Was ist passiert? Philosophiedozent Martin Peterson darf in Texas Platons «Symposion» nicht mehr mit Studierenden lesen. Offenbar missfallen den US-Behörden Platons Reden über Homoerotik, gleichgeschlechtliche Liebe und Androgynität. Laut Regulativ des US-Hochschulrats von vergangenem Herbst sollen Lehranstalten auf Themen wie Gender und Geschlechteridentität verzichten. Der Leitung der texanischen A&M University war der Text scheinbar zu pikant für den Lehrplan.
Was steht «Anstössiges» im Werk «Symposion»? Reden und Dialoge zum «Eros», zum sexuellen Verlangen. Wobei Platon den Eros als Antrieb zu allem Kreativen versteht, auch und gerade zum Philosophieren. So gehöre das leidenschaftliche Streben nach sinnlicher Schönheit zum Streben nach höherer Erkenntnis. Im Griechentum gehören Schönheit und «Gutheit» zusammen. Als Beispiel für den sinnlichen An-Reiz nennt Platon die Schönheit junger Männer. Diese «Homoerotik» gehört zur antiken, griechischen Kultur, gerade bei einem vielstündigen Gastmahl («Symposion») ganz unter Männern – scheinbar aber nicht mehr an US-amerikanischen Hochschulen.
Seit wann erregt die Homoerotik in Platon «Symposion» Anstoss? In der Antike war es weniger die Homoerotik als bestimmte Sexualpraktiken, die es in der griechischen Oberschicht gab. Schon die Römer empfanden die sogenannte «Knabenliebe der Griechen» als unsittlich, weil es sich dabei um die Penetration junger Männer aus der Oberschicht handelte. Das kommt aber im Symposion gar nicht explizit vor. Die Römer fanden, Penetration würde Männer «verweiblichen», also «entmannen» und «entmächtigen». Die Griechen verstanden es genau umgekehrt: Die erotische bis leidenschaftliche Beziehung zwischen älteren Männern und jüngeren wurde als Schule oder Initiation betrachtet.
Woher diese erotische Anziehung überhaupt kommt, dazu findet Platon-Protagonist Aristophanes die kurioseste Antwort: Am Gastmahl erzählt er seinen Mythos vom «Kugelmenschen». Darin kommen «Androgynität» vor und ein Loblied auf die gleichgeschlechtliche Liebe.
Wie wichtig ist das «Symposion» überhaupt? Das Symposion wird seit bald 2400 Jahren «überall» zitiert, weitergedacht und auch kritisiert. Bis hin zu Michel Foucaults Sexualitätsgeschichte. In jedem Fall wird sich bis heute mit ihm auseinandergesetzt. Ein Verständnis des gesellschaftlichen Kontexts von Eros und Homoerotik ist dabei die Basis, um das «Symposion» kritisieren zu können – etwa als patriarchal, frauenfeindlich oder elitär. Praktizierte Sexualität – im engeren Sinne – steht auch gar nicht im Vordergrund, weder im Text noch in der breiten Rezeption. Im Symposion geht es um Fragen der Poetik (Komödie und Tragödie), und es geht um die Grundlagen von Denken und Erkennen überhaupt.
Ist Platons «Symposion» heute noch lesbar? Platons Storytelling funktioniert bestens: eine Rahmenhandlung hilft hinein und etwas zu lachen gibt es auch. Die Lektüre dauert auch nur gut zwei Stunden. Schmunzeln kann man bis zum Schluss, wenn Sokrates – nach durchphilosophierter Nacht – seine eingenickten Gesprächspartner väterlich zudeckt, bevor er selbst heim ins Bett geht. Übrigens allein.
Was ist die Reaktion auf das Lehr-Verbot? Das «Symposion» ist ein Basistext der abendländischen Philosophie und Kultur. In der Wissenschaft wird das Verbot als Angriff auf die Freiheit von Forschung und Lehre gelesen. Kein Wunder, macht der betroffene Hochschullehrer Peterson jetzt stattdessen ein Seminar zu «Wissenschaftsfreiheit».