalisieren, taugt nicht, wenn es nicht mit dem anderen Ziel verbunden wird: Wie kann ich Menschen davor schützen, durch das Virus schwer zu erkranken oder zu sterben?

Das Gespräch führte Raphael Zehnder.

SRF 2 Kultur, Kontext, 21.9.2021, 9:03 Uhr;

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24 Kommentare

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  • Kommentar von Benjamina Rinaldi  (Benjamina77)
    Eine Freiheit ist für mich auch, sich Viren in einem angemessenen Mass aussetzen zu dürfen; damit das Immunsystem trainiert bleibt. Mit den Massnahmen ist das fast schon etwas schwierig. Ein trainiertes Immunsystem schützt auch vor schweren Verläufen. Ich respektiere also, wenn jemand auf die Impfung setzt. Möchte aber auch den Respekt, wenn ich meinem gesunden Immunsystem vertraue. Dies ist für mich gegenseitiger Respekt.
    1. Antwort von Mathias Lenz  (mlenz)
      Das Immunsystem muss nicht trainiert werden wie ein Muskel. Es versucht, rechtzeitig eine spezifische Abwehr für einen Krankheitserreger zu erzeugen. Und genau dafür ist eine Impfung ja auch da, damit es in dem Fall einen Vorsprung hat. Das ist bei allen Impfungen so. Ich will ja sehen, wie Sie Ihr tolles Immunsystem gegen Pocken oder Tuberkulose "trainieren", ohne zu Impfen.
    2. Antwort von Mathias Lenz  (mlenz)
      Und wenn Personen dank ihres ach so tollen, aber trotzdem zu schwachen Immunsystems auf der Intensivstation liegen, müssen das alle Geimpften die Kosten mittragen. Das ist erst mal nicht so toll, aber wohl ethisch nicht anders lösbar. Und da Infizierte mit hoher Wahrscheinlichkeit andere anstecken und für deren Krankheit mitschuldig sind, ist das insgesamt meiner Meinung nach keine verantwortbare oder respektable Haltung.
    3. Antwort von Daniel Kappeler  (Dani Toggenburg)
      @Rinaldi: Ja sehen Sie Frau Rinaldi, mein Onkel, 70, auf einem Bauernhof aufgewachsen, immer im Freien, somit mit einem wohl sehr guten Immunsystem, hat sich angesteckt, ist auf der Intensivstation gelandet und 3 Tage später verstorben. Ihre Freiheit ist, sich den Viren aussetzen zu dürfen. Leider hat das Pflegepersonal nicht die Freitheit, zu wählen, ob sie jetzt Patientien auf den IPS behandeln wollen oder nicht. Eigenverantwortung kann dann nicht mehr wahrgenommen werden.
    4. Antwort von Felix Stern  (Felix Stern)
      @Lenz: Ein Immunsystem muss genauso trainiert werden, wie ein Muskel. Je mehr man sich möglichen Erregern aussetzt, um so vielseitiger das Immunsystem. Wer das nicht tut, der wird anfällig für Allergien.

      Wie reagiert das Immunsystem auf die Pocken? Man bekommt die Pocken. Am besten als Kind. Dann ist das Immunsystem am stärksten. Als Erwachsener empfiehlt sich dann die Impfung, weil das Immunsystem nicht mehr so schnell reagiert.

      Das gleiche gilt bei der Grippe.
    5. Antwort von Thomas Hauri  (Thomas.H.)
      Wir leben in eine komplett angstgesteuerten Gesellschaft. Nur: Angst ist Gift für das Immunsystem!
  • Kommentar von Ernst U. Haensler  (ErnstU)
    Alles Harmonie und Ausgewogen, alles respektieren - keine Schuldigen? Und die Gesundheit der Mitmenschen egal?
    1. Antwort von Thomas Hauri  (Thomas.H.)
      Mittmenschen: jeder kann sich ja Impfen lassen und sich so selbst schützen.
  • Kommentar von Christian Buetler  (Bue)
    Meine Freiheit beginnt da, wo mich andere wegen Corona Angst einschränken wollen um trotz dieser Angst keine Nachteile tragen zu müssen.